01.02.2021 - 07:57 Uhr
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Zwischen Blüte und Vernichtung: Jüdisches Leben in der Oberpfalz

Jüdische Gemeinden in der Oberpfalz haben in der Geschichte immer wieder über die Region hinaus gestrahlt. Gleichwohl wurden Juden auch hier ausgegrenzt und verfolgt. Zuletzt hat den Gemeinden ein Wunder neues Leben eingehaucht.

Jüdisch sein in der Oberpfalz - der Weg zur Normalität war lange und schmerzvoll.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Seit mehr als 15 Jahren laden die niedrigen Säulen und Quader des begehbaren Reliefs „Misrach“ auf dem Neupfarrplatz in Regensburg Kinder zum Spielen und Erwachsene zum Rasten ein. Die Steine erinnern an die wechselvolle Geschichte, die Juden in der Oberpfalz in den vergangenen 1000 Jahren erleiden mussten. So wie gut 95 Kilometer nördlich der jüdische Friedhof in Floß. Wer von der Marktgemeinde im Kreis Neustadt/WN Richtung Flossenbürg fährt, kommt am Ortsausgang an der, von einer Granitmauer eingefassten, Anlage mit jüdischen Gräbern vorbei. Doch anders, als Ortsunkundige vielleicht denken mögen, hat diese nichts mit dem früheren Konzentrationslager in Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) zu tun, sondern mit der jahrhundertealten Geschichte der Juden in der Marktgemeinde Floß.

Juden gehören hierzulande dazu. Sie sind keine Fremden, aber sie werden über die Jahrhunderte hinweg immer wieder als die Anderen wahrgenommen und dargestellt. Zeiten mit relativer Blüte des jüdischen Lebens in der Oberpfalz wechseln sich ab mit Zeiten, in den Juden ausgrenzt, diskriminiert und verfolgt werden, – bis hin zur Massenvernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert, dem Holocaust.

In der Oberpfalz ist jüdisches Leben urkundlich erstmals 981 in Regensburg erwähnt, die älteste jüdische Ansiedlung in Bayern. 660 Jahre früher, im Jahr 321, gibt es die erste urkundliche Erwähnung in Deutschland. Damals erlaubte Kaiser Konstantin den Juden in Köln, Ämter in der Stadtverwaltung zu übernehmen. Deshalb feiert die Bundesrepublik dieses Jahr „1700 Jahre jüdische Leben Deutschland“ – und der Freistaat Bayern feiert mit. Allerdings nehmen Historiker an, dass Juden bereits in der Antike mit den Römern gekommen sind. „Die ersten von ihnen kamen schließlich wohl schon in der Römerzeit in die Regionen unseres heutigen Freistaats, lange bevor es ein staatliches Gebilde namens Bayern gab und noch bevor hier christliche Gemeinden existierten“, sagt Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur in München, in seinem Vortrag zum feierlichen bayerischen Auftakt des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ am 12. Januar.

Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit

Im mittelalterlichen Regensburg entwickelt sich über die Jahrhunderte eine jüdische Gemeinde, die ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Drehscheibe zwischen den jüdischen Zentren Paris, Speyer, Worms und Mainz sowie Prag, Polen und Kiew, schreibt der römisch-katholische Theologe und Judaist Andreas Angerstorfer aus Regensburg. Allerdings bleibt die Entwicklung nicht ohne Rückschläge. Im ersten Kreuzzug 1096 werden die Juden zwangsgetauft. Erst Kaiser Heinrich IV. erlaubt ihnen schließlich die „Rückkehr zur Religion ihrer Väter“. Im zweiten und dritten Kreuzzug bleiben die Juden in Regensburg unbehelligt.

Auch die ersten Verfolgungen gehen an den Juden in Regensburg noch vorbei – 1338 Deggendorf und 1348/49 Pestpogrome. Im Ghetto an der Donau finden sogar verfolgte Juden Zuflucht. Im 15. Jahrhundert nimmt auch in der Reichsstadt Regensburg der Judenhass zu. Ihnen wird Hostienfrevel und Ritualmord vorgeworfen. Die üblichen Vorwürfe aus dem Werkzeugkasten der Antisemiten. 1519 werden schließlich die letzten 500 Regensburger Juden vertrieben. Die Synagoge wird abgerissen und die Neupfarrkirche gebaut. Seit dem Jahr 2005 erinnert das Relief „Misrach“ an die Synagoge und an das Ghetto, das sich am Ort des heutigen Neupfarrplatzes befunden hatte.

