Ein Garten wie ein Dschungel: Stilmix im Pflanzen-Dickicht

Weder Rasen noch Wiese: Sonja und Volker Seebauer setzen auf die grüne Vielfalt von heimischen und exotischen Pflanzen. Auch viele Kleintiere haben das naturnahe Gartenidyll für sich entdeckt.

Sonja und Volker Seebauer fühlen sich in ihrem Naturgarten sehr wohl.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Am Gartentor hängt seit September 2020 das Schild „Zertifizierter Naturgarten“. Eine Auszeichnung, die nur vergeben wird, wenn die Kriterien für Ökologie und Biodiversität erfüllt sind. Im Schorndorfer Garten ist weit mehr vorhanden, als gefordert. Aber nachdem das Hanggrundstück komplett abgeschirmt ist, muss man warten, bis sich das Tor öffnet. Der „Aha-Effekt“ ist dabei vorprogrammiert. „Wir sind absolut unerfahren in das Abenteuer Garten gesprungen“, sagt Sonja Seebauer. Doch ebenso wie ihr Mann ist sie mittlerweile zu einer Expertin mit umfassendem Gartenwissen geworden. Von der Planung bis zur Pflanzung lief alles in Eigenregie. 2009 starteten die „zugroasten“ Neubürger nicht nur mit dem Entkernen und dem Ausbau eines ehemaligen Austraghäuschens, auch der angrenzende Garten wurde gleich mit angepackt und sich von oben nach unten vorgearbeitet. „Als Ausgleich zu den Renovierungsarbeiten“, sagt Volker Seebauer schmunzelnd und ergänzt: „Der Garten wurde zur Seele des Ganzen.“ Im Sommer ist das Grundstück ein grüner Dschungel mit vielen versteckten Ecken, die es zu entdecken gibt. „Jede Jahreszeit hat ihre Vorzüge“, betonen beide.

Als erstes wurde am Eingang, etwa mittig des Grundstücks gelegen, eine mehrere Meter hohe Steinmauer mit mächtigen Granitsteinen aus der Region aufgeschichtet, um das Gelände abzufangen. Dahinter verbirgt sich ein Erdkeller, der ganzjährig die Temperatur gut hält und als Lager für Äpfel und Getränke genutzt wird. Die vorher mit Brennnesseln überwucherte „fette Wiese“ wurde komplett abgetragen und eine etwa 20 Zentimeter dicke, relativ grobe Schotterschicht aufgebracht. An einigen Stellen erfolgte der Bodenaustausch mit Ziegelsplit. „Der Boden war zu nährstoffreich“, erklärt Volker Seebauer. Auch alle Nadelbäume mussten weichen, nur ein alter Apfelbaum durfte bleiben. Einen Fehler musste er mit Muskelkraft und vielen Schubkarrenfuhren wettmachen: „Wir haben den Bagger zu schnell weitergeschickt.“

Mehrere Klimazonen

Nach elf Jahren ist die Hangwiese nicht mehr wiederzuerkennen. Die abwechslungsreiche Bepflanzung - von Rosen bis Disteln - begeistert Besitzer, Gäste und tierische Besucher gleichermaßen. „Wir haben mehrere Klimazonen im Garten“, erklärt Sonja Seebauer beim Rundgang. So muss sich die heimische Vogelschutzhecke ebenso gegen den Ostwind stemmen, wie der Feigenbaum, der auf einer Anhöhe thront. Geschütztere Lagen gibt es in der Gartenmitte und bei der Experimentierecke am Stodlgiebel wird es fast mediterran. Ein Vorteil: Das Ehepaar ist „steinreich“. Das Gestein in allen Größen und Formen wird von der Sonne erwärmt, was beispielsweise den frostempfindlichen Mönchspfeffer sehr stabil wachsen lässt und auch Thymian und Rosmarin gut durch den Winter bringt. Im Frühjahr blüht die Küchenschelle und im Sommer das gelbe Johanniskraut. Die graubehaarte Zistrose sorgt für Nachschub beim beliebten Familiengetränk, dem Cistus-Tee.

Ein Hingucker ist der Maulbeerbaum. Neue Züchtungen machen den winterharten und relativ pflegeleichten Baum auch für den Hausgarten interessant. Denn jetzt gibt es Sorten, die nur drei und keine 15 Meter hoch werden. Humusreicher, gut durchlässiger und ein eher kalkhaltiger Boden ist von Vorteil. Junge Bäume sollten in trockenen Sommern gut gegossen werden und benötigen einen Winterschutz. Die weiß-gelben Blüten ähneln Weidekätzchen und die blauschwarzen, geschmacksintensiven Früchte sehen aus wie Brombeeren im XXL-Format. Die Erntezeit ist lang: Von Mai bis September reifen immer neue Beeren heran. Die schwarzen, sehr süßen Früchte der Maulbeere munden nicht nur den Gartenbesitzern: „Wir streiten uns immer mit den Amseln. Das ist Bio-Lärm“, sagt Sonja Seebauer lachend. Das gleiche Spiel läuft bei der Japanischen Weinbeere ab. „Die trägt richtig viel und ist sehr anspruchslos.“ Gute Ernte liefert auch das am Haus angebrachte Kiwi-Spalier der Sorte „Weiki“. Diese Züchtung aus Weihenstephan hält raue Lagen gut aus.

