05.04.2021 - 12:02 Uhr
WunsiedelOberpfalz

Wunsiedel hilft, Blackout abzuwenden

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Vor einigen Wochen wären in Europa fast die Lichter ausgegangen. Auch der Batteriespeicher im Energiepark hat geholfen, das Stromnetz zu stabilisieren.

Wenn die Riesenbatterie voll aufgeladen ist, stecken 10,2 Megawattstunden Energie in ihr.
von Autor FPHProfil

Freitag, 8. Januar, 14.05 Uhr. Im Fichtelgebirge starten die Menschen ins Wochenende. Der Lockdown hat Deutschland im Griff, daher freuen sich die meisten Bürger auf gemütliche Stunden daheim. Zur selben Zeit fällt im 980 Kilometer entfernten kroatischen Umspannwerk Ernestinovo eine Kupplung, also eine Art Sicherung, für exakt 25 Sekunden aus. Dies führt zu einem erheblichen Frequenzabfall im Europäischen Verbundnetz. Die Netzfrequenz sinkt unter anderem im Bereich des Netzbetreibers Tennet von den europaweit standardisierten 50 Hertz um 260 Millihertz auf 49,74 Hertz.

Was sich nach einer winzigen Abweichung anhört, hätte um ein Haar dramatische Folgen gehabt. Europa steht kurz vor dem Blackout, also einem kompletten Zusammenbruch des Stromnetzes. Doch letztlich merkt niemand im Fichtelgebirge etwas von der Beinahe-Katastrophe. Daran hat auch Wunsiedel Anteil. Der Batteriespeicher Siestorage im Energiepark hat innerhalb von Millisekunden auf die Frequenzschwankung reagiert, Strom ins Netz abgegeben und mit weiteren Kraftwerken oder Pumpspeichern in ganz Europa die Frequenz stabilisiert.

Noch nicht energie-autark

"Auch in der Festspielstadt wäre es bei einem Blackout erst einmal finster geworden", sagt Marco Krasser, Geschäftsführer der Wunsiedler Stadtwerke SWW, die mit dem Siemens-Konzern eine Technologiepartnerschaft eingegangen ist. Noch ist die Stadt nicht energie-autark. Aber im Fall der Fälle wäre sie weit besser gerüstet als die meisten Kommunen in Deutschland. "Wenn von außen kein Strom kommt, könnten wir das Netz hier innerhalb von fünf bis sechs Stunden auf Basis erneuerbarer Energien, unserer großen Erdgas-Blockheizkraftwerke sowie des Batteriespeichers wieder geordnet hochfahren", erläutert Krasser. Zunächst würden die Ortsnetzstationen freigeschaltet, um so Verbraucher vom Netz zu trennen. Anschließend kämen die "Energiesteuermänner" der SWW zum Zug. Sie müssten die Blockheizkraftwerke hochfahren, um so quasi "per Hand" eine Netzfrequenz von 50 Hertz herzustellen. Auch hierbei wäre der Siestorage- Batteriespeicher ein wichtiger Baustein.

"Wer weiß, wie sich die Netzinstabilität bei uns ausgewirkt hätte, wenn wir den Batteriespeicher nicht gehabt hätten."

Andreas Schmuderer vom SWW-Projektpartner Siemens

Unterschreitet die Stromfrequenz 47,5 Hertz oder überschreitet sie den Wert von 52,5 Hertz, schalten sich die Stromerzeugungsanlagen reihenweise ab. Verantwortlich dafür sind technische Sicherheitsinstallationen in den Anlagen. Im Falle des kroatischen Umspannwerks war dies der Fall. Hier sind an dem Januartag ungewöhnlich hohe Stromexporte aus Südosteuropa angekommen und haben die Kupplung, die die Leitungen an dem Stromknotenpunkt verbindet, überlastet. Sofort setzte ein Domino-Effekt ein. Innerhalb von Sekunden waren 14 wesentliche Leitungen vom Netz. Dadurch war im einen Teil des europäischen Verbundnetzes zu viel Energie vorhanden, in anderen aber wiederum zu wenig. "In Italien und Frankreich mussten daher für Stunden Industrien vom Netz genommen werden."

Speicher hat sofort reagiert

"Wer weiß, wie sich die Netzinstabilität bei uns ausgewirkt hätte, wenn wir den Batteriespeicher nicht gehabt hätten", sagt Andreas Schmuderer vom SWW-Projektpartner Siemens. Er kennt den Speicher am Energiepark aus dem Effeff. Aufzeichnungen zeigten, dass der Batteriespeicher bei der Frequenzabweichung sofort reagiert habe. Voraussichtlich wäre es zwar in der Region lediglich zu einem Flacker-Effekt gekommen, aber auch durch Stromausfälle für den Bruchteil einer Sekunde können hochfeine industrielle Prozesse gestört und dadurch unterbrochen werden.

Rein optisch ist die Siestorage-Batterie unspektakulär und wirkt wie einige vor dem Energiepark zusammengestellte Hochseecontainer. Dass sich dahinter "Bayerns stärkste Batterie im kommunalen Umfeld", wie eine Fachzeitung schrieb, mit einer Leistung von 8,4 Megawatt verbirgt, wissen wohl die wenigsten. Bei voller Aufladung stecken rund 10,2 Megawattstunden Energie in den Lithium-Ionen-Batterien.

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Wenn noch in diesem Jahr in Wunsiedel die Wasserstoffproduktion anläuft, ist dies laut Schmuderer und Krasser ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Energiezukunft. Bisher ist es das Problem von Windkraft und Photovoltaik, dass diese nicht kontinuierlich und in gleicher Menge Energie liefern. "Daher ist es klug, die Energie in Batterien zu speichern oder eben in ebenfalls speicherbaren Wasserstoff umzuwandeln", sagt Schmuderer. Beide Experten sehen in der dezentralen Energieversorgung eine zukunftsträchtige Alternative zu Großkraftwerken. Diese produzieren entweder im Falle von Kohlekraftwerken Kohlendioxid oder in Atomkraftwerken tonnenweise jahrhundertelang strahlenden Abfall.

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