Die wertvollen Pergamente der Talmudschule, die 1559 konfisziert wurden, dienten als Buch- oder Akteneinbände. Diese lagern bis heute in den Archiven der Oberpfalz, schreibt Angerstorfer im Jahr 2009. Vom Judenbild im Mittelalter kündet bis heute eine abscheuliche Darstellung an der Fassade des Regensburger Doms. Die aus dem 14. Jahrhundert stammende, sogenannte „Judensau“ zeigt ein Schwein aus Stein, an dessen Zitzen Figuren mit Judenhüten säugen.

Wir reden heute darüber, ob die Juden zu Bayern und zu Deutschland gehören, weil ihnen, als zumeist einzige Nichtchristen, diese Zugehörigkeit immer wieder streitig gemacht. So waren sie dann auch an keinem Ort in Bayern über ein Jahrtausend lang ununterbrochen ansässig, sondern wurden von hier vertrieben und siedelten sich dort wieder an.

Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur in München

Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur in München

Immer wieder vertrieben und neu angesiedelt

„Wir reden heute darüber, ob die Juden zu Bayern und zu Deutschland gehören, weil ihnen, als zumeist einzige Nichtchristen, diese Zugehörigkeit immer wieder streitig gemacht wurde“, sagt Brenner. Die Juden waren „an keinem Ort in Bayern über ein Jahrtausend lang ununterbrochen ansässig, sondern wurden von hier vertrieben und siedelten sich dort wieder an“.

Im Jahr 1551 werden die Juden aus dem damaligen Bayern vertrieben, im Jahr 1554 aus der Oberpfalz – allerdings nicht aus der ganzen Region. Dörfer und Kleinstädte, in denen Juden lebten, gab es jenseits des Herzogstums, in kleineren Herrschaften, etwa in Weiden und in Neustadt/WN. So kommt es auch, dass sich im Laufe der Jahrhunderte nach Regensburg ein anderer Oberpfälzer Ort zum jüdischen Zentrum entwickeln kann: Sulzbach. Der Liebe des Pfalzgrafen Christian August (1622–1708) zur Kabbala und zur Mystik ist es zu verdanken, dass sich ab dem Jahr 1666 Juden in Sulzbach ansiedeln dürfen. Wenig später erlaubt er das Drucken hebräischer Bücher. So wird Sulzbach laut Ittai J. Tamari zum damals fünftgrößten Druckort in der Geschichte des jüdischen Buches in Europa. Blütezeit der jüdischen Gemeinde Sulzbach war zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts. Um das Jahr 1801 stellten Juden rund zehn Prozent der Einwohner. In der Weimarer Republik verließen die meisten Juden aus wirtschaftlichen Gründen Sulzbach-Rosenberg.

München neues Zentrum des Antisemitismus

Zwei Jahrzehnte nach der ersten Ansiedlung von Juden in Sulzbach beginnt die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Floß. Der Markt gehört damals ebenfalls zum Herzogtum Sulzbach. Um 1845 erreicht die Flosser Gemeinde mit 450 Mitgliedern ihren Höchststand. Was einem Bevölkerungsanteil von 20 Prozent entspricht. Knapp 100 Jahre später, am 2. April 1942, werden die beiden letzten jüdischen Ehepaare verschleppt. Heute kündet nur mehr die Synagoge auf dem „Judenberg“ und der jüdische Friedhof mit rund 400 Gräbern von der Geschichte der jüdischen Gemeinde Floß.

In der Weimarer Zeit wird München zum neuen Zentrum des Antisemitismus. Juden, insbesondere diejenigen osteuropäischer Herkunft, müssen im Freistaat als Sündenböcke für die damalige wirtschaftliche und politische Misere herhalten. „Bayern war zum Testgelände der Nationalsozialisten geworden und ein Jahrzehnt nach dem ersten missglückten Putschversuch sollten diese im Reich all das verwirklichen, was sie hier schon lange vorher geübt hatten“, sagt Brenner. In den Jahren 1933 bis 1945 werden die Juden in der Oberpfalz, die nicht fliehen können, von den Nationalsozialisten und ihren Helfern bedrängt, beraubt, verschleppt und ermordet. Damit sind auch die relativ jungen Gemeinden Weiden (1889), Amberg (1872) und Regensburg (1730) vernichtet.

