01.10.2021 - 12:14 Uhr
Wildenreuth bei ErbendorfOberpfalz

Zwei Oberpfälzer auf Schnitzeljagd durch den Osten Europas

In 13 Tagen mehr als 4000 Kilometer durch 14 Länder: Ein Abenteuer der besonderen Art erlebten der 28-jährige Michael Höcht aus Reuth und der 22-jährige Tobias Thurm mit dem 34 Jahre alten Renault R4 auf der Balkan-Express-Rallye.

Ein Abenteuer der besonderen Art erlebten der 28-jährige Michael Höcht aus Reuth und der 22-jährige Tobias Thurm aus Wildenreuth mit dem 34 Jahre alten Renault R4 auf der „Balkan-Express-Rallye“.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Mit seinem Renault R4, Baujahr 1987, nahm Tobias Thurm gemeinsam mit seinem Freund Michael Höcht an der Rallye „Balkan Express 2021“ teil. Ende August, Anfang September ging es in 13 Tagen mehr als 4000 Kilometer durch 14 Länder – durch den Südosten Europas. In Dresden starteten auch die zwei Oberpfälzer vom Team „Escobarts“ und knapp 100 andere Teams.

Die Regeln: Das Auto muss älter als 20 Jahre sein, es wird ohne GPS, abseits der Autobahnen und Schnellstraßen gefahren und es werden Spenden für wohltätige Zwecke gesammelt. Die Rallye fand zum dritten Mal statt. Der 22-jährige Tobi und der 28-jährige Michi waren zum ersten Mal dabei. Eigentlich wollten die beiden schon 2020 mitfahren, doch die Rallye wurde wegen Corona abgesagt.

Zur rechten Zeit am rechten Ort

Den R4 kaufte Tobias im August 2019 eigentlich für eine andere Rallye. Der weiße Oldtimer war noch im Originalzustand, hatte 42 000 Kilometer drauf. „Für 1500 Euro ein relatives Schnäppchen“, sagt Tobias. Er kaufte ihn halb restauriert. Die Türen waren eingedellt, Kotflügel sowie Innenkotflügel und die Blende am Unterboden waren verrostet. „Ich hab ihn zerlegt und wieder zusammengebaut.“ Der R4 war sozusagen die Meisterarbeit des Mechatronikers.

Michael Höcht tauchte dann zur rechten Zeit am rechten Ort in der Autowerkstatt Thurm auf. Der 28-Jährige aus Reuth bei Erbendorf wollte bei einer Rallye des „Superlative Adventure Club“ mitfahren, welches Auto die Schrauber dafür empfehlen könnten, fragte er. „Da stand ich gerade neben meinem R4 in der Halle und hab dran geschraubt“, sagt Tobias und lacht. Da aus der Rallye, die der Wildenreuther mitfahren wollte, nichts wurde, entschlossen sich die beiden, gemeinsam an der Balkan-Express-Rallye teilzunehmen. Doch auch die wurde 2020 wegen Corona abgesagt. Das Autorennen durch den Osten Europas wurde auf heuer verschoben.

Kofferraum voller Ersatzteile

„Schon allein der Start in Dresden war ein Spektakel“, erinnern sich die beiden. Tobias und Michi vom Team „Escobarts Crew“ hatten die Startnummer 96. Ob der Mechatroniker beim Start Vertrauen in den 34 Jahre alten R4 hatte, dass der Oldtimer die 4000 Kilometer schafft? „Ja, schon“, sagt Tobias zögerlich. Er war auf viele Eventualitäten und mögliche Pannen vorbereitet. „Wir hatten viel mehr Werkzeug und Ersatzteile dabei als Klamotten“, sagt der 22-jährige Rallye-Fahrer. Michi war Copilot und Navigator. Er kümmerte sich um das Landkartenmaterial. „Ich wusste zwar grob, wo es hin geht, aber hab mich eigentlich gar nicht so auf die Rallye vorbereitet“, erzählt Tobias.

Das Autorennen sollte hauptsächlich Spaß machen. Die genaue Strecke erhielten die zwei Oberpfälzer mit dem Roadbook beim Start in Dresden. Darin vermerkt waren für die Teilnehmer auch Sehenswürdigkeiten, besondere Stationen zum Anhalten sowie lustige Herausforderungen und Tagesaufgaben. „Wir haben das nicht so ernst genommen und nicht alle Aufgaben mitgemacht. Wir sind auch mal eine andere Strecke gefahren. Wir wollten so viele Passstraßen wie möglich mitnehmen“, erzählt Tobias und lacht.

Bären auf der Straße

Innerhalb von 13 Tagen bewältigten die Teams die Tour durch Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Montenegro, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Österreich. Unter den Teams ging es freundschaftlich zu: „Da gab es kein Konkurrenzdenken“, sagt Michi, der als Informatiker und Programmierer arbeitet. Während der fast zweiwöchigen Veranstaltung gab es zwei Partys, bei der sich alle Teams trafen – eine in Transsilvanien und eine Montenegro. Aber schon vorher trafen sich einige Teams auf der Strecke und fuhren einige Etappen gemeinsam.

