19.11.2020 - 15:26 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

"Arbeiterkind" Uli Grötsch will SPD in Bayern führen

Fünf Tage nach der Rückzugsankündigung von SPD-Landeschefin Kohnen bringt der Oberpfälzer Uli Grötsch das Personalkarussell in Schwung. Er will bei seiner Kandidatur als "klassisches Arbeiterkind" punkten.

Uli Grötsch bei einer Bundestagsdebatte.
von Jürgen UmlauftProfil

Von Jürgen Umlauft

München. Uli Grötsch redet nicht lange um den heißen Brei. "Ich werde mich um den Landesvorsitz der Bayern-SPD bewerben", spricht er in Kamera und Mikrofon seines Laptops. Die für ihn und die SPD wichtige Botschaft verbreitet Grötsch wegen Corona nicht leibhaftig vor den landespolitischen Korrespondenten in München, sondern per Video-Pressekonferenz aus seinem Berliner Abgeordnetenbüro. Seit drei Jahren sei er Generalsekretär der Partei und habe sie auf vielen Terminen im ganzen Land kennengelernt. "Ich brenne für die Sozialdemokratie mit jeder Faser meines Körpers", bekennt der 45-jährige Ex-Polizist.

Bei seinen Fahrten quer durch Bayern hat sich in Grötsch eine Wahrnehmung verfestigt, die für seine Kandidatur womöglich noch viel wichtiger ist als seine Liebe zur SPD: "Es passt zwischen mir und den Mitgliedern." Grötsch möchte aus dem bayerischen Landesverband wieder eine den Menschen nahe Arbeiterpartei machen. "Ich bin ein klassisches Arbeiterkind und habe nach dem frühen Tod meines Vaters erlebt, was Armut bedeutet", erzählt Grötsch. Auf dieser Erfahrung, den 20 Jahren als Polizeibeamter, der Herkunft vom Land und dem Wirken als Bundestagsabgeordneter will er seine Kandidatur aufbauen.

Authentisch wolle er als Parteivorsitzender sein, kündigt Grötsch an. In seiner politischen Laufbahn habe er gelernt, dass man nur dann glaubwürdig sein könne, wenn man sich nicht verstelle. "Ich werde nie versuchen, jemand zu sein, der ich nicht bin", verspricht er. Von ihm werde es deshalb auch immer "klare, deutliche und unverwechselbare Aussagen" geben, kein Geschwurbel. Das werde bei den Bürgern für die Wahrnehmung sorgen, die der bayerischen SPD zuletzt abhanden gekommen sei. In der Partei stecke auch ein riesiges Potenzial, das man nur heben müsse. Zwei Sätze, die man auch als Kritik an der scheidenden und zuletzt fast völlig abgetauchten Landeschefin Natascha Kohnen interpretieren könnte.

Genau an dieser Stelle haken die zugeschalteten Journalisten nach. Denn Grötsch wurde 2017 Generalsekretär von Kohnens Gnaden und drängte sich seither auch nicht übermäßig ins Rampenlicht. Die weiß-blauen SPD-Wahlschlappen in der Ära Kohnen sind größtenteils auch seine. "Harte Momente" seien das gewesen, räumt Grötsch ein. Zweifel an seiner Eignung als Frontmann wischt er aber beiseite. "Ich weiß, dass ich die Kraft habe, die Bayern-SPD durch dieses Tal zu führen", sagt er. Ihn leite eine klare Vorstellung, wohin er mit der Partei wolle. Um am Puls der Zeit zu bleiben, sind seine beiden Töchter so etwas wie inoffizielle Beraterinnen. Grötsch jedenfalls zitiert sie wie Kronzeuginnen, wenn er von den Zukunftsthemen Ökologie und Klimawandel oder Defiziten in der Bildungspolitik spricht.

Ein detailliertes Programm für seine Bewerbung hat Grötsch noch nicht, auch sein Team steht noch nicht zur Gänze. Als Themen nennt er aber den Einsatz für bessere Lebensverhältnisse in Stadt und Land gerade für Menschen, die wegen hoher Mieten, schlechtem Nahverkehr oder aus Sorge um den Job zu kämpfen hätten. Explizit verweist er auf Industriearbeiter und Pflegekräfte. Zudem will er sich weiter gegen Hass und Hetze, gegen die Verrohung von Sprache und Miteinander engagieren - ungeachtet der Morddrohungen, die er deshalb schon erhalten hat.

Grötsch also hat seinen Hut in den Ring geworfen. Ob weitere folgen, ist noch unklar. Theoretisch könnte sich auch ein Duo melden, so wie es gerade bei der Bundes-SPD mit überschaubarem Erfolg tätig ist. Grötsch wird in jedem Fall nur als Einzelperson für den Vorsitz antreten, er steht für eine "klare Führungsstruktur". "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Partei auf den Trichter kommt, es jetzt nur noch nit einer Doppelspitze zu machen", sagt er. Auch eine Mitgliederbefragung mit vorgeschalteten Regionalkonferenzen wie einst bei Kohnen hält Grötsch wegen Corona für eher schwierig. Aber für Überraschungen ist Bayerns SPD-Basis traditionell immer gut. Grötsch wird das wissen.

Grötsch hielt sich am Wochenende noch bedeckt

Weiden in der Oberpfalz
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