29.09.2020 - 17:23 Uhr
AmbergBesserWissen

Für daheim tut es auch der Mörteleimer

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Vor über 150 Jahren entwickelt Pfarrer Sebastian Kneipp sein Naturheilverfahren. Er legt Wert auf einfache Kost, Bewegung, aber auch auf das Innenleben. Heute heißt das "Clean Eating" und seelische Balance - und macht das Kneippen ganz modern.

Anfänger sollten langsam mit der Hydrotherapie beginnen: zum Beispiel mit kühlem statt kaltem Wasser.
von Christa VoglProfil

Im Storchenschritt Wassertreten, Gesichts- und Kniegüsse, Armbäder in leitungskaltem Wasser: Automatisch werden diese Anwendungen mit dem Begriff "Kneippen" verbunden - und hin und wieder auch noch mit dem Menschen, der dahinter steht, nämlich Pfarrer Sebastian Kneipp. Die wenigsten wissen allerdings, dass sich Kneipp nicht auf das Element Wasser beschränkte, um Patienten zu heilen. Er entwickelte in Bad Wörishofen ein ganzheitliches Gesundheitskonzept, das sich auf insgesamt fünf Säulen stützt. Und diese sind aktueller denn je.

Evelin Hensel aus Amberg ist sportlich sehr aktiv: als Koronarsport- und Aqua-Trainerin, Präventionsübungsleiterin - und auch eine Ausbildung zur Kneipp-Gesundheitstrainerin hat sie absolviert. Also Trainerin fürs Wassertreten? "Nein, nein", sagt die 76-Jährige lachend, die auch Vorsitzende im Kneipp-Verein vor Ort ist, und beeilt sich zu erklären, dass Kneipp für wirklich viel mehr steht als Wassertreten. "Kneipp war überzeugt, dass man für die Gesundheit etwas tun muss. Daher hat er ein Naturheilverfahren, das auf insgesamt fünf Wirkprinzipien beruht, entwickelt: Wasseranwendungen, die Bewegung, gesunde Ernährung, Heilpflanzen und vor allem das Seelenleben." Als Kneipp-Verein und auch als Kneipp-Gesundheitstrainerin biete man daher nicht nur die allseits bekannten Wasseranwendungen an, sondern es gebe auch viele Kurs-Vorschläge für die anderen vier Säulen - zum Beispiel Qi-Gong, Aqua-Gymnastik, Meditation, Ernährungsseminare, Heilkräuterexkursionen oder Wirbelsäulengymnastik.

Ganzheitliches Konzept

Als Kneipp-Verein, so Hensel, sei man in guter Gesellschaft: Immerhin gibt es bayernweit 127 solcher Vereine und auch in der Oberpfalz sind etliche beheimatet. Hensel, die im Verein großen Wert auf die Kinder- und Jugendarbeit legt, hat bereits vor 20 Jahren ihre Ausbildung an der Sebastian-Kneipp-Akademie im Allgäu absolviert. Nicht ohne Grund befindet sich diese Ausbildungsstätte in Bad Wörishofen, denn dort entwickelte der "Wasserdoktor" sein ganzheitliches Gesundheitskonzept für Körper, Geist und Seele. Allerdings wurde sein Wirken von der damaligen Ärzte- und Apothekerschaft kritisch beobachtet, zumal seine "Sprechstunden" kostenlos waren: Sie erstatteten sogar Anzeige gegen ihn, er wurde aber vor Gericht freigesprochen. 1897 verstarb der Naturheilkundler im Alter von 76 Jahren. Die fünf Kneipp-Elemente sind aber im 21. Jahrhundert aktueller denn je. Zum Beispiel das Element "Ernährung". Kneipp setzte auf "einfache, nahrhafte Kost". Heute wird unter dem Begriff "Clean Eating" dafür geworben, wieder selbst zu kochen und zwar mit frischen, unverarbeiteten und regionalen Zutaten. Oder zum Beispiel das Kneipp'sche Element "Lebensordnung": ein geregelter Tagesablauf, der Platz für Arbeit, aber auch für Entspannung und Ruhe einschloss.

Kneipp sagte: "Im Maße liegt die Ordnung, jedes Zuviel und jedes Zuwenig setzt an Stelle der Gesundheit Krankheit." Heute wird von Resilienz, Stresstoleranz und Bemühen um seelische Ausgeglichenheit gesprochen. Von Balance. Doch zurück zum klassischen Kneippen. Natürlich werden im Verein in Amberg auch "Kneipp-Stunden" angeboten, in denen "Kneipp'sche Anwendungen" unter fachkundiger Anleitung direkt ausprobiert werden können. Doch kann man beim Kneippen überhaupt etwas falsch machen? Rein in das Wassertretbecken, eine oder zwei Runden im Storchenschritt, dann raus, schnell rüber zum Armbecken, linker Arm, rechter Arm im Wechsel und anschließend noch einen kurzen Gesichtsguss. Fertig. Hensel lacht. Nein, so sei das nicht richtig und erklärt dann: Erstens ist es wichtig, dass zwischen den verschiedenen Anwendungen Zeit vergeht, nämlich so ungefähr eineinhalb Stunden. Durch eine Anwendung - zum Beispiel dem Wassertreten - werde nämlich ein Reiz gesetzt, das Herz-Kreislaufsystem wird angeregt, die Durchblutung gefördert. Damit dieser Reiz aber "richtig im Körper ankomme" und auch "richtig wirken kann", brauche es Zeit. Eben ungefähr eineinhalb Stunden. Erst danach sei es sinnvoll, zum Beispiel einen Armguss oder ein Armbad zu machen. Zweitens müsse man die Wasseranwendung immer "herzfern" starten, also erst mit dem rechten Fuß oder dem rechten Arm ins Wasser tauchen. Und drittens dürfe man die Anwendungen mit kaltem Wasser nur machen, wenn einem selbst nicht fröstelt, wenn man sich gut fühlt.

