13.01.2021 - 16:58 Uhr
Etzgersrieth bei MoosbachOTon

Ein Priesteranwärter im Gespräch: "Einen Blitz vom Himmel hat es nicht gegeben"

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Michael Steinhilber ist auf einer Einöde im Kreis Neustadt aufgewachsen. Von Kindheit an gibt es für den 24-Jährigen nur ein Ziel: Er will Pfarrer werden. Ein Gespräch über seinen Antrieb, den Ruf der Kirche und Chipstüten auf dem Altar.

Seit seiner Kommunion ist für Michael Steinhilber klar: Er will Pfarrer werden. 2023 feiert der 24-Jährige aus dem Kreis Neustadt voraussichtlich Primiz. Hier steht er am Altar der Kirche in Etzgersrieth.
von Florian Bindl Kontakt Profil

ONETZ: Herr Steinhilber, wo treffen wir Sie aktuell an?

Michael Steinhilber: Ich bin momentan zu Hause, in der Heimat auf der Uchamühle (bei Moosbach im Kreis Neustadt, Anm. d. Red.). Die Präsenzpflicht im Studium in Regensburg ist aufgehoben, am Priesterseminar nehme ich digital teil.

ONETZ: Die Corona-Pandemie betrifft auch die Kirchen. Derzeit muss die Religionsfreiheit ein Stück weit hinter dem Schutz der Gesundheit zurückstehen. Halten Sie das für richtig?

Michael Steinhilber: Wir stellen derzeit unsere Gesundheit absolut, das ist ja auch richtig. Aber: Auch Religionsfreiheit ist ein Grundrecht. Das in Einklang zu bringen, ist schwierig. Grundsätzlich ist es aber ein Zeichen von Nächstenliebe, derzeit Maske zu tragen und Abstand zu halten. Im ersten Moment ist das eine große Einschränkung – aber wenn wir damit das Virus zurückdrängen, muss es eben sein.

ONETZ: Ob Pandemie oder nicht: Junge Menschen zieht es in den seltensten Fällen in den Gottesdienst. Droht die Kirche jetzt, da es noch zusätzliche Einschränkungen gibt, die Jugend vollends zu verlieren?

Michael Steinhilber: Das deckt sich auch mit meinem Eindruck. Ein Großteil der Jungen bleibt aktuell den Angeboten der Kirche fern. Und wenn die Pandemie vorbei ist, wird nicht mehr der gleiche Besucherstamm zurückkommen, den wir vor Corona hatten. Die Besuchszahlen werden wesentlich geringer ausfallen.

ONETZ: Warum das?

Michael Steinhilber: Weil es ein Gewöhnungseffekt ist. Vor der Pandemie gingen viele aus Tradition in die Kirche. Jetzt merken sie: Es geht ohne Messbesuch genauso. Gerade bei jungen Katholiken könnte das der Fall sein. Ich hoffe natürlich, dass es nicht so kommt.

ONETZ: Ist die abnehmende Zahl junger Kirchgänger auch im Studium ein Thema, das diskutiert wird?

Michael Steinhilber: Das ist ein großes Thema, ja. In praktischeren Fächern wie Religionspädagogik oder Pastoraltheologie sprechen wir darüber. Dabei gibt es zwei Strömungen. Die einen sagen, wir sollten die Hemmschwelle immer weiter senken und niederschwellige Angebote machen. Etwa die Messzeiten ändern, damit sie sich nicht mit der Sportschau überschneiden. Viel gebracht hat das nicht. Dafür kommen Ministrantenausflüge oder Wallfahrten gut an. Die große Frage ist: Wie weit kann ich gehen? Werde ich nicht irgendwann beliebig und austauschbar?

ONETZ: Die Kirche versucht also Angebote für die Jungen zu machen. Gleichzeitig scheinen die sich aber immer weiter von der Kirche zu entfernen …

Michael Steinhilber: Das ist ein Phänomen unserer Zeit. Es gibt eine extreme Flut an Informationen. Viele wachsen gar nicht mehr mit Kontakt zur Kirche auf. Sie ist ihnen schlichtweg egal. Dazu kommt der zunehmende Individualismus. Jeder will speziell sein. Wenn ich mich aber einer Gemeinschaft anschließe, egal ob Kirche oder Verein, dann gebe ich ein Stück Individualismus auf. Das fällt aus meiner Sicht vielen immer schwerer. Erst komme ich, dann die anderen.

