18.01.2021 - 16:43 Uhr
Haselmühl bei KümmersbruckSport

Radprofi Schillinger: "Das Auto ist in uns reingefahren wie in eine Wand"

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Seit gut zehn Jahren fährt Andreas Schillinger für das beste deutsche Radsportteam, Bora-hansgrohe. Seine Teamkollegen und der Amberger bereiten sich derzeit in Trainingslagern vor. Am Samstag kommt es zur Katastrophe am Gardasee.

Andreas Schillinger mit Halskrause. Der Rücken- und Halsbereich schmerzt.
von Josef Maier Kontakt Profil

Am letzten Trainingstag am Gardasee wollten sie noch extra fleißig sein. Nach 180 Kilometern gab es noch eine Zugabe von 20 Kilometern, weil's so schön war, in Richtung Garda. Sieben Fahrer des Radsportteams Bora-hansgrohe, darunter der Amberger Andreas Schillinger, wurden am Samstag unweit des idyllischen Urlaubsortes Peschiera in einen Horrorunfall verwickelt, der auch tödlich hätte enden können. Drei Fahrer wurden schwerer verletzt. Der 37-jährige Schillinger trug Verletzungen im Wirbelbereich davon. Am Sonntag wurde er in die Oberpfalz heimgefahren. Am Montag erzählte der Vater eines vierjährigen Sohnes in seinem Haus in Haselmühl (Gemeinde Kümmersbruck), wo er sich erholt, von den dramatischen Szenen und Minuten in Italien.

ONETZ: Sind solche Situationen der absolute Alptraum für einen Radprofi?

Andreas Schillinger: Ich habe schon einige Stürze mitgemacht, in Rennen, auch schwere Stürze. Ich hatte auch schon Berührungen mit Autos, aber das am Samstag war schon eine andere Hausnummer. Das Auto ist in uns reingefahren wie in eine Wand.

ONETZ: Wie haben Sie die Sekunden des dramatischen Unfalls erlebt?

Andreas Schillinger: Die Frau im Mercedes kam von links und hatte ein Stoppschild. Wir waren auf der Hauptstraße unterwegs. Von Peschiera Richtung Norden. Der Unfall passierte zwei Kilometer außerhalb des Ortes. Sie wollte über die Kreuzung drüberfahren. Ich hatte das Gefühl, sie fuhr ungebremst drüber.

ONETZ: Gab es keine Chance zu reagieren?

Andreas Schillinger: Wir schauen permanent und ich bin auch immer voll konzentriert. Ich habe das Auto gesehen, als es aus der Kreuzung kam, da waren wir aber schon kurz vor der Kreuzung: Ich dachte mir kurz vorm Einschlag, das kann doch jetzt alles so nicht stimmen. So fährt keiner aus der Kreuzung. Für uns gab es keinerlei Chance zu reagieren. Wir sind ja geübt, Stürze zu vermeiden. Das Reaktionsvermögen ist da. Aber keiner von uns hatte da eine Chance.

ONETZ: Wenn man die Unfallbilder sieht, ein eingeklemmtes Rad unter dem Auto, dann hatten alle Glück im Unglück?

Andreas Schillinger: (überlegt ganz lange) Wenn man sieht, wie mein Helm ausschaut, dann muss ich sagen, der Helm hat uns das Leben gerettet. Da kann ich auch für meine Teamkollegen sprechen. Ich kann mich noch erinnern, dass die Frau dann gebremst hat. Bleibt sie auf dem Gas, fährt sie über mich drüber.

ONETZ: Wie war die Situation nach dem Unfall? Waren schnell Hilfskräfte da?

Andreas Schillinger: Die Hilfskräfte waren total schnell da. Unser Glück war auch, dass das Krankenhaus nur eineinhalb Kilometer entfernt vom Unfallort liegt. Wir haben ja auch im Trainingslager Meetings, wo wir geschult werden, wie Verletzungen festzustellen sind. Wir nehmen diese Schulungen sehr ernst. Deswegen waren wir auch innerhalb des Teams gut vorbereitet, jeder wusste, was zu tun ist.

