18.05.2018 - 20:10 Uhr
Oberpfalz

Schleuser bringt vier Kinder in Pkw-Anhänger von Rumänien nach Waidhaus Zwölf Stunden in Lebensgefahr

Es hat Minusgrade an diesem 14. Dezember 2017. Ein kalter Wind weht über die Oberpfalz, als Luican M. vier irakische Kinder von Timisoara in Rumänien nach Waidhaus schleust - zusammengepfercht in einem Pkw-Anhänger. Stunden harren die Vier aus und befinden sich dabei in "ständiger Lebensgefahr".

Symbolbild: Volker Hartmann/dpa
von Julia Hammer Kontakt Profil

Waidhaus/Weiden. Als zwei Zollbeamte das Fahrzeuggespann mit rumänischer Zulassung gegen 12.45 Uhr nahe Vohenstrauß anhalten und kontrollieren, sind die zwei Kinder, 9 und 12 Jahre alt, und die zwei Jugendlichen, damals 15 und 17 Jahre alt, in dem Pkw-Anhänger unterwegs. Nur eine Decke schützt die vier Iraker in dem mit Pressspanplatten verkleideten Anhänger. Über ihnen liegt eine Matratze. Sie soll verhindern, dass die Kinder und Jugendlichen entdeckt werden. Die meiste Zeit verbringen sie liegend. Das Gefährliche: Im Anhänger befinden sich etliche lose Gegenstände wie ein Autoreifen, ein Kindersitz und vier Kanister voll Diesel und Motoröl. "Todesfallen" bei einem Unfall.

5000 Euro sollte der Angeklagte Luican M. bekommen, wenn er die Vier von Rumänien nach München schleust. Dafür sitzt er nun vor dem Schöffengericht am Landgericht Weiden unter Vorsitz von Richter Alexander Wedlich. Die Anklage: Einschleusen von ausländischen Personen. Neben dem 30-jährigen Rumänen sitzt sein Dolmetscher. Deutsch spricht der Elektriker nicht. Wie schon bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung gesteht er auch vor dem Schöffengericht, die Kinder und Jugendlichen nach Deutschland geschleust zu haben. Eine Tat, "die ich so nicht begehen wollte". Der Kontakt zu der Schleuser-Organisation sei "zufällig" entstanden. Vergangenes Jahr arbeitete der Angeklagte in einer Waschanlage in Norwegen. "Dort habe ich jemanden kennengelernt, der meine Facebook-Daten an jemanden aus München weitergegeben hat. Als mich der kontaktierte, hat er mich gefragt, ob ich Interesse an Geld habe", erinnert sich der 30-Jährige.

Geld "lockt" Luican M.

Zuerst lehnt er ab. Als der Münchener aber zwei Monate nicht locker lässt, "habe ich schließlich Ja gesagt. Ich hatte Geldprobleme". Der Mann aus München gibt ihm via Facebook genaue Anweisungen, wo er die Kinder und Jugendlichen in Rumänien aufnehmen soll - dem Ort Timisoara - 1007 Kilometer von Waidhaus entfernt. Die Reise soll in München enden. "Natürlich hatte ich Angst, erwischt zu werden. Aber das Geld hat mich gelockt", erzählt der Angeklagte, der nicht vorbestraft ist.

Die Fahrt dauert. Vier bis fünf Mal habe er anhalten müssen, um zu tanken. "Ich habe die Kinder jedes Mal gefragt, ob sie was zu Essen haben wollen. Ich hatte Schinken, Salami, Croissants, Süßigkeiten und acht Liter Wasser dabei. Aber sie wollten nichts, lehnten das Fleisch ab. Sie sagten, sie können es nicht essen, weil sie Moslems sind." Ausgestiegen seien sie die ganze Fahrt über nicht. "Das wollten sie auch nicht. Sie wollten nur so schnell wie möglich nach Deutschland." Der 30-Jährige schafft es über die Grenze bei Waidhaus. Dann passiert das, wovor er "große Angst hatte". Er wird kontrolliert.

Der 49-jährige Zollbeamte, der die Kinder und Jugendlichen in dem Anhänger entdeckte, erinnert sich noch gut an diesen kalten Dezembertag. "Es war eine ganz normale Zollkontrolle", erzählt er dem Gericht. "Wir haben den Fahrer gefragt, was in dem Anhänger ist. Er sagte, er sei leer." Die zwei Beamten lassen öffnen, entdecken die Matratze sowie die Kanister und den Kindersitz. Sie lassen das Fahrzeuggespann auf die Dienststelle nach Wernberg bringen. "Da haben wir gesehen, dass sich unter der Matratze - und unter der Decke - etwas bewegt." Der Zustand der Kinder sei nicht schlecht gewesen, sie hätten ganz ruhig gewirkt, kaum ängstlich. "Daraufhin haben wir die Bundespolizei eingeschaltet."

Ein Gutachten der Rechtsmedizin der Uni Erlangen-Nürnberg, das Richter Wedlich vorliest, zeigt, in welcher Gefahr sich die Iraker während der ganzen Fahrt befunden haben. Von Unterkühlung, einer Störung des Flüssigkeits- und Elektrolythaushaltes sowie einer starken Traumatisierung ist die Rede. Da die Kinder nicht gesichert waren, "hätten sie bei einem Verkehrsunfall schwer oder sogar tödlich verletzt werden können". Schädelhirntrauma mit Hirnblutungen, Rumpftrauma, Rippenfrakturen bis hin zu einer Traumatisierung der Halswirbelsäule wären möglich.

Der Angeklagte sackt in seinem Stuhl zusammen, als ihm der Dolmetscher das Gutachten übersetzt. "Ich habe meine Tat in den letzten fünf Monaten jeden Tag bereut. Ich wollte mit dem Geld meine Schulden zurückzahlen, meiner krebskranken Mutter helfen. Heute würde ich es nicht mehr machen - nicht für 100 000 Euro." Zuhause in Rumänien habe er eine Freundin, zwei Brüder. Und Angst, diese für lange Zeit nicht mehr zu sehen.

Zwei Jahre, sechs Monate

"Der Angeklagte war von Anfang an geständig und ist bisher nicht straffällig gewesen. Das spricht für ihn", betont Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf im Plädoyer. Allerdings habe er kaum Informationen zu den "Hintermännern der Organisation" gegeben. "Sie haben auf höchst gefährliche Art versucht, die Kinder nach Deutschland zu bringen. Deshalb fordere ich eine Freiheitsstrafe von drei Jahren."

Richter Wedlich bleibt in seinem Urteil knapp darunter: zwei Jahre und sechs Monate. "Damit fahren Sie noch gut. Es war Winter, die Kinder und Jugendlichen hätten schon bei einem Auffahrunfall schwer verletzt werden, im schlimmsten Fall sogar sterben können. Aber das war Ihnen alles egal." Wo sich die Eltern der vier Kinder aufhalten, kann in der Verhandlung nicht geklärt werden.

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