ONETZ: Die Negativschlagzeilen über die Kirche reißen nicht ab. Leere Bänke, der Missbrauchsskandal und seine Aufklärung. Warum kann Sie all das nicht davon abhalten, Priester zu werden?

Michael Steinhilber: Ich habe für mich persönlich gemerkt, dass diese Botschaft, die wir Christen zu verkünden haben, dass die unheimlich drängend ist. Ich will versuchen, sie meinen Mitmenschen zu verkünden. Dass für uns der Tod nicht das Ende ist, das zu verkünden, darin sehe ich meine Berufung. Einen Blitz vom Himmel, dieses berühmte Berufungserlebnis, hat es aber nicht gegeben.

ONETZ: Gibt es Priester, die Ihnen als Vorbild dienten oder Sie beeindruckt haben?

Michael Steinhilber: Ja. Ich hatte das Glück, immer wieder Pfarrer zu treffen, die mich in meinem Ziel bestärkt haben. Etwa der ehemalige Moosbacher Heimatpfarrer Josef Most, er hat mich sehr beeindruckt.

ONETZ: Wie haben Ihre Eltern auf Ihren Berufswunsch reagiert?

Michael Steinhilber: Das Thema Priester zu werden war seit meiner Kommunion immer da. Insofern hatten meine Eltern genügend Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sie stehen voll dahinter und legen mir natürlich keine Steine in den Weg. Ganz im Gegenteil: Ich soll meinen Weg gehen.

ONETZ: Und Sie selbst haben, Hand aufs Herz, niemals an Ihrem Berufsziel gezweifelt?

Natürlich, es gibt immer Zweifel. Ich bin doch ein Mensch und sehe was in meiner Kirche vor sich geht. Da bin ich nicht mit allem einverstanden. Hier gibt es tausend heiße Eisen, die man anfassen könnte. Trotzdem bleibt es meine Kirche. Ihre Herausforderungen muss die katholische Kirche universal für alle Länder regeln.

ONETZ: Aber gerade diese heißen Eisen – Zölibat, nur Männer als Pfarrer, Missbrauchsskandal –, das ist es doch, was junge Menschen abschreckt. Vielen ist die Kirche zu weltfremd.

Michael Steinhilber : Damit sind wir aber wieder beim Thema: Wie weit senke ich die Hemmschwelle? Das Heute ändert sich ja immer wieder. Jede Generation in der Kirche muss sich die Frage stellen, wie weit sie sich anpassen will. Wir dürfen unseren Kern nicht aufgeben. Verliere ich Christus aus dem Blick, dann können wir gleich eine Chipstüte auf den Altar stellen und die servieren.

ONETZ: Mit dem neuen Jahr hat auch ein neues Jahrzehnt begonnen. Was macht Ihnen Hoffnung, dass wir Ende 2030 nicht feststellen, die katholische Kirche ist in der Bedeutungslosigkeit versunken?

Michael Steinhilber : Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, den Schatz des Glaubens weiter zu transportieren. Dass unsere Mitglieder, die wir noch haben, bleiben und selbst aktiv werden. Dafür gibt es durchaus Anzeichen. Ministranten etwa, die uns treu bleiben – allen Schwierigkeiten zum Trotz.

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Hintergrund:

Das ist Michael Steinhilber

  • Jahrgang 1996, aufgewachsen auf der Uchamühle, einer Einöde bei Moosbach im Landkreis Neustadt.
  • Seit seiner Kommunion 2006 ist Michael Steinhilber Ministrant in Etzgersrieth, seiner Pfarrgemeinde. Später wird er Oberministrant und Pfarrgemeinderatsmitglied.
  • Abitur 2015 am Ortenburg-Gymnasium Oberviechtach, danach absolviert er ein freiwilliges soziales Jahr im Kloster Ensdorf.
  • Studium der Theologie im Priesterseminar Regensburg seit 2017, Zwischenstation in Eichstätt.
  • Voraussichtlich feiert Michael Steinhilber 2023 Primiz und darf von da an als Pfarrer Gottesdienste zelebrieren.

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