20.05.2021 - 17:06 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Mirko Reichel, Pfreimder Schützengräben und der Glaube an den Aufstieg der SpVgg Greuther Fürth

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Mirko Reichel hat lange für die SpVgg Greuther Fürth gespielt. Jetzt ist er dort verantwortlich für die Talentausbildung. Im Interview erklärt der 50-Jährige, der auch für die SpVgg Weiden auflief, warum Fürth in die Bundesliga aufsteigt.

Mirko Reichel (links) arbeitete lange als Co-Trainer mit Chefcoach Mike Büskens bei der SpVgg Greuther Fürth. Im Jahr 2012 stiegen beide mit ihrem Team in die Bundesliga auf. Im März 2013 wurden sie entlassen. Reichel arbeitet aber mittlerweile schon lange wieder für das Kleeblatt.
von Josef Maier Kontakt Profil

ONETZ: Herr Reichel, nach dem Sieg in Paderborn und den Patzern der Konkurrenz geht es am Sonntag um alles. Haben Sie geglaubt, dass es am letzten Spieltag so kommt?

Mirko Reichel: Ja, denn die Mannschaft hat auch zuletzt bestätigt, was sie die ganze Saison gezeigt hat. Sie ist in der Lage, alles, was im Fußball gefordert ist, umzusetzen. Ob das Ballbesitzfußball ist oder das Umschaltspiel mit den drei Kontertoren zuletzt in Paderborn. Das ist einfach gut anzuschauen.

ONETZ: Die Aufstiegsrelegation wäre schon ein Riesenerfolg oder setzen Sie auf den direkten Aufstieg?

Mirko Reichel: Ich habe aus meiner aktiven und der Trainerzeit ein bisschen ein Gefühl für die Situation. Ich kenne das. Wenn man sieht, wie die Teams da vorne agieren, dann spielen auch die Nerven eine Rolle. Wir haben sie am Sonntag behalten. Und jetzt glaube ich, dass sie noch einer vor uns am letzten Spieltag verliert.

ONETZ: Sie wissen, wie es geht, in die erste Liga aufzusteigen. Das war damals ein Riesencoup ...

Mirko Reichel: Wir sind 2012 aufgestiegen. Allerdings war da das Gefühl schon früher da, dass da nichts mehr schiefgeht und es durchläuft.

ONETZ: Wie ist Ihr Austausch als NLZ-Boss mit Cheftrainer Stefan Leitl?

Mirko Reichel: Wir tauschen uns jetzt nicht jede Woche aus, aber ich bin schon öfter bei den Profis. Wenn ich beispielsweise dort Trainer zur Hospitation habe oder ich an einem Trainingsspiel interessiert bin. Auch wenn wir Spieler aus dem NLZ haben, die bei den Profis mittrainieren. Aber ich bin natürlich mehr mit Sportdirektor Rachid Azzouzi im Austausch.

ONETZ: Selbst, wenn die Fürther jetzt in die erste Liga aufsteigen. Der Klub wird immer ein Ausbildungsverein bleiben, oder?

Mirko Reichel: Das ist ja unsere Vita, das ist seit 22 Jahren unser Geschäftsmodell. Unser ehemaliger Präsident Helmut Hack hat das ja vorgegeben. Wir können gar nicht anders, als von Transfererlösen zu leben.

ONETZ: Wie sehr blutet Ihnen das Herz, dass nach dieser sehr erfolgreichen Spielzeit, wieder einige junge Spieler, die gar U21-Nationalspieler geworden sind, wechseln? David Raum geht zu Hoffenheim, Paul Jäckel zu Union Berlin ...

Mirko Reichel: Sicher hat sich der Markt da verändert. Früher hat man Spieler vielleicht mehr überzeugen können, noch zu bleiben. Mittlerweile spielen viel Dinge eine Rolle. Für Sebi Ernst, der nach Hannover geht, war es letzten Endes der Heimatverein, er kommt von da. Für einen wie David Raum ist es der nächste Schritt in die erste Liga, der sichere Schritt. Das ist verständlich. Als kleinerer Verein muss man damit leben, dass einen in guten Jahren einige Spieler verlassen.

ONETZ: Mittlerweile sind auch noch viel jüngere Spieler heiß begehrt und wechseln früh. Jetzt etwa der Weidener Homam Mahmoud, der zum VfB Stuttgart geht ...

Mirko Reichel: Wir haben seit Jahren damit zu kämpfen, dass wir Spieler abgeben müssen, die wir eigentlich halten wollen. Es ist zumindest vom DFB gut geregelt, da es zumindest Entschädigungen für Ausbildungen gibt. Aber letzten Endes wäre es uns lieber, den Spieler weiterzuentwickeln. Bei Homam war es so, dass er schon in Weiden mega aufgefallen ist. Vor seinem Wechsel zu uns, war er auch bei größeren NLZs im Gespräch. Aber er hat den Zwischenstepp mit uns gewagt, jetzt macht er beim VfB den nächsten Schritt.

ONETZ: Wie sehr haben Sie die Oberpfalz beim Talentspähen im Blick?

Mirko Reichel: Wir haben auch Scouts in der Oberpfalz, wobei seit der Coronazeit kein Scouting mehr möglich ist. Wir wissen natürlich über die Koordinatoren der DFB-Stützpunkte, wo es interessante Kicker in der Oberpfalz gibt. Ob die bei uns landen, kann man nicht sagen. Nach Fürth ist es ein weiterer Weg als nach Nürnberg. Der Club ist da wohl oft der erste Anlaufpunkt. Zu uns braucht man da 20 Minuten mehr Fahrt. Umgekehrt sind wir für Spieler, die aus dem Norden, aus Richtung Bamberg, kommen, erster Anlaufpunkt.

