12.08.2018 - 22:50 Uhr
KemnathDeutschland & Welt

Da ist der Markus dahoam

Kommt er nun oder kommt er nicht? Der Ministerpräsident kommt trotz Terminschwierigkeiten spät, aber gewaltig zum Wiesenfest nach Kemnath. "I bin da Markus", beendet Söder seine süffige Rede im brechend vollen Festzelt, "da bin i dahoam und da möchte ich auch bleiben."

Ministerpräsident Markus Söder mit Kemnather Fan-Gemeinde.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Terminturbulenzen scheinen nicht geschadet zu haben, wie auch Bürgermeister Werner Nickl süffisant feststellt: "Ich bin erschlagen", sagt der Gastgeber des 69. Wiesenfestes bei Sauna-Temperaturen, "das letzte Mal, dass es so voll war, war bei den Troglauer Buam und da hatten wir nicht diese Stimmung." Wenn diese Stimmung im kochenden Zelt Gradmesser für die Landtagswahl ist, Söder müsste sich keine Sorgen machen. Die Kemnather wollen diesen "Ministerpräsidenten mit Herz und Hirn" - Landtagsabgeordneter Tobias Reiß, der Söder "zehnmal am Tag angerufen habe", ob er auch wirklich komme - am liebsten behalten.

Der Feind der absoluten CSU-Mehrheit steht einstweilen mit einer kleinen Mahnwache des Anti-Islamismus eine Straßenkreuzung vor dem Volksfest fast verschämt mit dem immer selben Thema: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Als ob man das Markus Söder sagen müsste. Eine indirekte Antwort auf die blaue Gegendemo gibt Reiß: "Die AfD hat draußen Flyer verteilt - Markus Söder hat schon mehr Förderbescheide verteilt als andere Zettel."

Miese Umfragewerte?

Markus Söder spricht sich warm.

Miese Umfrage- und Beliebtheitswerte? Den Ministerpräsidenten ist das nicht anzumerken: Mit Elan teilt der fränkische Thronfolger die Menge, schreitet froh gelaunt durch die hohle Gasse, vorbei an Mandeln, Herzerln und Geisterbahn. Small-Talk mit der kleineren Lokalprominenz, die sich sputen muss, um den großen Schritten des politischen Vorarbeiters zu folgen; Fotografen, die drängeln, wie die Pressemeute bei schlechten Krimis, als gäbe es das Motiv nur einmal: Söder mit dem JU-Söder-Team, Söder mit den Böllerschützen, Söder mit den Musikern.

Die Lobeshymnen über die eigenen Wohltaten muss Söder eigentlich nicht mehr wiederholen. Das nehmen ihm schon der Bürgermeister und der Landtagsabgeordnete ab: Behördenverlagerung auch nach Kemnath, Breitband, Stabihilfen - in Sachen ländlicher Raum lässt sich der ehemalige Heimatminister nichts vormachen. Die Rede des Alleinunterhalters ist nicht neu, aber immer wieder witzig aufbereitet - und typisch für den Vollblutrhetoriker mit spontanen Einfällen durchsetzt: "Danke für die freundlichen Worte", beginnt sie, und schon folgt die Pointe: "Sie waren angemessen." Die Zuschauer quittieren den Humor, der mit dem Ego-Söder-Klischee spielt, dankbar lachend.

Die Methode "Lob"

Der gelobte Tobi Reiß badet im warmen Applaus.

Eine Methode, die bei allen Auftritten verfängt: das Lob für die örtlichen CSU-Vertreter – ein Tobi hier, ein Tobi da, ein Tobi überall: „Der Tobi hat Ideen, immer ist es der Reiß, der sich für seinen Wahlkreis einsetzt, der sagt, das wär was für uns – ein großer Teil, was der Bürgermeister beschrieben hat, geht auf seine Kappe.“ Ob Altvordere wie Werner Nickl oder Toni Dutz, der seinen Geburtstag am Schiff feiert, ob Nachwuchs wie Stephan Oetzinger oder Christian Doleschal, ob Landtagskandidatin Tanja Renner oder Bezirkstagskandidat Matthias Grundler, alle bekommen den Ritterschlag.

