14.08.2019 - 13:17 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Mordprozess Sophia Lösche: Technik entlarvt Fernfahrer

Ein Smartphone verrät viel. Aber nicht alles. Für den Angeklagten im Mordprozess Sophia Lösche ist die Auswertung seines Handy entlarvend. Er filmte heimlich, möglicherweise auch sein Opfer.

Der Tatort: Bis heute steht das ausgebrannte und zerlegte Wrack des Lkw im Hof der Kripo in Bayreuth.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ein Ermittler der Kripo Bayreuth breitet im Mordprozess am Landgericht Bayreuth die Ergebnisse der Auswertung aus. Demnach hatte der Angeklagte eine „Secret Video App“ auf seinem Samsung installiert. Der Bildschirm bleibt aus, während die Kamera läuft. Damit filmte der Marokkaner auch, nachdem die Anhalterin gegen 18 Uhr bei ihm eingestiegen war. Was? Das bleibt sein Geheimnis. Der Angeklagte hat die beiden Videos noch in der Nacht – ab 1.13 Uhr – gelöscht, ebenso 50 Fotos. Der Inhalt lässt sich nicht wiederherstellen. Der Kommissar sagt: „Sie waren da, das ist sicher. Der Speicher sagt uns: Da sind leere Zimmer. Nur was in den Zimmern drin war, kann man nicht mehr feststellen.“

Prozess auf Zielgeraden

Boujemaa L. wird zunehmend in die Mangel genommen. Nebenkläger Andreas Lösche, Bruder der Getöteten, nutzt sein Fragerecht. Bohrende Fragen auch vonseiten des Schwurgerichts. „Um welche Fotos handelte es sich? Was war auf den Filmen drauf? Wann wurden diese aufgenommen?“, fragt Richter Bernhard Heim. „Es erscheint mir ungewöhnlich, dass Sie wenige Stunden nach der Tötung einer Frau an nichts anderes denken, als Bilder zu löschen.“

Die Antwort? Ausweichend. „Ich erinnere mich nicht, dass ich in der Nacht irgendwas gelöscht habe“, sagt der Angeklagte und starrt – wie meist – vor sich auf die Tischplatte. „Secret Video“ kenne er nicht. Für gewöhnlich entferne er Fotos, wenn der Speicher voll sei oder seine Kinder diese nicht sehen sollen. „Ich habe mein Handy immer sauber gemacht, bevor ich heimgefahren bin“, sagt der vierfache Vater. Besonders gründlich war er nicht. Auf dem Handy fand sich genug pikantes Material. Darunter ein Sexvideo von Anfang Juni, amateurhaft aufgenommen und zu nah, um jemanden zu erkennen. Eine Stunde vor Sophias Zustieg filmte sich der Angeklagte selbst in „Aktion“, mit offener Hose im Fahrerhaus.

Der Fahrtweg auf der A9 am 14./15. Juni 2018: Ab dem angeblichen Tatort in Sperbes hielt der Lkw bis Augsburg (Beladung) zehn Mal, teils im 20-Minuten-Takt.

Umstände verschleiert

König Ludwig von Bayern und Kronprinz Luitpold schauen im Schwurgerichtssaal von Wandgemälden herab. Und drunter windet sich der zunehmend blasse Angeklagte. Er ist geständig, die Studentin getötet zu haben. Aber er verschleiert die Umstände. Viel Zeit bleibt nicht mehr, um den 42-Jährigen „weichzukochen“. Noch drei Verhandlungstage (Rechtsmedizin und Psychiater), dann sind die Plädoyers anberaumt.

Die Lüge scheint mit Händen greifbar. Warum hat der Angeklagte auf auf der Fahrt von Sperbes nach Augsburg entlang der A 9 zehn Mal gehalten – auf 200 Kilometern? Bisher hat er behauptet, alle Toll-Collect-Automaten waren defekt. Jetzt hat die Kripo nachermittelt: Die Terminals liefen einwandfrei. Aus den Überwachungsvideos der Rasthöfe ist nicht ersichtlich, was er da trieb. Er kaufte nichts, mal eine Flasche Wasser. Einmal ging er zur Toilette. Einmal fragte er an der Kasse – wonach, weiß die Kassiererin nicht mehr. Im Video wippt er nervös mit dem Fuß.

