25.01.2021 - 00:40 Uhr
AmbergBesserWissen

Verlust von biologischer Vielfalt

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Der Marktanteil samenfester Sämereien nimmt stetig ab. Den meisten Verbrauchern ist der Unterschied zu F1-Hybriden gar nicht bewusst. Alte Sorten sterben aus, die Abhängigkeit von großen Saatguterzeugern nimmt zu. Gartenfachberaterin Michaela Basler aus Amberg weiß, worauf es ankommt.

Die wenigsten Kunden achten darauf, ob es sich bei dem Saatgut um samenechte Sämereien oder um F1-Hybriden handelt.
von Christa VoglProfil

Die kleinen Samentüten sind inzwischen nahezu in jedem Supermarkt zu finden. Optisch ansprechend sortiert - und oft auf Saatgutständern in der Nähe der Kasse positioniert. Dort, wo Kunden in der Schlange stehen und ihr Blick beim Warten automatisch auf die Gemüse- und Blumensamen fällt. Zum Beispiel auf die Tomatensamen. Und weil gleich daneben noch farbenfrohe Tütchen mit Ringelblumen und Stangenbohnen hängen, landen diese auch im Einkaufswagen. Dabei achten die wenigsten Kunden darauf, ob es sich bei dem Saatgut um samenechte Sämereien oder um F1-Hybriden handelt.

Aber wo liegt der Unterschied zwischen samenfesten Sorten und F1-Hybrid-Saatgut? Michaela Basler, die am Landratsamt Amberg-Sulzbach als Gartenfachberaterin tätig ist, erklärt: "Wenn ich bei den samenfesten Sorten die Samen abnehme und wieder aussäe, dann verfügen die daraus entstehenden Pflanzen über die gleichen Eigenschaften wie die Elternpflanzen. Und auch die Früchte sind identisch." Eltern, Kinder und auch die folgenden Generationen seien sozusagen gleich.

Einmaliger Anbau

Ganz anders ist die Situation bei F1-Hybriden. "Auch von F1-Pflanzen kann ich in den meisten Fällen Samen abnehmen. Aber wenn ich diese dann im Frühjahr aussäe, dann weiß ich nie, welche Eigenschaften diese ,Kinder' haben werden. Sie sind ungleich", erklärt die Gartenexpertin. Bei gelben Rüben könne das zum Beispiel heißen: Die Mutterpflanze ist schlank, lang, orange und hat eine gute Lagerfähigkeit. Die "Kinder" können aber völlig andere Eigenschaften haben, die Variationen sind sehr unterschiedlich: oval, gelb, keilförmig, violett, lila, weniger süß, mittelfrüh. Deshalb ist das F1-Saatgut nur für den einmaligen Anbau geeignet und muss jedes Jahr wieder neu gekauft werden.

Doch spricht etwas dagegen, sich im Frühjahr immer wieder neu mit Samen einzudecken? "Es stimmt, dass heutzutage nur noch wenige Gartenbesitzer ihr Saatgut selbst gewinnen", erklärt Basler. Für viele sei diese Prozedur einfach zu aufwendig. Viel bequemer wäre da schon ein Griff zum Samenbeutel im Supermarkt. "Im Vordergrund steht aber nicht das selbstständige Gewinnen von Saatgut durch den Privatverbraucher", erläutert die Gartenfachberaterin. Es gehe vielmehr darum, dass in den Märkten das Angebot an alten Sorten immer geringer werde und der Kunde keine Möglichkeit mehr habe, sich überhaupt zwischen samenfesten Sorten und F1-Hybriden zu entscheiden.

Jedes Jahr wieder kaufen

"Dadurch entsteht auch für den Eigenanbau eine Art Abhängigkeit von den Saatgutkonzernen", ist Michaela Basler überzeugt. "Wenn ich zum Beispiel mit einer F1-Tomatensorte vom Anbau her gut zurechtkomme und sie mir schmeckt, werde ich diese Samen natürlich wieder kaufen. Jahr für Jahr. Ich kann die Samen ja nicht abnehmen, weil es sich nicht um eine samenfeste Sorte handelt."

Doch die Verlagerung auf F1-Hybride habe auch noch andere gravierende Folgen: die Sortenverarmung. Basler sagt: "Der Genpool, aus dem geschöpft werden kann zur Züchtung neuer Sorten, wird immer kleiner. Die Vielfalt geht verloren." Das erschwere die Züchtung neuer Sorten. Denn oft werde vergessen, dass nicht nur F1-Hybride bestimmte Resistenzen zeigen, etwa gegen Kraut- und Braunfäule oder Echten Mehltau. Auch traditionelle, alte Sorten können unter Umständen mit diesen Eigenschaften aufwarten. Eben diese vielfältigen genetischen Ressourcen werden benötigt, um durch Kreuzung und Selektion neue Sorten zu züchten. Zum Beispiel eine nachbaufähige Sorte, die mit der erhöhten Trockenheit im Boden oder einem neuen Schädling klarkommt.

Hohe Ansprüche an Optik

Allerdings seien nicht alle Verbraucher gegenüber den alten Sorten aufgeschlossen, nicht zuletzt weil auch die optischen Ansprüche an die Früchte stark zugenommen haben: Im Verkauf sind gleichförmige, makellose Früchte gefragt. "Viele der alten Sorten sind allerdings nicht so gleich- und ebenmäßig", weiß Michaela Basler aus eigener Erfahrung. Obwohl sie oftmals mit einem besonders intensiven Duft oder Geschmack aufwarten können. Doch teils aus Unwissenheit, teils aus Gewohnheit entscheidet sich der Gartenbesitzer inzwischen immer häufiger für die F1-Einheitssorten.

Auch wenn er dafür "ganz schön" zur Kasse gebeten wird. Denn nicht nur in der Landwirtschaft gilt: "Wer die Saat hat, hat das Sagen." Es ist keine Seltenheit, wenn für ein Tütchen mit fünf Korn Tomatensamen um die sechs Euro verlangt - und auch bezahlt - wird. "Die großen Saatguthändler möchten natürlich den Markt unter sich aufteilen. Sie entwickeln neue F1-Sorten, erhalten den dazugehörigen Sortenschutz und können dann auch den Verkaufspreis bestimmen."

Auf alte Sorten spezialisiert

Auf der anderen Seite gibt es inzwischen aber auch Saatgutfirmen, die sich auf den Vertrieb und die Vermehrung alter nachbaufähiger Sorten spezialisiert haben. "Zum Beispiel Bingenheimer Saatgut und Dreschflegel", sagt Michaela Basler, die schon von Berufs wegen viele Gartenbesitzer kennt, die sich im ausklingenden Winter ganz gezielt mit samenfestem Saatgut eindecken.

Auf die Frage, ob sie selbst bereits Lieblingssorten habe, antwortet sie: "Nein, ich habe mich bisher noch nicht endgültig festgelegt. Denn diese alten Sorten sind so spannend, dass ich immer wieder etwas Neues ausprobieren muss."

Gartenarbeiten im Winter

Amberg
Michaela Basler ist am Landratsamt Amberg-Sulzbach als Gartenfachberaterin tätig.
Service:

Historische Samen-Sorten

Samenfeste, alte Saaten gibt es unter anderem bei:

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