ONETZ: Stichwort Oberpfalz: Sie haben 1992/93 auch eine Saison für die SpVgg Weiden gespielt. Sie wurden damals zur Bundewehr nach Pfreimd eingezogen und spielten am Wasserwerk. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Mirko Reichel: Einige Erinnerungen und auch lustige Geschichten: Ich bin einmal vom SpVgg-Präsidenten Gustl Hegner in der Grundausbildung aus dem Wald abgeholt worden, vom Biwak hat er mich zu einem Spiel gebracht. Mit Bundeswehrkleidung. Der Präsident hat das höchstpersönlich gemacht.

ONETZ: Wissen Sie noch, gegen wen Sie da gespielt haben?

Mirko Reichel: Natürlich. Wir haben in der Bayernliga, was damals noch die dritte Liga war, im Rosenaustadion gegen den FC Augsburg gespielt. Ja und nachts hat mich der Präsident Hegner wieder in den Wald zurückgebracht, quasi direkt in den Schützengraben.

ONETZ: Gibt es noch Kontakte nach Weiden?

Mirko Reichel: Mit dem damaligen Torwart Peter Romeis hatte ich vor kurzem Kontakt. Da ging es um einen Spieler, der die Familie Romeis kannte. Wir wollten sie mal zu einem Spiel einladen, aber das hat noch nicht geklappt.

ONETZ: Die SpVgg Weiden war nach der Wende Ihre erste Station im Westen ...

Mirko Reichel: Ja, durch die Bundeswehrzeit war Weiden meine erste Station aus dem Erzgebirge heraus. Ich bin froh, den Schritt dorthin gewagt zu haben. Ich habe mich sehr wohlgefühlt in der Oberpfalz. Die Stadt ist sehr urig, sehr gemütlich. Nach der Grundausbildung in Pfreimd bin ich in die Stabskompanie nach Weiden gekommen. Dort hatte ich es gut. Abstellungen zum Training und zu den Spielen waren kein Problem.

ONETZ: Würde es Sie eigentlich noch einmal reizen, als Trainer im Profibereich tätig zu sein, wie damals unter Benno Möhlmann oder Mike Büskens?

Mirko Reichel: So jetzt kommt eine Floskel (lacht): Man sollte nie nie sagen. Im Fußball gibt es oft Zufälle. Ich fühle mich aber in der Funktion als Sportlicher Leiter der Akademie hier in Fürth sehr wohl. Es geht bei uns sehr professionell zu. Aber Platz, grüner Rasen, Fußballschuhe – das gehört ja auch zu meinem Leben.

ONETZ: Wie ist Ihr Kontakt zum damaligen Aufstiegstrainer Mike Büskens?

Mirko Reichel: Der ist gut. Genauso wie zu Benno Möhlmann. Mike hat derzeit ein bisschen zu leiden auf Schalke, aber das wird auch wieder.

ONETZ: Der große FCN dümpelt im hinteren Mittelfeld der zweiten Liga herum, das kleine Fürth klopft ans Tor zur Bundesliga. Wie sehen Sie die Rivalität?

Mirko Reichel: Ich glaube schon, dass die mal rüberblicken über die Stadtgrenze und sich fragen: Wie machen die das? Wir machen einfach seit Jahren nachhaltig unser Ding, so wie wir ticken. Wir konzentrieren uns auf unsere Sachen, die machen wir relativ gut.

ONETZ: Jetzt zählt nur noch der Sonntag. Warum steigt Fürth auf?

Mirko Reichel: Wir werden unsere Hausaufgaben machen. Diese Mannschaft kann in kritischen Situationen die Nerven behalten, das hat sie auch am Sonntag gegen Paderborn gezeigt. Eine Mannschaft, die total unangenehm zu bespielen ist. Bis zuletzt war das eine enge Geschichte. Aber wir haben’s gepackt, und das stimmt mich zuversichtlich für Sonntag.

Der Weidener Junge, der von Fürth zum VfB Stuttgart geht

Weiden in der Oberpfalz

Das NLZ in der nördlichen Oberpfalz

Weiden in der Oberpfalz

Ich bin einmal vom SpVgg-Präsidenten Gustl Hegner in der Grundausbildung aus dem Wald abgeholt worden, vom Biwak hat er mich zu einem Spiel gebracht.

Mirko Reichel, in der Saison 1992/93 bei der SpVgg Weiden

Mirko Reichel, in der Saison 1992/93 bei der SpVgg Weiden

Info:

Das ist Mirko Reichel

  • Geboren am 2. Dezember 1970 in Stollberg im Erzgebirge (Sachsen); Lehre im Bergbau; Position: defensives Mittelfeld
  • Jugendklubs: TSG Stollberg, BSG Wismut Aue
  • Seniorenbereich: 1990 bis 1992 Wismut Aue; 1992/93 SpVgg Weiden (27 Spiele in der Bayernliga/6 Tore); 1993/94 Erzgebirge Aue; 1994 bis 1997 SV Waldhof Mannheim; 1997/98 VfL Bochum; 1998 bis 2005 Greuther Fürth
  • 9 Bundesliga-Spiele und 4 Uefa-Cup-Spiele für Bochum; insgesamt 278 Zweitligaspiele (42 Tore); in der damaligen DDR 5 Oberligaspiele für Wismut Aue
  • Trainerkarriere: seit 2005 bei der SpVgg Greuther Fürth mit zwei Unterbrechungen: 2008 und 2013 Co-Trainer bei Erzgebirge Aue; seit 2018 Leiter der Kleeblatt Akademie by infra Fürth

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