Die Erstmeldung zum Unfall am Gardasee

Amberg

Andreas Schillinger und seine Karriereplanung

Amberg

ONETZ: Sie haben eine junge Familie. Der Schock wird riesengroß gewesen sein ...

Andreas Schillinger?: Ich hatte zunächst keinen Kontakt, aber klar, der Schock saß da tief, auch bei meinen Eltern. Normalerweise ruft ja nie der Teamarzt an, als meine Mutter hörte, dass der Teamarzt dran ist, war sie völlig bedient.

ONETZ: Brüche im Wirbelbereich, das hört sich nie gut an ...

Andreas Schillinger: Ich hatte Glück im Unglück, definitiv: Ich lebe noch. Unsere Ärzte beraten sich jetzt in Hamburg. Ich habe mir einen Halswirbel und vier oder fünf Brustwirbel gebrochen, das soll wieder konservativ verheilen. Bleibende Schäden soll es nicht geben. Ich kann alles bewegen. Bei Verletzungen im Wirbelbereich sind es Kleinigkeiten, dass ich auch noch ein total dickes Knie habe. Vielleicht ist da was angerissen. Ich warte jetzt die Ergebnisse aus Hamburg ab.

ONETZ: Kommen Sie um eine Operation herum?

Andreas Schillinger: Davon gehe ich aus.

ONETZ: Wie lange werden Sie ausfallen?

Andreas Schillinger: Das kann ich nicht sagen. Da muss ich auf die Ergebnisse aus Hamburg warten. Aber sicherlich muss alles sauber verheilen.

ONETZ: Was macht so ein Unfall mit der Psyche?

Andreas Schillinger: Bei den bisherigen Stürzen konnte ich das relativ schnell wieder ausblenden. Wie es sich bei diesem Unfall verhält, kann ich nicht sagen. Ich denke schon sehr viel nach über diesen Unfall. Bei Stürzen mache ich immer zunächst einen Selbstcheck. Auch am Samstag war ich nach dem Crash voll bei Bewusstsein, war ansprechbar. Für mich ist immer das Wichtigste, erst einmal aufzustehen: Als mich die Ärzte aber nicht aufstehen ließen, wusste ich, das ist was ernsteres. Ich kann wirklich noch nicht beurteilen, wie ich das verarbeite.

ONETZ: Denken Sie sogar über ein Karriereende nach?

Andreas Schillinger: Ich würde lügen, wenn ich sage, ich mache mir mit 37 Jahren keinen Kopf übers Karriereende. Den Leistungssport kann ich nicht ewig machen. Als ich hörte, an der Wirbelsäule ist etwas kaputt, dachte ich mir aber auch gleich, so will ich nicht vom Fahrrad steigen. So will ich meine Karriere nicht beenden.

ONETZ: Zur Stabilisierung tragen Sie eine Art Halskrause. In ihrem Facebook-Post haben Sie sie als "Schal" bezeichnet. Was sagte denn Ihr kleiner Sohn Lukas zu dem "Schal"?

Andreas Schillinger: Er hat ihn sich schon angeschaut. Ich habe ihm erklärt, dass ich gestürzt bin und er ja auch schon mal beim Radfahren gestürzt sei. Das könne überall passieren. Er hat das ganz locker aufgenommen. Aber er freut sich natürlich, dass ich jetzt viel Zeit für ihn habe.

Info:

Das ist Andreas Schillinger

  • Geboren am 13. Juli 1983 in Kümmersbruck (Kreis Amberg-Sulzbach)


  • Erste Radanfänge als Jugendlicher 1997 bei der RSG Vilstal, Aufnahme in den Bayernkader


  • 2001 Junioren-Radbundesliga Sieger sowohl im Einzel als auch mit seinem Team


  • Deutscher Bergmeister 2007 und 2009


  • Seit 2010 bei Bora-hansgrohe (das Team hieß früher Team Net-App oder Bora-Argon 18)


  • dreimalige Teilnahme an der Tour de France, zwei Mal am Giro d’Italia


  • Schillinger und seine Eltern führen ein Radgeschäft in Amberg
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