01.08.2021 - 17:10 Uhr
WindischeschenbachOberpfalz

Windischeschenbach: Die Hauptstadt des Zoiglbiers

Die Oberpfälzer Kleinstadt Windischeschenbach ist vor allem für eines bekannt: Zoiglkultur. Zoigl steht für Emotionen, gemütliches Ambiente und gutes Bier. Aber die Stadt an der Porzellanstraße hat noch viel mehr zu bieten.

Reinhard Fütterer, der Zoigliwirt im Schafferhof.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Bernsteinfarben, kühl und erfrischend. „Zoigl steht für Echtheit und Authentizität“, sagt Reinhard Fütterer lachend und nimmt genüsslich einen Schluck von seinem Zoiglbier. Er hat es selbst gebraut. Im Kommunbrauhaus von Neuhaus, einem Ortsteil von Windischeschenbach. Einmal im Monat schenkt er Zoigl in seinem Schafferhof aus. Hauptberuflich ist er Kaminkehrer. Seine Zoiglstube, gegenüber der Burg Neuhaus, ist eine von 14 in Windischeschenbach.

Das tiefste offene Loch der Welt

Windischeschenbach hat damit die meisten Zoiglstuben in der Oberpfalz. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich die Stadt mit ihrem Ortsteil Neuhaus vor allem als "Hauptstadt des Zoiglbiers" rühmt. Dabei hat sie noch so viel mehr zu bieten. "Das tiefste offene Loch der Welt zum Beispiel", sagt Fütterer. Damit meint er die Kontinentale Tiefbohrung (KTB) etwas außerhalb der Stadt. Eine der Bohrungen ist 9101 Meter tief. Im Geo-Zentrum an der KTB können sich Interessierte über die weltweit einmalige Bohrung informieren.

Die Hauptstadt des Zoiglbiers

"Nicht jede Stadt hat so ein tiefes Loch", scherzt auch Johann "Hannes" Rupprecht. Der Sägewerksbesitzer im Ruhestand macht gerade Mittagspause im Biergarten vom Schafferhof. Der gebürtige Oberbaummühler (Ortsteil von Windischeschenbach), ist in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund. Als Laienschauspieler, Autor und Poet stand er schon oft auf Oberpfälzer Bühnen. Auch auf der Freilichtbühne beim Schafferhof.

Die beiden Männer sind sich einig, das Geozentrum in Windischeschenbach ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Vielleicht sei das Loch sogar bekannter als der Zoigl. Es gibt trotzdem mehr „Biertrinker als Geologen“, räumt der Zoiglwirt lachend ein. Wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum seine Zoiglstube einmal im Monat so gut besetzt ist.

Zoigl ist eine uralte Tradition

"Schon vor über 600 Jahre haben sich ein paar Idealisten die Mühe gemacht Zoigl zu brauen", sagt Fütterer. Auch heute wird noch handwerklich gebraut. "Da gibt es keinen Knopf, wo man draufdrückt und hinten kommt dann das Bier raus", sagt der Zoiglwirt. Einmal im Monat geht Fütterer zum Bierbrauen in das Kommunbrauhaus von Neuhaus. Sein Wissen hat er vom "Keck´n Ernst", der schon seit über 40 Jahren Zoigl braut.

Nach dem Brauvorgang wird der Zoigl in einem großen Kühlschiff direkt im Brauhaus gekühlt. Am nächsten Tag fährt Fütterer das Bier dann in einem großen Tank zum Schafferhof. Dort kommt es in einen großen Gärbottich („Kuafn“). Danach wird erst die Hefe hinzugefügt. "Die verwandelt dann den Zucker, den wir beim Bierbrauen gewonnen haben, in Sauerstoff und Alkohol", erklärt Fütterer: "Und da kommt dann der Geschmack her." Der Gärungsprozess dauert zehn bis vierzehn Tage. Dann kommt der Zoigl in die Lagertanks. Dort findet eine Nachgärung statt und nach vier bis zwölf Wochen kommt der Zoigl zum Ausschank. Ganz frisch. "Und das schmeckt man auch", bestätigt Hannes Rupprecht und nimmt einen großen Schluck aus seinem Krug.

