16.08.2021 - 12:03 Uhr
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Wege aus dem Tief: Zur Lebensfreude muss man sich entschließen

Gelegentlich gerät das Leben aus der Bahn. Vieles lässt sich nicht beeinflussen, aber man kann die Sicht auf die Dinge ändern. Evelyn Gäbler ist Diplom-Psychologin und rät, sich von der Vorstellung zu lösen, dass das Leben perfekt sein muss.

Lebensfreude ist eine Lebenseinstellung, sagt die Diplom-Psychologin Evelyn Gabler. „Einen Teil davon machen auch die Dinge aus, die einem gut tun und die individuell sehr verschieden sind.“ Egal, ob das nun Joggen, Shoppen oder auch Meditieren sei.
von Christa VoglProfil

Tipps für mehr Lebensfreude gibt es mehr als genug: Treiben Sie Sport. Helfen Sie anderen Menschen. Senken Sie Ihre Erwartungen. Zeigen Sie Dankbarkeit. Genießen Sie, entspannen Sie, wagen Sie etwas Neues. Lachen Sie. Nehmen Sie sich Zeit. Umgeben Sie sich mit den richtigen Personen. Und so weiter und so fort. Aber genügt es, diese verschiedenen Anregungen zu befolgen, um ein Mehr an Lebensfreude zu spüren?

"Ganz so einfach ist es nicht", sagt Evelyn Gäbler, 55, Diplom-Psychologin mit einer Privatpraxis für Kurzzeitpsychotherapie in Kemnath. "Wenn ein Mensch frustriert ist, dann passiert überhaupt nichts, wenn er diese verschiedenen Tipps listenmäßig abarbeitet." Viel wichtiger sei da schon die bewusste Überprüfung der eigenen Sichtweise auf die Dinge. "Zur Lebensfreude muss man sich entschließen, man muss sich öffnen."

Trotz Ärger emotional stabil

Und wie genau soll das gehen: Sich zur Lebensfreude entschließen? "Man entschließt sich zur Lebensfreude, indem man bestimmte Vorstellungen loslässt", sagt Gäbler. Zum Beispiel, die Vorstellung, dass das Leben perfekt sein muss. Oder dass man selbst keine Schwächen haben darf. Aber auch indem man akzeptiert, dass schon im nächsten Moment etwas geschehen kann, das die eigene Gefühlswelt komplett verändert. Sei man sich aber bewusst, dass zur Zufriedenheit auch der Ärger gehört und zum Ärger auch die Zufriedenheit, "dann bin ich emotional stabil, dann spüre ich, dass es mir trotzdem - also trotz des Ärgers, trotz der Probleme - gut geht".

Evelyn Gäbler weiß allerdings auch, dass zu einem deutlichen Plus an Lebensfreude noch viel mehr gehört. Ganz wichtig dabei: Das Wissen um die unvollständige menschliche Wahrnehmung. Die Diplom-Psychologin erklärt das mit einem Beispiel: "Wenn mir ein Bekannter auf der Straße begegnet und nicht grüßt, dann wird meine erste Reaktion wahrscheinlich sein: Der kann mich nicht leiden! Die Folge dieser persönlichen Einschätzung: Ich ärgere mich." Sei man sich aber bewusst, dass es weitere Gründe dafür geben kann, dass man bei der Begegnung vielleicht nicht alles wahrgenommen habe, dass man etwas überhört oder übersehen habe. "Dann könnte ich mir überlegen: Vielleicht hat er mich gar nicht gesehen. Vielleicht war er abgelenkt. Vielleicht grüßt er nicht, weil er es nicht gelernt hat. Vielleicht grüßt er auch andere nicht."

Und dieses Erkennen, dass die eigene Wahrnehmung unvollständig ist, verändere auch "die Brille, mit der ich in die Welt gucke und die auf vielen Ebenen die Lebensfreude trübt" und bringe in vielen Bereichen neue Sichtweisen. Ganz besonders in den Bereichen Eifersucht, Ärger und Hass. Gäbler sagt: "Das Problem ist, dass man immer in die gleiche Richtung interpretiert." Zu mehr Lebensfreude trage aber auch bei, wenn man einen bewussteren Blick auf den Schicksalsrucksack anderer Menschen werfe. "Oft wird dann erst wieder erkannt, wie gut es einem geht. Es entsteht ein Stück Dankbarkeit", weiß Evelyn Gäbler aus langer Erfahrung mit Patienten. Denn leider sei es so, dass Gutes im Leben sehr oft als "normal abgespeichert" werde.

Natürlich kommen in ihre Praxis auch Menschen, die einen sehr schweren Schicksalsrucksack zu tragen haben. "Man kann die Dinge, die geschehen sind, nicht ändern. Man kann sie nur neu ordnen, man kann sie umdefinieren", sagt Gäbler. Was sie damit meint? "Im Chinesischen hat das Wort ,Krise' dasselbe Schriftzeichen wie ,Chance'. Das finde ich sehr eindrucksvoll." Denn jedes Ende, jeder Verlust sei immer auch ein Anfang. Und in einer Katastrophe auch die Chance wahrzunehmen, und die Katastrophe auf diese Weise umzudefinieren, ihr also etwas Positives abzugewinnen, sie zu relativieren, helfe manchmal, damit besser umgehen zu können.

Evelyn Gäbler war selbst einige Jahre als Psychologin in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung tätig und wurde dort immer wieder aufs Neue überrascht davon, wie wenig es braucht, um Lebensfreude zu empfinden. "Nicht mal die vollständige Gesundheit muss es sein, nicht ein volles Bankkonto. Es sind die vielen kleinen, einfachen Dinge, die glücklich machen, die mehr Lebensfreude schaffen."

Dinge, die gut tun

Ob Gäbler damit die klassischen Tipps meint? Zum Beispiel: Treiben Sie Sport, helfen Sie anderen Menschen, senken Sie Ihre Erwartungen, suchen Sie sich ein positives Umfeld? Evelyn Gäbler lächelt. "Wie gesagt: Lebensfreude ist eine Lebenseinstellung. Und einen Teil davon machen natürlich auch die Dinge aus, die einem gut tun und die individuell sehr verschieden sind", erklärt sie. Egal, ob das nun Joggen, Shoppen oder auch Meditieren sei. Das Allerwichtigste dabei: "Aus der vorhandenen festen Tagesstruktur herausgehen, sie neu gestalten mit zahlreichen Auftankstellen. Und natürlich darin auch Dinge verankern, die einem persönlich wirklich wichtig sind." Zum Beispiel Zeit für den Lebenspartner, für die Kinder oder Zeit für die Umsetzung der eigenen Träume. "Denn die Belastungen, die kommen ganz von alleine", weiß Gäbler.

Eine tägliche Entscheidung

Zur Lebensfreude muss man sich also entschließen. Besonders einfach scheint die Umsetzung dieses Entschlusses nicht zu sein. "Es ist eine tägliche und ganz bewusste Entscheidung, die aber mit der Zeit immer leichter fällt", sagt Evelyn Gäbler.

Auch Karl Valentin, der 1948 verstorbene Volkssänger, hat sich Gedanken über die Lebensfreude gemacht und seine Einstellung dazu in der für ihn typischen Art zum Ausdruck gebracht: "Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch." Und der antike Denker Sokrates sagte: "Das Glück ist schon da. Es ist in uns. Wir haben es nur vergessen und müssen uns wieder daran erinnern."

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