In Rumänien fotografierten Tobi und Michi aus dem Auto heraus einen Braunbären, der auf der Landstraße lief. „Dass ich ihn mit der Kamera angeblitzt hab, weil's schon dunkel war, hat ihm gar nicht gefallen. So schnell hatte ich den ersten Gang noch nie drin!“

Knoblauch essen vor Draculas Schloss in Transsilvanien, Armdrücken mit einem bulgarischen Lastwagenfahrer oder sich ein Schaf ins Auto setzen: Das waren alles Aufgaben, die das Roadbook vorgab. „Das mit dem Schaf haben wir sogar geschafft!“, freut sich Michi. „Es war weniger eine Rallye als eine Schnitzeljagd mit dem Auto“, findet der Informatiker.

Zwei Pannen kurz nacheinander

In ihrem eigenen kleinen blauen Fahrtenbüchlein vermerkten sie, wann und wie viel sie tankten, die Kilometer der Tagesetappen und wichtige Städtenamen fürs Navigieren. Kurz vor Bulgarien passierte dann die erste Panne mit dem R4. Der Benzinfilter war kaputt. „Ich hatte alles dabei – sogar eine Benzinpumpe, aber keinen Benzinfilter.“ Zu Hilfe kam ihnen Hardy. „Er ist selbst ernannter Rallye-Mechaniker“, sagt Tobias. Hardy fährt alleine in seinem gelben VW-Passat mit der Aufschrift „Straßenwächter“ und hilft allen gestrandeten Teams. Die ersten zwei bis drei Tage waren die Oberpfälzer mit ihm unterwegs.

Kurz darauf die nächste Panne. In Bulgarien blieb das Team „Escobarts Crew“ stehen. Der Unterbrecher in der Zündung war durch, der Schließwinkel war verstellt und ging einfach aus. „Es ist ein altes Auto mit Unterbrecherzündung. Aber da muss man erst mal draufkommen. Zugegeben, da musste ich meinen Vater anrufen“, sagt Tobias und lacht.

Mehr als das eigene Auto zu richten, mussten Tobias und Michi anhalten, um anderen zu helfen. „Das besagt der Ehrenkodex, dass man sich gegenseitig hilft“, wirft der 28-Jährige Beifahrer ein. „Wenn was an meinem Auto war, ist es meistens nach fünf Minuten wieder gelaufen“, berichtet der Wildenreuther. Etwa an der Grenze von Mazedonien zu Albanien. Da wurde der Auspuff locker. Tobias reparierte den R4 gleich an einer Strandbar. „Eine tollere Aussicht beim Arbeiten gibt es nicht. Und der Wirt brachte uns super leckeres Essen und Wein.“ Überall seien die Menschen sehr gastfreundlich und auch das Essen sei bei allen Stopps überragend gewesen. Auf der Terrasse in Wildenreuth geraten Tobias und Michi wieder ins Schwärmen. „Rumänien war echt schön, die Leute die Landschaft. Echt beeindruckend“, ist Tobias begeistert. „Auch Albanien und Montenegro haben uns wirklich sehr gut gefallen“, wirft Michael ein.

5858 Kilometer

Corona sei auf der ganzen Strecke überhaupt kein Problem gewesen, erzählen die beiden Rallye-Fahrer. An manchen Grenzen wollte man nicht mal ihren Impf-Nachweis sehen. „Erst als wir dann wieder nach Kroatien sind. Aber eigentlich hat Corona hat keine großen Umstände gemacht.“

Am 13. Tag erreichten die Oberpfälzer das Ziel in Salzburg. Dort empfingen Tobias’ Eltern das Rallye-Team mit Sekt. „Das war eine tolle Überraschung“, freute sich der 22-Jährige. Bei seiner Familie und seiner Freundin Christina bedankt er sich ganz besonders für deren Unterstützung.

Vom Startpunkt daheim in Wildenreuth durch den Osten Europas und wieder zurück legten Tobi und Michi genau 5858 Kilometer zurück. „Der R4 hat gut mitgemacht, ohne größere Probleme“, ist der Fahrer zufrieden. Insgesamt sammelten die rund 100 Teams 93 000 Euro für den guten Zweck. Die Oberpfälzer sammelten 520 Euro an Spendengeldern. Die zwei jungen Männer sammeln für Projekte des Förderkreises Borderline-Trialog in Nürnberg. Der Verein ist eine Informations- und Beratungsstelle für Betroffene und Angehörige.

Von der Tour sind die beiden immer noch ganz angetan. Sie überlegen, vielleicht den „Baltic Sea Circle“ über Skandinavien mitzufahren. „In den Norden, das wärs noch mal. Aber da bräuchten wir fast ein anderes Auto.“

Mit dem Bau einer Hütte verarbeitete Tobias Thurm einen schweren Schicksalsschlag

Wildenreuth bei Erbendorf

Andreas Gärtner und Florian Weinberger wollten bei der Baltic-Sea-Circle-Rallye starten

Mitterteich
Hintergrund:

Das Rallye-Fahrzeug

  • Marke: Renault
  • Modell: R 4 GTL
  • Baujahr: 1987
  • PS: 34
  • Zylinder: 4
  • Hubraum: 1100
  • Kilometer: 45687
  • km/h: 120

„Wir hatten viel mehr Werkzeug und Ersatzteile dabei als Klamotten.“

Rallye-Fahrer Tobias Thurm (22)

 

 

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