Nach eigenem Empfinden

Doch ist dazu unbedingt ein Wassertretbecken erforderlich? Oder besser gefragt: Ist es auch möglich, zu Hause zu kneippen? "Natürlich ist das möglich", sagt Evelin Hensel. Zum Wassertreten brauche man eigentlich nur einen großen Eimer mit Wasser, in dem bequem zwei Erwachsenenfüße Platz hätten. Zum Beispiel einen Mörteleimer, den man im Bad, auf der Terrasse oder im Garten aufstellt. Und dann könne es schon losgehen.

Aber: Wie lange watet man im Mörteleimer? Welche Temperatur muss das Wasser haben? Und überhaupt: Wie oft pro Woche sollte man Wassertreten? "Normalerweise wird eine Wassertemperatur von 14 bis 18 Grad Celsius empfohlen", erklärt die Kneipp-Trainerin. "Aber man merkt selbst, wenn das Wasser zu kalt ist, das kommt viel auf das eigene Empfinden an." Das eigene Empfinden gebe auch Auskunft über die optimale Dauer und Häufigkeit der Anwendung: "Bis der Körper sagt, dass es genug ist. Es gibt dazu keine Vorgaben. Man kann die Anwendungen durchaus täglich machen. Hören Sie einfach auf Ihre innere Konstitution."

Herzfern nach herznah

Für alle, die Kneippianer werden möchten, hat Evelin Hensel eine gute Nachricht: Es ist nie zu spät dafür, mit Kneipp-Anwendungen anzufangen, man ist nie zu alt dafür. Man könne ja langsam damit beginnen: zum Beispiel mit kühlem statt kaltem Wasser. Oder mit kurzen Anwendungen, die mit der Zeit ausgedehnter werden. Dabei sollte aber immer die Grundregel "herzfern nach herznah" beachtet werden, also nie mit dem linken Arm oder dem linken Fuß zuerst ins kalte Wasser tauchen. Zumindest gilt das für all diejenigen, die das Herz am rechten Fleck haben.

Evelin Hensel (vorne rechts), die Vorsitzende des Amberger Kneipp-Vereins, und ihr Team zeigen im Wassertretbecken, wie es richtig gemacht wird.

Kneipp-Anwendungen für zu Hause

Amberg

Kneipp-Yoga-Parcours im Stadtbad Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Mehr zu den Lehren Kneipps

Waldsassen
Hintergrund:

Richtig kneippen

  • Kalte Wasseranwendungen dürfen Sie nicht machen, wenn Sie frieren. Im Sommer Zugluft vermeiden.
  • Nach kalten Güssen sollten Sie nicht frösteln. Rasch wieder erwärmen – beispielsweise durch Bewegung.
  • Auch für kleine Anwendungen gilt: Bei Vorerkrankungen erst den Arzt fragen. Nicht kneippen bei offenen Wunden oder arterieller Verschlusskrankheit. Den Arzt aufsuchen, falls die Füße nach einem Guss nicht wieder warm werden (Verdacht auf Verschlusskrankheit).
  • Empfehlenswert: Zwischen den einzelnen Anwendungen sollten Sie einen Zeitabstand von etwa zwei Stunden einhalten.
Hintergrund:

Wassertreten

  • Wirkung: Regt Kreislauf, Durchblutung und Stoffwechsel an. Hilfreich bei Venenproblemen. Härtet bei regelmäßiger Anwendung ab.
  • Anleitung: Unterwegs laden gelegentlich Kneipp’sche Anlagen zum Wassertreten ein. Auch ein nicht zu tiefer Teich oder Bach eignen sich. Zu Hause füllen Sie die Badewanne oder ein Plastikwännchen bis zur Wadenhöhe mit leitungskaltem Wasser und treten im Storchengang auf der Stelle: Das Bein ganz aus dem Wasser heben, die Fußspitze nach unten. Aufhören, wenn ein starker Kältereiz eintritt. Das Wasser abstreifen, sich durch Herumgehen erwärmen. In der Wohnung sind Wollsocken sinnvoll.
Zur Person:

Pfarrer Kneipp

Sebastian Anton Kneipp (geboren am 17. Mai 1821 in Stephansried in Oberschwaben, gestorben am 17. Juni 1897 in Wörishofen) war ein römisch-katholischer Priester. Bekannt wurde er als die Kaltwassertherapie betreibender Hydrotherapeut und Naturheilkundler. Die Wasserkur mit Wassertreten wurde schon früher angewandt, ist aber durch ihn erst populär geworden.

Für Sie empfohlen

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.