07.11.2020 - 09:50 Uhr
AmbergSport

Von der Triathlon-WM auf Hawaii zum Training auf den Annaberg

Vor knapp 30 Jahren finishte Rouven Oeckl zum ersten Mal auf Hawaii beim Ironman. Der Amberger hat über 150 Triathlon-Wettbewerbe absolviert - bis vergangenes Jahr. Von einer der drei Disziplinen profitiert er noch heute in seinem Beruf.

Das Postrad als Hilfsmittel – 1991 für Rouven Oeckl eine zusätzliche Trainingseinheit am Vormittag auf dem Weg zum Traumziel "Hawaii".
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

Hawaii, Oktober 1991: Der 19-jährige Rouven Oeckl steigt aus dem Flugzeug - ein Traum ist in Erfüllung gegangen: "Das war schon irgendwie ein Irrsinn. Nach Hawaii zu fliegen, als Schüler die Möglichkeit zu haben, dahin zu kommen. Ich hätte nie im Leben die Idee gehabt, da Urlaub zu machen."

Wie in der Sauna

Das tat er auch nicht: Rouven Oeckl bildete zusammen mit Alfons Schmaußer und Karl-Heinz Kleibrink das erste Amberger Trio, das auf Big Island am Ironman teilnahm - der inoffziellen Weltmeisterschaft der Triathleten. "Der erste Eindruck ist diese Wärme. Du steigst aus dem Flugzeug, und du hast Gefühl, du gehst in die Sauna. Ich habe das in dieser krassen Art noch nie erlebt", erinnert sich der heute 49-Jährige. "Ich habe das vom ersten Moment an genossen, jede Minute." In Kona, dem Austragungsort, habe er sich sofort wohl gefühlt. Sehr familiär sei es damals gewesen - insgesamt war Oeckl viermal beim Ironman, dreimal hat er gefinisht. Das zweite Mal war 1992, nach dem Abitur. Vier Wochen hielt er sich damals auf Hawaii auf. "Ich habe in dieser Zeit so richtig miterlebt, wie dieses verschlafene Kaff belebt wird."

Auf dem Postrad

Trainiert hatte er ausgiebig vorab in Amberg - unter anderem in seiner Lieblingsdisziplin, dem Radfahren. Bei der Post. "Das Strampeln an der frischen Luft, die Bewegung, das war zusätzliches Krafttraining am Vormittag." Denn seit er 18 Jahre alt war, hatte Rouven Oeckl gejobbt. Als Briefträger. Mit einem Postrad ohne Gangschaltung, und obendrein sehr schwer. "Ich habe das Geld gebraucht für mein Studium." Bis kurz vor seinem Einstieg ins Lehrerdasein fuhr er zunächst in Kümmersbruck und dann in Amberg Briefe aus. Knapp zehn Jahre lang. Parallel zum Studium und seiner Leidenschaft, dem Triathlon. "Ich fand das faszinierend. Gerade am Anfang des Ausdauersports merkt man unheimlich schnell, wie man weite Strecken zurücklegen kann." Ein Buch, das er damals in die Hand bekam, von Sepp Resnik, einem Österreicher, hat ihn geprägt. "Das Buch habe ich öfter gelesen." Der Titel: "Ironman. Vom Sinn des Wahnsinns Triathlon". Resnik habe Tag und Nacht trainiert, und das habe ihn, Oeckl, beeindruckt: "Dass man seine persönlichen Grenzen so verschieben kann."

Das Schlüsselerlebnis

Mit 16 Jahren hatte Rouven Oeckl eine Art Schlüsselerlebnis: "Ich konnte irgendwann mal nachts nicht schlafen, ich war nicht müde, es war heiß. Dann bin ich los zum Laufen, so gegen 22 Uhr. Die Dunkelheit, die Atmosphäre war einzigartig." Achteinhalb Kilometer lief Oeckl damals - und hatte einen höllischen Muskelkater. "Aber das war ein Aha-Erlebnis, das war einfach toll." Das Laufen war der Beginn, Uli Schillinger half ihm beim Radfahren, gab ihm Tipps. Knapp unter zehn Stunden war sein Ergebnis beim ersten Ironman in Roth - "nicht schlecht", befand Oeckl. Elf Ironman, manchmal 10 bis 15 Triathlons pro Jahr, darunter etliche kleine. Oeckls beste Zeit über die 3,8 km Schwimmen, 180 km Rad und 42,2 km Laufen: acht Stunden und 51 Minuten. Mit dieser Zeit wäre er heute bei vielen Ironmans immer noch gut mit dabei. Auf Hawaii war seine schnellste Zeit 9:31 Stunden - geschuldet der Hitze, dem Schwimmen im Meer, dem Wind.