Quatsch ist offenbar auch, was der Angeklagte am ersten Prozesstag über einen Motorschaden erzählte. Schon ab Baden-Baden auf dem Weg nach Frankreich sei der Motor überhitzt gewesen. Wie bekannt, ging der Lkw in Spanien in Flammen auf. Die spanischen Ermittler waren noch von einem technischen Defekt ausgegangen, auch, weil der Angeklagte eifrig Handyfotos vom Aufleuchten diverser Kontrolllampen herzeigte.

Der Brandermittler des Landeskriminalamtes war schlauer. Er bezog die Telematikdaten des Trucks ein. Die auf einem Server gespeicherten Daten zeigen noch heute, wann der Lkw fuhr oder stand, wie viel im Tank war – und welche Temperatur der Motor hatte. Sein Ergebnis: völlig unauffällig. Erst 20 Minuten vor dem Feuer in Spanien wird der Motor plötzlich heiß. Der Ingenieur würde am ehesten auf Sabotage und Brandstiftung tippen. „Das einzige, was für einen technischen Defekt spricht, ist, dass ich ihn nicht ausschließen kann.“ Der Kriminaltechniker nahm mit Mitarbeitern von Volvo das Fahrerhaus auseinander. Das Motorinnere zeigt: Die Hitze kam eher von außen.

Ehefrau belogen

Belogen hat Boujemaa L. auch seine Ehefrau. Bayreuther Kommissare waren dabei, als diese in Tanger vernommen wurde. Die Ehefrau kam mit drei Töchtern (10, 13, 17) und dem Sohn (3). Sie beschrieb Boujemaa L. als „guten Ehemann, der sich um die Kinder kümmere“: „Ich weiß nicht, ob er mich betrogen hat. Ich weiß nur, dass er mich und die Kinder liebt.“ Aus den Chats hatte der Ermittler eher den Eindruck einer angespannten Ehe: „Im Prinzip streiten die. Über Eifersucht, mangelndes Vertrauen, Ehebruch.“ Während der Angeklagte eine Tote im Lkw spazieren fuhr, telefonierte er mehrmals mit seiner Frau. Sie sagt, es ging ums Zuckerfest und die Hochzeit ihrer Schwester und ob er es rechtzeitig bis 21. Juni nach Hause schaffe. Am 21. Juni saß ihr Mann in Haft und Sophias Leiche wurde gefunden.

Bohrende Fragen: Vorsitzender Richter Bernhard Heim (links) und Richter Christian Dirmeier, ein Oberpfälzer.
Wenn man nicht wüsste, dass gelöscht worden war, würde man dies nicht vermuten. Das meinte der LKA-Brandgutachter zum Wrack
Kommentar:

Technik als Lügendetektor

Die Technik hilft. Der Fernfahrer, der des Mordes an Sophia Lösche angeklagt ist, ist inzwischen vieler Lügen überführt. Sein Motor war ab Deutschland überhitzt. Stimmt nicht, sagt der Brandermittler des LKA, der sich vom Volvo-Server die Telematikdaten holte. Zehn Mal hielt der Angeklagte – mit der toten oder sterbenden Sophia an Bord – an bayerischen Raststätten, das zeigen etliche Überwachungsvideos. Angeblich, weil alle Maut-Automaten defekt waren. Stimmt auch nicht, sagt Tollcollect nach einem Blick in den Computer. „Er hat so krass gelogen.“ So hat es die beste Freundin der getöteten Studentin formuliert. Sie hatte mit dem Fernfahrer telefoniert, als dieser längst die Leiche ins Gebüsch geworfen hatte. Ihr erzählte er, Sophia sei putzmunter in Hersbruck ausgestiegen, worauf Freunde und Familie sofort die Suche dorthin verlegten. Mit schlechtem Gewissen, weil sie dem Fahrer so einen Ärger bereitet hatten. Und so mehren sich die Zweifel an der geschilderten Affekt-Tat nach einem Streit im Fahrerhaus, gleich auf dem ersten Rastplatz in Sperbes. Vieles passt nicht. Vieles – auch die Fesselung – spricht für eine zweigeteilte Tat: erst die Bewusstlosigkeit, dann die Tötung. Der Familie geht es dabei nicht um eine Generalabrechnung mit der Polizei („Hätte sie gerettet werden können?“). Es geht um die Wahrheit. Die ganze.

Christine Ascherl

Der erste Prozesstag

Amberg

Der zweite Prozesstag

Amberg

Der dritte Prozesstag

Bayreuth

Der vierte Prozesstag

Bayreuth

Der fünfte Prozesstag

Bayreuth
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