11.11.2020 - 17:01 Uhr
BayernDeutschland & Welt

Oberpfälzer Bauernprotest: Milchpreis nicht kostendeckend

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Tausendmal protestiert, tausendmal ist nichts passiert: Während Deutschland nur noch über Corona redet, machen Landwirte auf ihre prekäre Situation aufmerksam. Zumindest ein kostendeckender Preis sollte den Verbrauchern Fleisch und Milch wert sein.

Ein dickes Preisbrett zum Bohren übergaben die Milchbauern dem Bechtel-Bereichsleiter Georg Müller. (rechts).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Mit einem bundesweiten Aktionstag protestierten am Mittwoch Bauern von sieben landwirtschaftlichen Vereinigungen gegen das aus ihrer Sicht anhaltende Preisdumping. Auch in Schwarzenfeld war die Übergabe eines dicken Brettes an den Bereichsleiter der Privatmolkerei Bechtel für 11 Uhr 11 geplant. Der faschingsnahe Termin unter dem Motto Schluss mit „lustig“ ist ein Seitenhieb auf das bislang aussichtslose Ringen um gerechte Preise – und wurde von Georg Müller, zuständig für den Milcheinkauf, kurzfristig um eine Stunde vorverlegt.

„Wir fordern 15 Cent mehr“, erklärt Hubert Meiler, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter aus Störnstein, „aber für die Molkerei ist schon ein kostendeckender Preis ein dickes Brett, das erst einmal gebohrt werden muss.“ Der Bechtel-Vertreter zeigt Verständnis für die Aktion, will sich aber zur konkreten Forderung nicht äußern. „Wir werden das prüfen“, versprach Müller. „Über die Höhe kann man verschiedener Meinung sein, aber wir stellen uns dem Dialog.“ Die vom Aktionsbündnis eingeräumte Bedenkzeit bis zum 19. November wolle man ausreizen.

Müller: Besser ohne Politik

Der Vertreter der Großmolkerei mit 600 Mitarbeitern appelliert an die Landwirte, „bilateral“ zu verhandeln: „Wenn wir nach oben gehen, wird’s politisch“, warnt er vor Komplikationen. „Wir stehen vor großen Herausforderungen wie Klimaneutralität und Tierwohl.“ Man müsse abwarten, ob die Gesellschaft trotz Corona bereit sei, tiefer in Tasche zu greifen.

BDM-Sprecher Johannes Hösl aus Oberviechtach begrüßte das offene Ohr Müllers, betonte aber: „Die Preise stagnieren, es ist ein Punkt erreicht, wo alle unsere Anstrengungen ausgereizt sind.“ In keiner anderen Branche seien die Erzeugerpreise seit 40 Jahren nicht gestiegen: „Aber die Kosten haben sich verfünffacht.“ Die Erträge gingen auch durch Klimawandel und Bodenknappheit zurück, immer neue Auflagen führten zu Mehrausgaben. „Wir können nicht immer nur über Masse kompensieren, was weggebrochen ist.“

Schluss mit lustig

BDM-Kollege Matthias Irlbacher aus Unteraich ergänzt: „Wir waren bestimmt schon zehnmal hier, ohne unser Ziel zu erreichen.“ Man brauche jetzt die Unterstützung der Politik: „Wenn Sie jetzt schon sagen, in der Höhe geht’s nicht, ist Schluss mit lustig – wir kommen wieder.“ Zumal gerade die gut aufgestellten Molkereien wie Bechtel gute Gewinne erwirtschaftet hätten.

„Wenn man sich das Etikett nachhaltig auf die Fahnen schreibt“, kritisiert Meiler, „aber die Erzeuger nicht fair entlohnt, ist das unredlich.“ Die Folge: Die Landwirtschaft werde allen Sonntagsreden zum Trotz noch intensiver, noch umweltschädlicher: „Wir verlieren weiter an Bio-Diversität.“ Man setze die Tierwohlauflagen gerne um, assistiert Werner Reinl, BDM-Kreischef aus Neustadt/WN „aber wir müssen auch von unserer Arbeit leben können“.

Corona-Folgen

Landwirtschaft unter Corona-Bedingungen

Schwandorf

Die Corona-Pandemie habe die Situation zusätzlich erschwert: „Märkte brechen weg, Grenzen wurden dicht gemacht, die Gastronomie nimmt kaum mehr Fleisch ab, weshalb die Preise eingebrochen sind“, zählt Reinl die Folgen auf. Immer Verbraucher hätten zwar ein regionales Bewusstsein entwickelt, deren Einfluss beschränke sich aber auf lediglich 37 Prozent der im Handel befindlichen Trinkmilch. „Der Großteil landet als Ramschprodukt in der industriellen Verarbeitung, im Eis, in Schokolade oder Backmischungen.“ Eine Untersuchung des Europäischen Milchboards habe bestätigt, dass ein Erzeugerpreis von 45 Cent pro Liter lediglich kostendeckend sei. „Alle anderen Kosten der Molkerei sind eingepreist“, ärgert sich Reinl, „nur nicht die Milch.“

Auch in Amberg protestieren die Milchbauern

Amberg

Mehr über den Protest der Milchbauern in Kemnath finden Sie hier

Kemnath
Proteste der Landwirte in der Oberpfalz:

Forderungen von ABL, BDM, EMB, LSV und Freie Bauern

  • Dem Leiter des Milchhofs in Amberg wurden zwei Tafeln mit den BDM-Thesen überreicht.
  • Milchviehhalter aus dem Kemnather Land, Steinwald, Fichtelnaabtal und der Kösseine sowie rund um den Rauhen Kulm protestierten mit Traktoren am Bayernland Milchhof in Kemnath.
  • In Cham adressierten BDM-Vertreter ihre Protestnoten an die Goldsteig Käsereien Bayerwald.
  • Fleischerzeugende Landwirte übergaben ihre Forderungen an die weiterverarbeitende Großmetzgerei Wolf in Schwandorf.

 

 

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