16.08.2021 - 16:41 Uhr
KemnathBesserWissen

Wege aus dem Tief: Loslassen lernen, auch wenn es Angst macht

Dinge loszulassen bedeutet Veränderung und Veränderung bedeutet Risiko. Loslassen kann aber der Beginn von etwas Neuem, Besseren sein. Diplom-Psychologin Evelyn Gäbler aus Kemnath erklärt, warum es wichtig ist, im Leben immer wieder Abschied zu nehmen.

Die Trennung von Lebensgefährten oder -gefährtin beispielsweise kann nicht mehr als persönliches Scheitern empfunden werden, sondern als mutige Entscheidung.
von Christa VoglProfil

Einen Luftballon loslassen, eine Hand loslassen, einen Haltegriff loslassen: Das sind Alltagssituationen, nichts Besonderes, nur ein kurzer Moment und schon ist es wieder vorbei. Viel komplizierter gestaltet sich dagegen das psychologische Loslassen: Zum Beispiel das Loslassen von Kränkungen und Verletzungen aus der Vergangenheit, die nicht heilen wollen. Oder vom inneren Druck, immer alles perfekt machen zu müssen, immer stark zu sein. Oder von einer unglücklichen Liebe. Oder von Dingen, die sich um uns herum ansammeln, die wir aber eigentlich schon lange nicht mehr brauchen.

"Dieses Loslassen von Sichtweisen, Menschen und Dingen geht nicht auf Knopfdruck. Das ist ein Prozess, der Veränderung bedeutet und in uns oft Angst erzeugt", sagt Diplom-Psychologin Evelyn Gäbler, die in Kemnath eine Praxis für psychotherapeutische Kurzzeitbehandlungen leitet. "Das ist, wie wenn man einen Ast loslässt und dann frei schwebt, bevor man wieder festen Boden unter sich spürt."

Leben neu sortieren

Einen Ast loslassen, frei zu schweben, nicht zu wissen, wie der Boden ausschaut, auf dem man landet. Warum sollte man so etwas überhaupt tun? "Man lässt Dinge los, die das Leben erschweren, die belasten", sagt Gäbler. Und dieses Loslassen bedeute oft: Das Leben neu zu sortieren, die Zukunft neu zu planen, die bisher gültigen Maßstäbe korrigieren, Gefühle zuzulassen, sich zu trauen, etwas zu tun, wovor man Angst hat. "Dieses Loslassen ist gleichbedeutend mit: Es soll mich nicht mehr so belasten", erklärt die Diplom-Psychologin.

Gleichzeitig sei es aber wichtig, sich darüber klar werden, woher diese Last eigentlich kommt. Die konkrete Frage dazu lautet: "Was ist denn das für ein Denk- und Verhaltensmuster, was mich einengt, was mich daran hindert, glücklich zu sein?" Denn oft genug hängen "falsche" Denk- und Verhaltensmuster mit sehr hochliegenden Messlatten zusammen, die man sich selber geschaffen hat. Die zwar in der Vergangenheit vielleicht durchaus sinnvoll waren, mittlerweile aber ihre Gültigkeit verloren haben. "Diese persönlichen Normen, diese überhöhten Ansprüche, sollten entrümpelt werden", rät Gäbler und meint damit Glaubenssätze, wie: Ich darf keine Fehler machen. Ich muss es allen Menschen Recht machen. Ich muss durchhalten. Ich muss stark sein. Ich darf nicht an mich denken. Ich darf nicht weinen.

Aus Schwächen werden Stärken

Die Kunst sei, diese Messlatten tiefer zu hängen und das Rückwärtsgehen - raus aus den festgefahrenen Normen, die jetzt keine Daseinsberechtigung mehr haben - positiv zu bewerten. Gäbler sagt: "Wenn nämlich zum Beispiel Weinen keine Schwäche mehr ist, sondern umdefiniert wird in: Gefühle zu zeigen ist Stärke. Wenn es kein Muss mehr ist, es allen Menschen Recht zu machen, sondern die eigenen Bedürfnisse - ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben - in den Vordergrund rücken dürfen. Wenn die Trennung vom Lebensgefährten nicht mehr als persönliches Scheitern empfunden wird, sondern als mutige Entscheidung. Wenn ich Erinnerungen an frühere Kränkungen und Verletzungen gedanklich nicht endlos durchspiele, sondern sie abschließe und diese Entscheidung als Zeichen von Größe empfinde. Dann komme ich mit mir ins Reine." Loslassen heiße aber auch, das Leben zu akzeptieren und zu genießen, so wie es gerade ist. Und die Vorstellung loszulassen, dass alles kontrollierbar und planbar sei.

Es kann anders kommen

Lächelnd erzählt Gäbler von einer Selbsthilfegruppe, die sie leitet und mit der sie vor kurzem eine kleine Wanderung machte. Bestes Wetter war angesagt und trotzdem fing es plötzlich an zu regnen. "Der Plan war, gemeinsam bei Sonnenschein ein Stück des Weges zu gehen. Loszulassen hieß in diesem Fall, zu akzeptieren, dass es zu regnen beginnt. Und zu bemerken: Es kann ja trotzdem schön sein", sagt die Diplom-Psychologin und fügt hinzu: "Wir werden uns immer daran erinnern, dass es trotz des Regens schön war, dass wir trotz des Regens eine Lösung gefunden haben." Denn es sei zwar schön, Pläne zu schmieden, "aber es ist auch ein lösendes Gefühl zu akzeptieren, dass es anders kommen kann."

Lasse man in seinem Leben nicht immer wieder Menschen, Sichtweisen und Dinge los, so Gäbler, dann "häufen sich die Baustellen, dann gibt es mehr und mehr negative Rückmeldungen, dann nehmen die Probleme zu". Man sei vom Alten noch so gefangen, dass keine Energie mehr da sei, das Neue vorzubereiten. "Man kann nicht mehr frei durchatmen, man verkrampft sich", sagt die Diplom-Psychologin aus Kemnath. Und nicht selten führe das auch zu körperlichen und psychischen Problemen.

Nicht an Leid festhalten

Dann kommt Gäbler auf die Angst zurück, die mit dem Loslassen natürlicherweise verbunden ist. Und auf das Beispiel mit dem Ast: "Am Anfang steht das Erkennen, dass man festhält. In der Folge sollte man sich die ehrliche Frage stellen, wie viel Leid an dem Ast ist, den man nicht loslassen möchte." Vielleicht werde dadurch plötzlich klar: "Das Leid, wenn ich an diesem Ast festhalte, ist viel größer als die Angst vor der Veränderung durch das Loslassen." Außerdem berge Loslassen immer auch die Chance, etwas Positives anzustoßen: Vielleicht lässt man ja seinen Leid-Ast los und landet auf einem viel stabileren Ast, der nicht so viel Kraft kostet. Oder vielleicht sogar inmitten einer bunten Blumenwiese.

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„Man lässt Dinge los, die das Leben erschweren, die belasten“, sagt Evelyn Gäbler, Diplom-Psychologin.

 

 

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