Zuwanderung aus ehemaliger Sowjetunion

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt das jüdische Leben in der Oberpfalz einen ungeahnten Aufschwung. In der Oberpfalz leben 1946 mehr als 5000 Juden, überwiegend osteuropäischer Herkunft. Sie sind auf der Durchreise, in die USA oder nach Israel. Letztlich bleiben nur drei Gemeinden: In Amberg, wo schon am 19. August 1945 die Synagoge als erste in Bayern wieder genutzt wird; in Weiden, wo am 1948 der geschändete Betsaal wieder eingeweiht und 1953 eine neue jüdische Gemeinde gegründet wird, und in Regensburg, wo 1950 die jüdische Gemeinde neu gegründet wird. Doch bereits 1989 ist absehbar, dass den Gemeinden wegen Überalterung das Ende droht. Die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990 haucht den jüdischen Gemeinden in der Oberpfalz neues Leben ein. Ein politisches Wunder. Heute gehören den drei jüdischen Gemeinden mehr als 1340 Mitglieder an.

Auch nach 1945 verschwand der Antisemitismus nie ganz. Heute ist er im Zuge des Einzugs der AfD in den Bundestag und der Corona-Pandemie virulenter denn je in der Geschichte der Bundesrepublik. Dem gilt es entgegenzusetzen, was Professor Brenner am 12. Januar betont: „Ja, die Juden waren und sind ein Teil von Bayern und vielleicht sogar eines ihrer ältesten Teile, und dennoch waren und sind sie eben noch etwas anderes. Sie sind Bayern und Juden, genauso wie man Bayer und Franke sein kann, oder Bayer und Protestant, oder auch Bayer und Muslim – eines muss nicht auf Kosten des anderen gehen.“ Oder, mit dem früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber: „Juden sind der fünfte Stamm Bayerns.“

Oberpfälzer Thora-Rolle kommt in Berlin zu höchsten Ehren

Sulzbach-Rosenberg

Auszeichnung für Oberpfälzer Historiker

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Zeitleiste: Jüdische Gemeinden in der Oberpfalz

981 belegt eine Urkunde erstmals eine jüdische Ansiedlung in Regensburg, die älteste in Bayern.

1519 Vertreibung der Regensburger Juden und Abriss der Synagoge. An ihrer Stelle wird später die Neupfarrkirche errichtet.

1551 Vertreibung der Juden aus Bayern, 1554 aus der Oberpfalz, außer in Weiden und in Neustadt/WN.

1666 Niederlassungsrecht für Juden aus Wien in Sulzbach. Der Ort wird zum berühmten Druckort hebräischer Bücher.

1684 entsteht die jüdische Gemeinde in Floß (Kreis Neustadt/WN).

1730 Neuansiedlung von Juden in Regensburg.

1872 Erstmals seit 1391 lassen sich wieder Juden in Amberg nieder.

1889 Gründung eines Synagogenvereins und Einweihung der Synagoge in Weiden.

1933 bis 1945 die Juden werden bedrängt, beraubt, verschleppt und schließlich ermordet. Für rund 9000 jüdische Bayern gibt es keine Rettung.

19. August 1945 wird die Synagoge in Amberg als erste in Bayern wieder in Betrieb genommen. Zuvor hat am 2. August die erste Versammlung der jüdischen Gemeinde stattgefunden.

1948 wird der geschändete Betsaal der Synagoge in Weiden wieder eingeweiht. 1953 wird eine neue jüdische Gemeinde, die "Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Weiden" gegründet.

1950 wird am 1. August die jüdische Gemeinde Regensburg neu gegründet. Zuvor ist die "Jewish Community" aufgelöst worden, sich bis dahin um die durch Terror und Krieg entwurzelten Juden gekümmert hatte.

1990 Beginn der jüdischen Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die den drei jüdischen Gemeinden in der Oberpfalz neues Leben einhaucht.

 

 

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