16.08.2019 - 19:41 Uhr
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Mordprozess Sophia Lösche: Todeszeitpunkt bleibt unklar

Wann und wo hat Boujemaa L. die 28-jährige Sophia Lösche umgebracht? Eine definitive Antwort darauf hat auch ein Rechtsmediziner aus Erlangen nicht, als er im Bayreuther Mordprozess das Obduktionsergebnis seines Instituts interpretiert.

Andreas Lösche, Bruder der 28-jährigen ermordeten Amberger Studentin Sophia, zum Prozessauftakt neben seiner Mutter im Landgericht Bayreuth. Während der Ausführungen des Rechtsmediziners aus Erlangen wurde es ihm zu viel - er verließ den Gerichtssaal.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Zum ersten Mal wird es Andreas Lösche zu viel. Er verlässt den Gerichtssaal. Seine Eltern, die ebenfalls Nebenkläger im Prozess um ihre getötete Tochter Sophia sind, ertragen auf bewundernswerte Weise, was ein Rechtsmediziner vorträgt. Nur ihre Hoffnung erfüllt sich nicht. Am Freitagmorgen hatte im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth der Erlangener Rechtsmediziner Professor Dr. Stephan Seidl das Wort. Mit Spannung war sein Bericht erwartet worden. Kann er den Todeszeitpunkt näher bestimmen? Seidl verneint. Die Hoffnung der Hinterbliebenen, den Todeszeitpunkt zu erfahren, zerschlagen sich auch im zweiten Obduktionsbericht.

Am rechtsmedizinischen Institut der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen war die Leiche der 28-Jährigen am 28. August 2018 seziert worden. Erneut, denn die erste Obduktion war bereits in Spanien erfolgt. Sophia Lösche, eine 28-jährige Studentin, war am frühen Abend des 14. Juni 2018 an der Raststätte Schkeuditz an der A 9 bei Leipzig in den Lkw des marokkanischen Fernfahrers Boujemaa L. eingestiegen. Sie trampte, wollte heim nach Amberg, zu ihren Eltern. Doch dort kam sie nie an. Am 18. Juni wurde ihre Leiche im spanischen Baskenland gefunden.

Zweite Obduktion

"Der Zustand der Leiche war noch schlechter als bei der Obduktion in Spanien", schickt Seidl seinen Ausführungen zur Nachsektion in Erlangen voraus. Seidl kann zum Todeszeitpunkt ebenso wenig wie seine spanischen Kolleginnen eine exakte Aussage treffen. Er tendiert eher zum 14. oder 15. Juni, also noch an dem Tag, an dem die Studentin nach Amberg trampen wollte, oder am nächsten. Die Spanierinnen hielten es auch für möglich, dass Sophia Lösche erst am 16. oder 17. Juni getötet wurde. Todesursächlich war ein schweres Schädelhirntrauma nach mehrfacher massiver stumpfer Gewalt. Die Spanierinnen waren hinsichtlich der Schläge mit dem Radmutterschlüssel von zwei unterschiedlichen Zeitpunkten ausgegangen. Dazwischen sei Sophia Lösche bewusstlos gewesen und gefesselt worden. Belastbare Hinweise, dass das Opfer gefesselt wurde, als es noch am Leben war, finden sich im rechtsmedizinischen Gutachten aus Erlangen nicht. Dafür hätte es Blutunterlaufungen geben müssen. Auch eine Abwehrverletzung an Sophia Lösches linker Hand wertet Seidl nicht als solche. "Es waren keine Einblutungen in Weichteile erkennbar."

Das vom Angeklagten genannte Tatwerkzeug, ein Radmutterschlüssel, hält Seidl für möglich. Im Gerichtssaal ist ein Vergleichswerkzeug. Der Angeklagte meint, dieses sei schwerer als die - bis heute nicht aufgefundene - Tatwaffe. Für Seidl ist das Gewicht - ob 1,1 oder 1,5 Kilo - unerheblich. "Das macht keinen Unterschied", sagt er. "Von der Form und der Stabilität her lassen sich die Kopfverletzungen, die todesursächlich waren, plausibel erklären." "Plausibel" ist ein Wort, dass an diesem Freitagvormittag im Bayreuther Schwurgerichtssaal häufig fällt.