Natürlich auch Landratskandidat Roland Grillmeier, der durch die beste Schule gegangen sei, „dem Landesvorstand der JU unter meiner Führung“: „Roland, du hast einiges in der Zukunft vor, du bist einer, dem ich höchste Ämter zutraue.“

„Bayern first“?

Bürgermeister Werner Nickl begrüßt den Ministerpräsidenten.

Dass Söder lieber durch die kernige Nordoberpfälzer Provinz tingelt als durchs blutleere München, wo es „kaum noch Bayern gibt“, kommt natürlich an. Hier verfängt wohl auch der Appell, nicht alles so schwarz zu sehen, wie man es in der Zeitung lesen könne: „Wir sollten dankbarer und stolzer sein.“ Vor allem natürlich auf „das Leistungsherz Deutschlands im Süden“.

Augenzwinkernd nimmt er den „Bayern first“-Spruch auf die Schippe: „Ob wir jetzt schlauer sind, schöner sind, da gibt’s gewisse Anhaltspunkte – nicht gerade in der ersten Reihe.“ Aber das sei nicht der Punkt: „Bayern gebe 6 bis 8 Milliarden Euro im Jahr an andere Bundesländer ab. „Seit mal froh, dass es die Bayern gibt, sonst wärt ihr nämlich pleite.“

Da lasse er sich dann gerne Aktionismus vorwerfen: „Stimmt, ich tu‘ was – normal ist es umgekehrt.“ Man sollte, man könnte, man müsste, hieße es anderswo. „Fast niemand fasst sich an die Brust, und fragt, was kann ich tun?“, zitiert Söder John F. Kennedy und Waldi Hartmann in einem Zug: „Ich red‘ nicht nur, ich mach‘ was.“

Bayerisches Wir-Gefühl

Der Chef der Staatskanzlei mit jungen Fans.

Ob seine Taten bis zum Oktober die Mehrheit in Bayern überzeugen? Söder versucht’s mit viel sozialer Wärme: Die ältere Dame aus der Bürgersprechstunde, die zu wenig Rente bekommt; die 70 Prozent der Angehörigen, die zu Hause pflegen und jetzt ein einmaliges Pflegegeld von 1000 Euro bekommen sollen; die Familien, die pro Kind mit 6000 Euro selbst entscheiden sollen, welche Erziehung die beste ist; die Landwirte, die er mit der Dürre nicht allein lassen möchte; die Häuslebauer, die bis zu 40.000 Euro-Startkapital bekommen sollen.

Der starke Staat spielt dann auch noch eine starke Rolle: Man helfe gerne und viel mit 2 Milliarden Euro im Jahr beim Thema Asyl. Aber es müsse Grenzen geben: flexibel bewachte zu den Nachbarländern, Grenzen der Zuwanderung und Grenzen der Toleranz, was die eigene Kultur betreffe. Söders Anti-AfD-Rezept: Ängste mit großen Gesten abbauen und therapeutisches gemeinsames Klatschen für das bayerische Wir-Gefühl.

Das Hin und Her um Söders Auftritt

Kemnath
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Kommentare

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A. Schmigoner

Bei aller Begeisterung Jürgen Herdas über Tobi und Markus, sollte die journalistische Arbeit nicht zu kurz kommen. Ist es tatsächlich das persönliche Verdienst oder die ureigenste Aufgabe eines Ministers, Förderbescheide zu übergeben, oder war es Teil von Söders Eigenvermarktung? Darüber konnte und kann man durchaus streiten. Vor allem, wenn man trotz der vielen Förderbescheide weiterhin Europas Schlusslicht in Sachen Breitband ist. Und die Mobilfunklöcher? Was ist mit Altersarmut? War nicht die Union gegen die Anhebung der Rentenquote auf 48 %? Schließlich bleibt festzustellen, dass seinerzeit MP Stoiber Verhandlungsführer der Geberländer beim Länderfinanzausgleich war. Hat Stoiber damals schlecht verhandelt für Bayern?

18.08.2018

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