Die winterharte Kiwi-Sorte „Weiki“ wurde, wie es der Name schon vermuten lässt, im LWG-Sichtungsgarten Weihenstephan gezüchtet. Sie wird deshalb gerne auch als „Bayern-Kiwi“ bezeichnet und ist die kleine Schwester der Supermarkt-Kiwi. Die Mini-Kiwi besticht mit ihren glattschaligen Früchten und dem hohen Vitamin-C-Gehalt. Die Pflanze verträgt bis zu minus 30 Grad und ist mittlerweile in vielen Oberpfälzer Gärten zu finden. Ihr Plus: Sie ist relativ anspruchslos und widerstandsfähig gegenüber Krankheiten. Die „Weiki“ ist zweihäusig, Das bedeutet, dass männliche und weibliche Blüten auf verschiedenen Pflanzen wachsen. Man benötigt also mindestens zwei Kiwis im Garten, wenn man Früchte haben möchte. Bis zur ersten Blüte dauert es meist vier bis sechs Jahre. Doch die „Weiki“ ist auch mit ihren herzförmigen, dunkelgrünen Blättern sehr dekorativ. Ein weiterer Kiwi wächst als Baum mitten im Seebauer-Grundstück und bekommt die Winde des Bayerischen Waldes voll ab. „Insgesamt ist es ein nutzbarer Garten im Stilmix ohne Zwänge“, lautet die Umschreibung der Besitzer.

Einige am Boden liegende Baumstämme sind dekorativ und gleichzeitig wertvolles Totholz. Der Buntspecht übt sich im Zerlegen, während Eidechsen sowie andere Kleintiere und Insekten Unterschlupf finden. Die Stauden dürfen sich selber aussäen und durch den Garten wandern. Nur wenn etwas überhand nimmt – wie aktuell der Hundsklee am Teich – dann wird reduziert. „Es gibt kein Unkraut. Ich lasse fast alles und fast immer funktioniert es auch.“ Bücken nach Löwenzahn? Fehlanzeige. Auch Giersch stört nicht. Er darf an einigen Plätzen wachsen und wird mittels einer Mauer in Schach gehalten. Der Tellerpfirsichbaum fühlt sich unter dem schützenden Kirschbaum wohl. „Es ist ein Gleichgewicht vorhanden, das alles gesund hält“, erklärt Sonja Seebauer. Sie pflückt eine Indianerbanane („Die ist mega lecker“), deren Form eher an eine Mango erinnert.

Wir biegen ab zum Nutzgartenbereich am Hausgiebel mit direkten Zugang zur Küche. Zwischen den Hochbeeten zieht der Duftrasen mit der sehr dominanten Scheinkamille und dem blühenden Thymian Auge und Nase an. Drei Jahre hat es gedauert, bis alles zu einer homogenen Fläche zusammengewachsen ist. Die Hochbeete nutzt die Familie seit sechs Jahren und möchte sie nicht mehr missen. „Wir pflanzen hier je nach Jahreszeit auch unterschiedlichstes exotisches Gemüse wie Malvensalat, Chinesische Keule, Zackenschoten, Erdbeerspinat und Gartenmelde an und experimentieren liebend gerne mit neuen Sorten“, sagt Sonja Seebauer. „Ursprünglich haben wir verschiedenste Beetversuche gestartet“, erzählt Volker Seebauer. Neben dem herkömmlichen Gartenbeet wurde mit Heubeet, Kraterbeet, Hügelbeet und Hochbeet experimentiert. Das Resümee: „Das Hochbeet hat sich für den täglichen Einsatz bewährt, da es am leichtesten zu handeln ist.“ Dem guten Mutterboden werden natürliche Nährstoffe zugeführt, unterstützend wirken eine dicke Laubüberdeckung im Winter und der Verzicht auf ein radikales Abernten im Herbst. Manche Sorten dürfen Ausblühen und werden zur Samengewinnung stehen gelassen.

