29.04.2021 - 14:39 Uhr
TirschenreuthBesserWissen

Mit Baldrian der Wildkatze auf der Spur

Die Europäische Wildkatze ist eine äußerst scheue Bewohnerin des Waldes. In Bayern sind nur wenige Gebiete bekannt, wo sie heimisch ist. Eines davon ist das Naturschutzgebiet Großer Teichelberg im Norden der Oberpfalz.

Wildkatzen suchen sich ruhige Jagdreviere, am besten mit Altbaumbestand, die sie zur Aufzucht ihrer Jungen benötigen.
von Christa VoglProfil

Baldrian wirkt beruhigend und erleichtert das Einschlafen. Er hat angstlösende Effekte, hilft in Stresssituationen und lindert Unruhezustände. Zumindest gilt das für Menschen. Eine komplett andere Reaktion ruft die Heilpflanze bei den meisten Katzen hervor: Auf sie wirkt Baldrian unwiderstehlich, sie werden davon nahezu magisch angezogen.

"Diese besondere Vorliebe für Baldrian wird genutzt, um nachzuweisen, dass es an einem Standort Wildkatzen gibt, ohne sie dabei aber in ihrem Lebensraum zu stören", sagt Ursula Schimmel, die als Geschäftsstellenleiterin des Bundes Naturschutz im Landkreis Tirschenreuth tätig ist. Und sie erklärt auch gleich, wie diese Vorliebe genutzt wird: "Das Verfahren nennt sich Lockstock-Methode. Man braucht dazu einen Stock, zum Beispiel eine ungehobelte, raue Dachlatte, so ungefähr 60 Zentimeter lang. Diese Latte wird dann dick mit einer Baldrian-Tinktur eingesprüht und im Wald aufgestellt."

Sexuallockstoffe

Aber natürlich nicht irgendwo im Wald. Denn Wildkatzen haben äußerst ausgeprägte Ansprüche an ihren Lebensraum, weiß Schimmel. "Es ist inzwischen bekannt, dass sie Laub- und Mischwälder bevorzugen und Gegenden meiden, in denen der Winter lang und streng ist. Und da sie sehr scheu sind, suchen sie sich ruhige Jagdreviere, am besten welche mit Altbaumbestand, die sie zur Aufzucht ihrer Jungen benötigen."

Natürlich auch nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt, sondern während eines genau definierten Zeitraums. Gerade in der Paarungszeit von Januar bis März, der Ranzzeit, werden die Katzen vom Baldrianduft angelockt. Die Wissenschaft hat inzwischen auch eine Erklärung für die besondere Wirkung dieser Pflanze auf Katzen gefunden: Es wird vermutet, dass Inhaltsstoffe des Baldrians Ähnlichkeit haben mit den Sexuallockstoffen, die Katzen während der Paarungszeit absondern.

Lockstock mit Baldrian-Duft

Doch was passiert, wenn eine Katze vom Baldrianduft des Lockstocks angezogen wird? "Die Katzen schmiegen sich an die Latte, sie reiben sich und dabei bleiben am Holz Haare ihres Fells hängen", beschreibt Schimmel. "Die Kontrolle der Latten erfolgt in der Regel einmal pro Woche. Befinden sich Katzenhaare am Holz, so werden diese vorsichtig entfernt und eingetütet." Danach erfolgt eine erneute Behandlung der Latte mit Baldriantinktur. Diese Prozedur wiederholt sich über mehrere Wochen hinweg. Insgesamt also ein ziemlich aufwendiges und auch anstrengendes Projekt, da sich die betreffenden Stellen meist in unwegsamem Gelände und tief im Wald befinden.

Danach werden die Latten wieder entfernt und die eingesammelten Haarproben gehen zur Untersuchung an das Senckenberg-Forschungsinstitut nach Frankfurt/Main. "Durch die Auswertung erhält man ein gutes Bild davon, wie viele verschiedene Katzen sich in welchem Gebiet aufhalten und ob es sich dabei um männliche Wildkatzen - Kuder - oder um weibliche Wildkatzen handelt", erklärt Ursula Schimmel. Und natürlich stellt das Labor auch fest, ob es sich bei den gefundenen Haaren nicht vielleicht doch "nur" um die Hinterlassenschaft einer "ganz normalen Hauskatze" handelt.

Vom Aussterben bedroht

Doch warum der ganze Aufwand? Tatsache ist, dass die Wildkatze bereits vor 500 000 Jahren in Europa verbreitet war, heute aber verschwunden oder vom Aussterben bedroht ist. "Sie galt als Nahrungskonkurrent für den Menschen, weil sie Hasen, Rebhühnern und Fasanen nachstellte. Daher wurde sie abgeschossen", weiß Schimmel. Zusammen mit dem Luchs, dem Wolf und dem Bären. Doch auch der Rückgang der Waldlebensräume, das dichte Netz von Verkehrswegen und Siedlungen sowie die intensiv genutzten Agrarlandschaften trugen ihren Teil dazu bei. Trotz allem: Einige wenige Restbestände der Europäischen Wildkatze gibt es noch in Deutschland, eine kleine Population davon ist sogar in der nördlichen Oberpfalz beheimatet: im Naturschutzgebiet Großer Teichelberg, einem Basaltberg mit alten Laubwaldbeständen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der Bestand der Wildkatzen erfreulicherweise wieder leicht zugenommen, nicht zuletzt aufgrund von Auswilderungsprojekten, Zuwanderungen und der Schaffung grüner Korridore, die die Wälder miteinander verbinden. Derzeit gibt es in ganz Bayern ungefähr 700 Wildkatzen. Noch kein Grund zum Jubeln, findet Ursula Schimmel. Dennoch ist sie zuversichtlich und freut sich, dass die scheue Jägerin zurück ist und nach und nach neue Reviere in den Wäldern erobert. Entsprechend herzlich fällt ihr Plädoyer für die Wildkatze dann auch aus: "Die Wildkatze war hier schon immer zu Hause. Sie ist eine bayerische Ureinwohnerin."

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Hintergrund:

Die Wildkatze - scheu und selten

  • Buschiger Schwanz mit dunklen Ringen, das Ende stumpf und schwarz gefärbt.
  • Dichtes Fell mit weißem Kehlfleck. Die Farbe des Fells ist grau-cremegelb getigert, die Zeichnung verwischt.
  • Wuchtige Kopf- und Schnauzenform.
  • Seit 2011 ist der BUND mit einem großflächig angelegten Monitoring der Wildkatze auf der Spur.
  • Dank der gesammelten Daten war es möglich, die weltweit erste Wildkatzen-Gendatenbank zu entwickeln.
  • Wildkatzen sind scheu und dämmerungs- oder nachtaktiv. Sie verlassen nur ungern die schützende Deckung.
  • Der BUND hat in fünf Bundesländern "grüne Korridore" zwischen Wildkatzen-Wäldern gepflanzt. So soll die Ausbreitung der Wildkatze unterstützt werden.
  • In den 1980er-Jahren startete der BUND ein Zucht- und Auswilderungs-Projekt. Ziel war es, die ausgerottete Wildkatze zurück nach Bayern zu holen. Heute lebt die Wildkatze wieder im Freistaat.

 

 

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