20.08.2019 - 18:20 Uhr
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Lösche-Prozess: Warum tötete Boujemaa L.?

Boujemaa L. soll Sophia Lösche getötet haben, um ein Sexualverbrechen zu vertuschen. Das wirft ihm die Anklage vor. Aber für eine Vergewaltigung gibt es keine Beweise. Doch das Gericht ist sich sicher: Verschleiern wollte der Marokkaner trotzdem etwas.

Am letzten Tag der Beweisaufnahme im Bayreuther Schwurgerichtssaal: Der des Mordes an Sophia Lösche beschuldigte Boujemaa L. (rechts) zwischen seinem Dolmetscher (vorne links) und seinem Verteidiger.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Um 14.05 Uhr schließt am Dienstag der Vorsitzende Richter, Bayreuths Landgerichtsvizepräsident Bernhard Heim, die Beweisaufnahme im Mordprozess Sophia Lösche. Einziger Punkt an diesem Tag: ein rechtlicher Hinweis.

Es könnte - abweichend von der Anklage - auch ein Mord in Tatmehrheit mit einer gefährlichen Körperverletzung sein. In den zehn Minuten, in denen am Dienstag verhandelt wird, skizziert Heim ein Szenario, das sich am 14. Juni 2018 in Sperbes, einen Rastplatz an der A 9, abgespielt haben könnte. Demnach kommt es zunächst zu einem Streit zwischen Täter und Opfer. Sei es nun wegen eines, so Heim, "überdrehten Verhalten Sophias", wie es Boujemaa L. in seinem Geständnis dargelegt hatte, oder weil die 28-jährige Amberger sehr deutlich einen Annäherungsversuch des Beschuldigten zurückwies. So oder so: Boujemaa L. schlug mit einem Radmutterschlüssel mehrfach auf die Frau ein.

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Urteil im September

Nach einer laut Heim "mindestens zehnminütigen Zwischenzeit", in der der marokkanische Fernfahrer das Führerhaus verlassen und sich vom Lkw entfernt hatte, könnte laut dem rechtlichen Hinweis des Gerichts vom Dienstag Boujemaa L. einen weiteren Tatentschluss gefasst haben: Mit mindestens einem weiteren wuchtigen Schlag Sophia Lösche zu töten, um die vorangegangene Körperverletzung zu verdecken. Auch das wäre ein Mordmerkmal. Bis zum 10. September, dem Tag der Plädoyers, ist die Hauptverhandlung unterbrochen. Das Urteil wird für 18. September erwartet.

Letzter Zeuge im Prozess war am Montagvormittag ein Kripobeamter aus Leipzig. Er rekonstruierte, wie aus dem Vermisstenfall Sophia Lösche Mordermittlungen wurden. Fest stand, dass die Ambergerin, 28 Jahre jung und Studentin in Leipzig, am Donnerstag, 14. Juni, "ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen hatte, es keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort gab und sie nicht mehr erreichbar war". Als die Leipziger Polizei vier Tage nach Verschwinden der Tramperin die GPS-Daten von Boujemaa L.s durch halb Europa bekam, erhärtete sich der Tatverdacht gegen den Marokkaner. Augenfällig war ein "völlig untypisches Verhalten": ungewöhnliche Standzeiten, ungewöhnlich viele Orte, die der Trucker in kurzer Zeit ansteuert. Und: An dem Punkt, an dem Sophia Lösche angeblich ausgestiegen war, gab es laut GPS ("Da sind die Fahr- und Standzeiten sekundengenau dargestellt") gar keinen Halt. Drei Stunden lang stand der Lastwagen am Abend des 14. Juni 2018 am Rastplatz Sperbes. "Das machte keinen Sinn", sagt der Zeuge. "Zumal der nächste Ladepunkt nur 30 Kilometer weiter war." Der Kripobeamte schildert die Suchmaßnahmen an den Autobahn-Rastplätzen in Bayern und Sachsen, wobei ein Feuerzeug und eine Bierdose bei Lauf, eine im Müll entsorgte Lkw-Matratze in Feucht gefunden wurden. Auf dem Tankstellengelände im spanischen Baskenland, wo Sophia Lösches Leiche Tage später gefunden wurde, zeichnete das GPS auf, dass der Lkw oft hin und her fuhr. Und dann war da noch die Motortemperatur der Zugmaschine: Zunächst immer konstant, nach einem kurzen Stopp an einer weiteren Tankstelle in Spanien plötzlich sehr hoch. Wenig später brannte der Truck aus.

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Selfie verschickt

Von den Fotos, die Boujemaa L. einer Freundin von Sophia als Beweis für seine Unschuld schickte, ist eines, das ihn in Lauf zeigte: Ein Selfie des Vierfachvaters, während hinter ihm der Lkw beladen wurde. Es war Freitag, 15. Juni 2018, um 9.25 Uhr. Und wenn es stimmt, was er sagt, war es ungefähr zwölf Stunden her, dass er Sophia Lösche totgeschlagen hat. Auf dem Bild lacht er in die Kamera.

Hintergrund:

Angeklagter beteuert: Ich sage die Wahrheit

Er sage die Wahrheit, beteuerte Boujemaa L. nochmals. Er habe sein Testament gemacht und verfügt, dass sein Körper nicht nach Marokko überführt werden soll, seine Organe gespendet werden sollen. Ob er ernsthafte Suizidgedanken habe, erkundigte sich der Vorsitzende Richter. „In Spanien habe ich versucht, mich umzubringen, in Deutschland nicht“, so der Angeklagte. Psychiatrischer Sachverständiger Dr. Thomas Wenske stuft den 42-Jährigen „durchaus als suizidgefährdet“ ein. Der Beschuldigte sei isoliert und verzweifelt: Seine Frau habe sich abgewandt, er habe eine schwere Straftat begangen, eine lange Haftstrafe sei zu erwarten. Im Fall einer Verurteilung müsste man ihn „eine ganze Zeit lang überwachen“, riet Wenske. (san)

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