19.08.2019 - 19:47 Uhr
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Mordprozess Sophia Lösche: Angeklagter ein reizbarer Einzelgänger

Leicht reizbar und jemand, der auf Kränkung mit Gewalt reagiert: So charakterisiert ein Psychiater den Angeklagten im Mordprozess Sophia Lösche. Eine Persönlichkeitsstörung erkennt er bei dem marokkanischen Trucker (42) aber nicht.

Der Angeklagte betritt den Schwurgerichtssaal des Bayreuther Justizpalast. An diesem Verhandlungstag beurteilen ein Psychiater und eine Psychologin (rechts im Bild) seine Persönlichkeit. Im Hintergrund Oberstaatsanwältin Sandra Staade, die Boujemaa des Mordes an der Tramperin aus Amberg beschuldigt.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Ein Einzelgänger. Jemand, der außerhalb seiner Kernfamilie mit Ehefrau und vier Kindern keine Sozialkontakte pflegt. Ein Mensch, der wenig mit seinem Leben zufrieden, emotional labil ist. Aber auch jemand, der schnell wütend wird, ein deutlich erhöhtes Aggressionspotenzial hat und - vor allem, wenn er gekränkt wird - mit Gewalt reagiert. All das sind die Facetten der Persönlichkeit von Boujemaa L., dem Angeklagten im Mordprozess Sophia Lösche.

Am Montagvormittag stellte Andrea Leonhardt, Psychologin an der Klinik für forensische Psychiatrie Erlangen, dem Gericht die Ergebnisse psychologischer Tests vor. Demnach ist der Angeklagte unter anderem unterdurchschnittlich intelligent (IQ von 81), eine Intelligenzminderung aber liegt nicht vor. Zweimal hatte Dr. Thomas Wenske, stellvertretender Chefarzt der Klinik für forensische Psychiatrie in Erlangen, den Angeklagten in der Untersuchungshaft besucht, um den Menschen Boujemaa L. zu ergründen. Kooperativ sei er bis auf eine Ausnahme gewesen: Lediglich zum Kern-Tatgeschehen, also was im Lkw-Führerhaus geschah, mutmaßlich auf dem Rastplatz Sperbes an der A 9, sagte er nichts, weinte und jammerte nur. Zu Prozessauftakt im Juli gestand der 42-Jährige, die Anhalterin aus Amberg erschlagen zu haben. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass er damit eine Sexualstraftat vertuschen wollte, bestritt er vehement. Auslöser sei vielmehr ein Streit über einen gestohlenen Brocken Haschisch gewesen.

Gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen hatte der Angeklagte seine Kindheit geschildert: aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen bei den Großeltern (den Vater lernte er erst mit zehn oder elf Jahren kennen, von der Mutter dachte er, es sei seine Schwester), vom Onkel oft psychisch gequält und geschlagen.

Nach verschiedenen Tätigkeiten - vom Kfz-Lackierer über Arbeiter im Steinbruch - wurde Boujemaa L. schließlich Lkw-Fahrer, lernte bei einer dieser Touren seine spätere Ehefrau kennen, mit der er drei Töchter (17, 14, 11) und einen Sohn (3) hat. L. verdiente für marokkanische Verhältnisse sehr üppig, vor allem seit er die Europatouren fuhr: 1000 bis 1200 Euro netto. Boujemaa L. offenbarte dem psychiatrischen Sachverständigen seine Eheprobleme, permanente Streitereien und häusliche Gewalt. Er gab an, dass es zwischen ihm und seiner Frau keinen Sex mehr gegeben habe, ein sexuelles Interesse an Sophia Lösche wies er von sich: "Ich habe schon jüngere und schönere Frauen mitgenommen, auch von denen wollte ich nichts."

Eine Persönlichkeitsstörung liegt beim Angeklagten nicht vor, wenngleich Wenske behandlungsbedürftige Persönlichkeitsakzente (erhöhte Erregbarkeit, gesteigerte Aggression) hinsichtlich der Gewalt gegen die Ehefrau sah. Der Psychiater sprach von Nachsozialisation: "Da lernt man, dass man die Frau, selbst wenn sie einen kränkt, nicht schlägt oder mit dem Messer sticht." Dass Boujemaa L. in einer affektiven Ausnahmesituation gehandelt habe, verneinte Wenske. Das sei weder bei dem vom Angeklagten geschilderten Tatablauf noch bei einem alternativen Szenario der Fall, das Vorsitzender Richter Bernhard Heim skizzierte: nämlich, dass der Fernfahrer sich Sophia Lösche nähern wollte, aber abgewiesen wurde. Mit dem Verhandlungstag am Dienstag, 20. August (Beginn 14 Uhr), wird die Beweisaufnahme abgeschlossen.

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