11.12.2018 - 13:15 Uhr
AuerbachDeutschland & Welt

Fünf Minuten mit sechs Wölfen im Veldensteiner Forst

Egal ob Wolfsgegner oder -freund: Dieser Film lässt keinen kalt. Auch Filmer Wolfram Murr ist hin und hergerissen von seiner Begegnung mit sechs Wölfen.

Ein Screenshot aus dem Video von Wolfram Murr
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Der 17. November hat Wolfram Murr verändert. Gegen 22.30 Uhr ging der Fotograf nahe seinem Heimatort Auerbach seinem Hobby nach: der Jagd. Statt Schwarzwild zu schießen nimmt Murr Fotos und einen Film auf, die eine Gewissheit über den Haufen werfen. Bisher waren Experten davon ausgegangen, dass im Veldensteiner Forst ein Wolfspaar mit zwei Welpen leben.

Nach Murrs Film steht fest, dass das Paar vier junge Wölfe großzieht. Dies bestätigt das Landesamt für Umwelt (LfU). Zwar stellen die Bilder nach den strengen LfU-Kriterien keinen eindeutigen Beweis dar, "aber es sind schon sehr ernstzunehmende Hinweise", sagt LfU-Sprecher Claus Hensold. Weil die Tiere in dem Waldgebiet bisher als sehr unauffällig gelten, habe die neue Erkenntnis für das LfU allerdings keine Konsequenzen.

Nachts mit Wölfen im Veldensteiner Forst

Anders sieht das bei Wolfram Murr aus. Auch drei Wochen nach der Sichtung beschäftigt der Abend den 50-Jährigen. Als Jäger stehe er der Rückkehr des Wolfs nicht nur mit Begeisterung gegenüber. "Es ist klar, dass sich mit dem Wolf vieles verändern wird", sagt Murr. Mindestens fünf Stück gerissenes Rotwild habe es alleine in dem Revier gegeben, das er mit zwei Kollegen bewirtschaftet. Für die Verluste gebe es keinen Ersatz. Schon jetzt mache das Schwarzwild die Jagdpacht unattraktiv, der Wolf komme nun noch dazu. Und natürlich seien auch Sorgen der Viehhalter nicht unbegründet.

Anderseits gibt Murr zu, dass die Beobachtung in der Pegnitzau ihn verändert habe. "Ich bin Naturfreund, so eine Begegnung kann mich nicht kalt lassen."

Rund fünf Minuten sah Murr den sechs Tieren bei mondheller Nacht durch sein Nachtsichtgerät zu. Keine 60 Meter entfernt, streunten die Tiere über die freie Fläche nahe der Pegnitz, dann kehrten sie in das Waldgebiet zurück. Etwa 80 Sekunden dauert der Film, den der Profifotograf mit dem Handy durchs Nachtsichtgerät gedreht hat. Die Tiere sind gut zu erkennen, auch die Experten vom LfU liefern keine andere Erklärung. "Ich war komplett fasziniert", hat Murr die Situation in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" auf den Punkt gebracht.

Seither macht sich Wolfram Murr Gedanken. Er zweifelt stärker, ob sich das Thema alleine durch Abschuss regeln lässt. Die Tiere hätten einfach großen Eindruck gemacht, als Naturliebhaber könne er sich dem nicht erwehren. Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass Konflikte unausweichlich werden, wenn die Population wächst. "So wildreiche und dünnbesiedelte Gebiete wie den Veldensteiner Forst gibt es nur selten", sagt Murr. Eventuell verlassen die Jungtiere schon im Frühjahr das Rudel, spätestens im Frühjahr 2020. Dann suchen sich die Tiere ihr eigenes Revier. Wenn Wölfe dann auch dichter besiedelte Gebiete beanspruchen, liegen die Probleme auf der Hand.

Schon heute fordern viele, das Jagdrecht solle den Wolf berücksichtigen. Dann könnten Abschusspläne festgelegt, der Bestand reguliert werden. Andererseits fürchtet Murr, dass Jäger dann zwischen die Fronten von Wolfsbefürwortern und -gegnern geraten könnten. Wolfram Murr ist immer noch fasziniert von seinen fünf Minuten mit den sechs Wölfen. Einfacher hat diese Begegnung sein Verhältnis zum Wolf aber nicht gemacht.

Acht Wolfsrisse in Bayern 2018:

Fünf Schafe, drei Kälber, so lautet die Wolf-Schadensbilanz im Jahr 2018 in Bayern. LfU-Sprecher Claus Hensold bestätigt einen entsprechenden Bericht der dpa auf Nachfrage. Die Kälber und drei der Schafe gehen aufs Konto eines Wolfs im Landkreis Oberallgäu. Die verbliebenen beiden Schafe töteten Wölfe im Landkreis Regensburg und im Speinsharter Ortsteil Barbaraberg (Landkreis Neustadt/WN). Bei diesen Fällen ist ein Wolfsriss eindeutig nachgewiesen. Hinzu kommen einige Fälle, bei denen ein Nachweis über die Wolfs-DNA nicht eindeutig möglich war. Im Vorjahr gingen vier tote Lämmer auf das Konto von Wölfen. 2780 Euro seien 2018 als Entschädigung an die Tierhalter gezahlt worden.

Wie viele Rudel leben im Freistaat?:

Schon 2017 zog ein Wolfspaar im hinteren Bayerischen Wald Nachwuchs groß. Nach Belegen durch Fotofallen 2017 war es in diesem Jahr ruhig um dieses erste bayerische Rudel seit über 100 Jahren. „Von den drei Jungtieren ist eines auf einem Truppenübungsplatz in Thüringen nachgewiesen, ein anderes starb bei einem Verkehrsunfall in Norddeutschland“, erklärt Claus Hensold. Im Jahr 2018 gebe es dagegen keine eindeutigen Belege, sagt LfU-Sprecher Hensold. Gerüchte, wonach das Weibchen das Rudel verlassen hat und nun nur mehr der Wolfsrüde mit einer Tochter durch das Waldgebiet in Niederbayern streift, wollte Hensold nicht kommentieren.

Zum ersten Mal seit 100 Jahren: Wolfnachwuchs in Nordbayern

Wölfe auf dem Übungsplatz Grafenwöhr

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