Zoiglstuben schenken solange Bier aus, bis das Fass leer ist. Dann wird nachgebraut. Währenddessen öffnet eine andere Stube. Der Zoiglstern an der Hausfassade zeigt an, wo gerade Zoigl ausgeschenkt wird. Das alte Bierbrauerzeichen wurde ab dem 14. Jahrhundert verwendet. "Er hat nichts mit einem Judenstern zu tun. Stammt aber aus derselben Zeit", erklärt Fütterer. Er sei nichts anderes als ein Hexagramm, ein Sechsstern. Die einzelnen Zacken stehen für die Elemente Feuer, Erde, Luft und die Inhaltstoffe Hopfen, Wasser und Malz - "Hefe war damals noch nicht so bekannt", sagt der Zoiglwirt.

"Zoigl ist Emotion"

Beim Zoigl gehe es nicht nur um das Bier selbst: "Beim Zoigln sind alle gleich", sagt der Wirt. Ohne auf den Altersunterschied und ohne auf den Standesunterschied zu achten, sitzen die Menschen zusammen und ratschen über Gott und die Welt. Arbeitgeber neben Arbeitnehmer. Ohne politischen Hintergrund. "Deshalb bin ich auch so gerne Zoiglwirt. Über 99 Prozent meiner Gäste sind nette und entspannte Leut", sagt Fütterer. Bei Zoiglwirten gäbe es zudem immer ein gutes Preisleistungsverhältnis, eine gute Brotzeit, eine nette Bedienung und ein gemütliches Ambiente. "Ich glaube, das ist das Erfolgsrezept vom Zoigl", sagt der Neuhauser.

Das Bier sollte natürlich auch gut schmecken, räumt der Zoiglwirt ein. Doch das tut das untergärige Bier eigentlich immer. "Egal ob man zum Lingl, Käckn oder Gloserwirt geht", sagt Fütterer: "Das schlimme an dem Bier ist, mit jedem Bier, was man trinkt, schmeckt es noch besser."

Die Oberpfälzer Zoiglkultur wurde 2018 bundesweit als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet. In der Oberpfalz gibt es fünf Kommunbrauhäuser. Das Bier schmeckt überall anders, sagt Fütterer. Jeder habe sein eigenes Rezept. Beim einen ist es dunkler und malziger. Beim anderen ist es heller und pilsiger. Auch auf dem Schafferhof kann in vier Wochen das Bier schon wieder etwas anders schmecken. Das sei laut Fütterer von der Bräu abhängig. Der Zoiglwirt schenkt nie die ganze Bräu aus. Der kleine Rest lagert im Tank noch weiter und wird beim nächsten Bierbrauen weiterverwendet. So schmeckt der Zoigl jedes mal ein klein wenig anders.

Zoigl als Waffe im Kalten Krieg

Die Windischeschenbacher waren sich laut Rupprecht schon immer der Wirkung ihres Zoigls bewusst. In den 70er Jahren, zu Zeiten des kalten Krieges, hatten auch die Windischeschenbacher Angst, dass die Russen in ihre Stadt einmarschieren. Die Oberpfälzer entwickelten also einen Plan, in dem auch der Zoigl eine Rolle spielte. Mit einem Augenzwinkern erklärt Rupprecht die Verteidigungsstrategie der Stadt: "Wenn man die Neuhauser Straße hinunter fährt, gelangt man zu einer Bahnunterführung. Das Mauseloch. Es gab damals noch keine Autobahn und keinen großen Zubringer. Wenn man also von Osten kam, und der Russe kam bekanntlich von Osten, musste man über die kleine Bergstraße und durch dieses Mauseloch." Deshalb stellte die Stadt hinter der Bahnunterführung einen großen Betonquader auf. Eine Panzersperre. Im Angriffsfall sollte dieser Betonquader gesprengt werden, sodass der Zugang in die Stadt versperrt ist.

Rupprecht beschreibt die Idee in einem satirischen Mundart-Gedicht so: "Der Russ kann nicht mehr weiter fohrn, Kann bloß nu umma staih. Und wenn der Russ lang umma staiht, wird er zum Zoigl gaih. Und wenn der Russ am Zoigl is, des sagt der Zoiglwirt, dann hat er bald sein Blätterer und findt sein Panzer naid." Die Windischeschenbacher hofften also, dass der Russe sich eine Zoiglwirtschaft sucht und anschießend zu betrunken für einen Angriff ist.