Trittfeste Thymian-Wiese

Weiter geht es in die Mitte des Gartens mit der trittfesten Thymian-Wiese. „Im Sommer summt und brummt es hier wie in einem Bienenstock. Das ist so schön anzuschauen“, freut sich das naturverbundene Ehepaar, welches keine Probleme mit den Tierchen hat. „Wespen, Hornissen und Bienen führen ihren Krieg selber.“ In der Beeren-Straße am unteren Grundstücksrand werden die überhängenden Zweige mit Eisenstangen, die mit Kokosseilen umwickelt sind, in Struktur gehalten. Die Stangen bilden damit keinen Fremdkörper, sondern fügen sich als dekorative Elemente ein. Die Auswahl an Beerensträuchern ist von der Thaibeere und dem Chinesischen Weißdorn bis hin zur Kornelkirsche und dem heimischen Holunder groß. „Bei den Obstsorten ist alles bis auf die Pflaume vertreten“, informiert Sonja Seebauer zu den Obstbäumen, die sich zwischen all dem Grün einfügen. Kleine Ausbuchtungen entlang des verschlungenen Weges bieten Platz für schattige Sitzecken, wie für eine „Sommercouch“ unter den langen Brombeer-Ranken. Die Thujen am Nachbargrundstück sind durch eine Haselnusshecke weitgehend verdeckt. Den Eindruck vom „grünen Dschungel“ verstärkt im Sommer ein Laubengang. Wir kommen zum Grillplatz, ein Rondell aus festgeschraubten Fichtenbrettern vor der massiven Steinwand. „Mein Mann ist handwerklich sehr begabt“, lobt Sonja Seebauer. Gleich daneben wächst eine Rarität: Die „Nordische Zitrone“ (dornenlose Zierquitte) mit ihren kleinen, gelben Früchten, die in der Familienküche zu Mus verarbeitet werden. Der Strauch wird etwa 1,50 Meter hoch und ist absolut winterhart. Von hier fällt der Blick hinüber zum Naturteich (mit Lehm ausgebettet), der mit Regenwasser gespeist wird.

Zwischen den verschlungenen Wegen hinauf zum oberen Garten erheben sich mit Steinen gebaute Hochborde, quasi als „natürliche Hochbeete“. Hier wachsen Schätzchen wie die Hängeminze „Indian mint“, Gelber Enzian oder auch Klatschmohn. Ein besonderer Zaun - aufgeschichtete Dachziegel vom alten Haus - bildet derzeit die Grenze. In geschützter Hochlage, am Brettergiebel der Garage, ist eine „Experimentier-Ecke“ angelegt. Eine kleine Auswahl: Feigenkaktus, Chinesische Dattel und Urform-Zitrone. „Es ist spannend, was bei uns alles durchkommt“, freut sich die Hobbygärtnerin auch über den noch Anfang November blühenden Rosmarin.

Die Arbeiten im Herbst halten sich in Grenzen, denn der Garten wird nicht „leergeräumt“. Die Stauden bleiben mit ihren Fruchtständen bis zum Frühjahr stehen und das Laub darf liegenbleiben. Es schützt die Pflanzen vor Frost und durch die langsame Zersetzung werden Nährstoffe an den Boden abgegeben. Herbstlaub wirkt sich nur auf den Rasen negativ aus, und einen solchen gibt es ja im Seebauer-Garten nicht. Höhen und Tiefen fallen hier besonders im Winter gut auf. „Das Unregelmäßige wird wieder harmonisch“, sagt Sonja Seebauer und ergänzt: „Die Welt ist chaotisch, der Garten darf es auch sein.“

Der Garten von Heidi und Hans Albang in Oberviechtach

Oberviechtach

Das Buch Oberpfälzer Gartenglück zeigt die Vielfalt der Privatgärten auf

Oberpfalz
Hintergrund:

Der Garten von Sonja und Volker Seebauer

Garteln liegt im Trend. Mit unserer Mini-Serie "Hobbygärtnern ins Beet geschaut" präsentieren wir die Vielfalt der Oberpfälzer Privatgärten. Und zwar vom "Rosen-Rasen-Traum" bis zum etwas wilden Naturgarten.

  • Standort: Schorndorf (Landkreis Cham)
  • Grundstück: 1000 qm
  • Beschreibung: Zertifizierter Naturgarten in extremer Hanglage im Stilmix unterschiedlichster Pflanzen. Steine, Holz und ein Laubengang geben Strukturen vor. Ein langer Holzsteg führt vom Wohnhaus zum Teich mit Grillplatz und zur trittfesten Thymian-Wiese.
  • Ein Beitrag aus dem Buch "Oberpfälzer Gartenglück" von Gertraud Portner; erschienen 2021 im Buch- und Kunstverlag Oberpfalz in der Battenberg-Gietl-Verlag GmbH; ISBN 978-3-95587-081-2.
  • Nächste Woche: "Mehr Natur mit Permakultur". Edeltraud und Egbert Völkl in Pirk bei Oberviechtach haben vor vier Jahren einen neuen Gemüsegarten angelegt und setzen dabei auf alte Sorten (mit Tipps für eine dauerhafte Kultur).

Es gibt kein Unkraut. Ich lasse fast alles und fast immer funktioniert es auch.

Sonja Seebauer

 

 

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