Mountainbike-Lehrer

Die Rad-Disziplin behagte ihm besonders, und das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. "Ich unterrichte Mountainbikefahren an der Schule, das ist mein anderes Steckenpferd", erklärt der Sonderschullehrer, der am Sonderpädagogischen Förderzentrum in Sulzbach-Rosenberg unterrichtet. 2012 habe ihn eine Kollegin darauf angesprochen, er könne doch sein Talent weitergeben. Innerhalb von zwei Wochen machte er in einem Lehrgang den passenden Schein dazu: "Wenn man an der Schule etwas als Unterricht anbietet, muss man qualifiziert sein. Fürs Mountainbikefahren braucht man eine Ausbildung. Die dauert eine Woche, dazu können sich nur Sportlehrer melden." Mit acht Rädern ging's los, seine Schüler waren begeistert. "Sie kommen aus sozial schwachen, schwierigen, bildungsfernen Familien. Auch lernbehinderte Schüler sind dabei. Wenn sie gut gefördert werden und das Elternhaus dahinter steht, können wir sie halten und sie bekommen eine Ausbildung", erklärt Oeckl. Rund um den Annaberg in Sulzbach-Rosenberg erstreckt sich das Trainingsgelände.

Der Höhepunkt: das jährliche MTB-Rennen im Mai. 2013 fand das erste für die Oberpfalz, Oberfranken und Mittelfranken statt. Mit Schülern der Förderschule, von Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen - am Katzenberg bei Sulzbach-Rosenberg. 160 waren es im ersten Jahr, die Teilnehmerzahl steigerte sich im Laufe der Zeit auf über 300. "Das wurde dann zu viel, an unserer Schule sind selbst nur 180 Schüler", sagt Oeckl. Jetzt fahren nur noch Oberpfälzer mit, dennoch sind es noch über 200 - außer im Corona-Jahr 2020, da fand das Rennen nicht statt. Rouven Oeckl ist inzwischen im Lehrteam und bildet selbst Lehrer aus: "Die Anfrage ist irre, Mountainbiken boomt. Wir haben hundert Bewerber für 30 Plätze, aus allen Schularten."

Gemeinsam ins Ziel

Irgendwann kam - natürlich auch altersbedingt - der Gedanke ans Aufhören mit Leistungssport. Vergangenes Jahr war es soweit. Sohn Justus (15) war 2019 beim Steinberger Triathlon mit seinen Freunden gestartet. So weit so gut. "Ich hab die Jungs beim Radfahren überholt. Aber beim Laufen habe ich gesehen: Mein Kleiner kommt von hinten, der kann einfach super laufen. Auf den letzten 200 Metern sehe ich ihn hinter mir. Der hätte seinen alten Herrn stehen lassen, der wäre einfach vorbei. Aber wir sagten: Das machen wir zusammen, und so sind wir gemeinsam ins Ziel gelaufen. Das war der Zeitpunkt, wo mir klar war: Jetzt ist es gut!"

Rouven Oeckl schnellster Amberger am Steinberger See

Amberg
Rouven Oeckl:

Sonderschullehrer und digitaler Berater

Rouven Oeckl arbeitet seit 2002 am Förderzentrum in Sulzbach-Rosenberg als Sonderschullehrer, aktuell nur noch zwei Tage in der Woche. Er hat Mathematik, Biologie und Sport als Didaktikfach studiert. "Ich wollte nicht nach Amberg, denn da war mein Vater Lehrer", erklärt Oeckl. Das Referendariat absolvierte er in Schwandorf. Seit dem 1. Oktober 2020 pendelt der 49-Jährige zwei Tage pro Woche nach Regensburg zur Regierung der Oberpfalz. Dort kümmert er sich um die Digitalisierung der Förderschulen, sowohl für den Unterricht als auch fürs Lehrerkollegium - Berater für digitale Bildung nennt sich diese eine der vielen neuen Stellen, beschleunigt durch Corona.

Hinterrund:

"Froh, dass ich nicht im Cockpit gelandet bin"

Nach drei, vier Semestern während seines Studiums hatte Rouven Oeckl einen Durchhänger. „Da habe ich mich als Pilot bei der Lufthansa beworben. Aber die wollten mich nicht.“ Die Bewerbungs-Zeremonie sei aber ganz interessant gewesen. Räumliches Vorstellungsvermögen wurde unter anderem abgefragt und Englischkenntnisse (Oeckl: „Ich habe eine englische Mutter, kein Problem“). Das war in Runde eins. Oeckl war damals extra nach Hamburg gefahren. In der zweiten Runde, da „haben sie mich durchschaut.“ Denn unter anderem wurde Kommunikation gefragt, eine sogenannte Ein-Wege-Kommunikation: „Es darf immer nur einer sprechen, der andere hört zu. Dann muss man eine Aufgabe lösen.“ Aber wenn es stressig werde, so Oeckl, dann „mache ich einfach und kommuniziere nicht so viel.“ Das hätten die Prüfer genau erkannt, und daran wäre er gescheitert. „Wenn ich zurückblicke, bin ich froh, dass ich in keinem Cockpit gelandet bin“, sagt Oeckl. „Das hätte mir nicht gut getan. Viel weg von daheim und ständig im Hotelzimmer. Auch wenn man viel verdient und viel von der Welt sieht, ist es doch ein schwieriges Leben.“

 

 

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