Die Stadt hat die Panzersperre zum Glück nie gebraucht. Heute steht der Betonklotz unter Denkmalschutz. "Zur ewigen Erinnerung an die Verteidigungsstrategie von Windischeschenbach", sagt Rupprecht und lacht.

Geheimnisse in Windischeschenbach

Der Betonklotz ist nicht das einzige, was Rupprecht in einem Gedicht verewigte. Er kennt die Stadt wie seine Westentasche. Besonders angetan hat es ihm das Waldnaabtal. Manchmal nimmt er Besucher dorthin mit auf Sagenreise. Auch Fütterer kann die Begeisterung für das märchenhafte Waldnaabtal verstehen: "Da geht mir wirklich jedes mal das Herz auf. Obwohl ich ja hier wohne, bin ich sehr oft dort unterwegs." Genau wie der Zoigl ist das Waldnaabtal längst kein Geheimtipp mehr. Deshalb empfehlen die beiden einen Besuch unter der Woche. Auch ein Besuch bei Burg Neuhaus mit ihrem markanten Butterfassturm lohne sich. Mehr Ausflugstipps möchten die beiden aber nicht verraten. "Ein paar Geheimnisse müssen auch noch bleiben", sagt Fütterer lehnt sich zurück und genießt weiter sein Zoigl im Schatten der Burg.

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Hintergrund:

Windischeschenbach

  • Eine Stadt im Landkreis Neustadt an der Waldnaab
  • Windischeschenbach hat knapp 5000 Einwohner.
  • Die Stadt hat 20 Gemeindeteile.
  • Windischeschenbach liegt an der Bayerischen Porzellanstraße.
  • Bis 1424 hieß der Ort nur Eschenbach. Um ihn vom weiter westlich gelegenen Eschenbach abzugrenzen, erhielt er den Zusatz Windisch.
Gedicht von Hannes Rupprecht:

Wenn der Russ kummt, oder der kalte Kraich

Es steht bei der Neuhauser Bruck, bei uns der kalte Kraich. Der kalte Kraich is aus Beton, der macht den Russen schaich.

Weil wenn der Russ mit´n Panzer kummt, dann kummt er von Neuhaus. Dann schmeisen wir den Pfosten um,dann ist der Kraich glei aus.

Der Russ kann nicht mehr weiter fohrn, kann bloß nu umma staih. Und wenn der Russ lang umma staiht, wird er zum Zoigl gaih.

Und wenn der Russ am Zoigl is, des sagt der Zoiglwirt, dann hat er bald sein Blätterer und findt sein Panzer naid.

Und wenn der Russ koin Panzer hat, dann gaiht der wieder ham. Und bis der z´Fuß auf Russland kummt, haun mir den Panzer z´samm.

Und wenn der Russ dann wieder kummt. dann is der Panzer weg. So wird der Sieg wohl unser sein, der Russ hat einen Dregg.

So is sie g´wen, die Strategie, für´n Winter und für´n Summer. In Frühling hait´s auch funktioniert, doch is der Russ nicht kumma.

Aitz steht a Friedensengel drom, aus purpurroten Glos. Wenn d´Sunna scheint, dann glitzert er, wenn´s rengt, dann wird er noß.

Und wenn der Russ, aitz kumma tat, und dann dern Engel saiht, dann woiß er glei das Frieden is, und dass min Kraich nix wird.

Dann sagt der Russ, ja des is schai. Da kann i glei am Zoigl gaih!

Kalinka, Kalinka. Wou kannt ma Zoigl trinka?

Ja haut d´ an oder hout´n, nou gem ma halt zum Rout´n

Ja Rasputin, ja Rasputin. Wou gem ma aitz am Zoigl hin?

Gem ma a Hais´l weiter, gem ma zum Fiedlschneider.

Ja Stroganoff, ja Stroganoff, vielleicht houd a der Binner off?

Ja Hammer sog´i Sichl, oder der Schoilermichl

Zum Käck´n af Neuhaus, aitz is des G´chichtl aus.

"Beim Zoigl gibt es immer ein gutes Preisleistungsverhältnis, eine gute Brotzeit, eine nette Bedienung und ein gemütliches Ambiente. Ich glaube, das ist auch das Erfolgsrezept vom Zoigl"

Reinhard Fütterer

 

 

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