Wuchtige Schläge

Wie oft und intensiv mit dem Werkzeug zugeschlagen wurde? Auch darauf weiß Seidl keine definitive Antwort: mindestens vier Mal auf der linken, mindestens einmal sehr massiv auf der rechten Seite des Schädels. Boujemaa L. hatte dem Gericht die Tat so geschildert: Wegen eines Brockens Haschisch sei es zum Streit mit Sophia gekommen. Er habe mit dem Radmutterschlüssel zugeschlagen, dann seinen Lkw verlassen. Als er zurückgekommen sei, ungefähr zehn Minuten später, habe die Verletzte den Kopf gehoben und nach seinem Bein gegriffen. Darüber sei er erschrocken - und habe erneut zugeschlagen. Erst dann will er das viele Blut bemerkt haben.

Nicht plausibel, dass Sophia nach zehn Minuten noch zu gezielten Bewegungen fähig gewesen sei, urteilt der Universitätsprofessor, der 70 Minuten dem Gericht, der Staatsanwaltschaft, der Nebenklage und der Verteidigung Rede und Antwort steht. "Auch wenn wir nicht wissen, was konkret im Gehirn verletzt war: Anschauen oder nach ihm greifen hätte sie nicht mehr können." Der Mediziner geht davon aus, dass Sophia rasch das Bewusstsein verloren hat. Und dass L. die Studentin erst gefesselt hat, als sie schon tot war. Welchen Sinn das mache, will die Mutter wissen. Die Rechtsmedizin kennt laut Seidl durchaus Fälle, in denen das geschehen ist. "Das Verstauen einer Leiche wird dadurch erleichtert." Der rechtsmedizinische Bericht aus Erlangen listet auch 31 Verletzungen auf, die Sophia Lösche nach ihrem Tod zugefügt wurden: oberflächliche Schnitte, aber auch etwas tiefere Stiche. "Da könnte man tatsächlich an ein Cuttermesser denken", führt Seidl aus. Der Angeklagte hatte angegeben, er habe der toten Sophia mit einem Cuttermesser die Kleidung vom Leib geschnitten, um das Blut damit aufzuwischen.

Psychologisches Gutachten

Andreas Lösche ist die meiste Zeit draußen auf dem Flur, während Seidl die Obduktionsergebnisse aus Erlangener Sicht interpretiert. Seine Eltern hören konzentriert zu. Der Angeklagte stützt die meiste Zeit seinen Kopf auf der Hand auf, starrt auf den Tisch. Am nächsten Prozesstag (Montag, 19. August) wird er hören, was ein psychiatrischer Gutachter über ihn zu sagen hat.

So lief der Mordprozess bisher:

Amberg
Amberg
Bayreuth
Bayreuth
Amberg
Info:

Keine Sperma-Spuren

Dass er Sophia Lösche getötet hat, gestand Boujemaa L, ein marokkanischer Trucker, zu dem sie am frühen Abend des 14. Juni 2018 in Leipzig-Schkeuditz eingestiegen war, schon zum Prozessauftakt. Er will die 28-Jährige nach einem Streit um einen Brocken Haschisch auf dem Parkplatz Sperbes an der A 9 im Lkw erschlagen haben. Das wäre eine Tat im Affekt, also Totschlag. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth hat den 42-Jährigen wegen Mordes angeklagt. Sie wirft ihm vor, Sophia Lösche getötet zu haben, um eine Sexualstraftat zu vertuschen. Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch fanden die Obduzenten nicht, weder die spanischen noch die deutschen. Professor Dr. Stephan Seidl, Rechtsmediziner aus Erlangen, sagt am Freitag vor Gericht, dass alle diesbezüglichen Untersuchungen negativ verlaufen seien. Spermien konnten nicht nachgewiesen werden – „und das gelingt an Leichen besser als an Lebenden“.

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