04.10.2021 - 15:59 Uhr
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Lehrerverband kritisiert Piazolos Schul-Management

Der Lehrerverband BLLV schlägt Alarm: An Bayerns Schulen herrsche eklatanter Lehrermangel, die wuchernde Bürokratie lasse immer weniger Zeit für pädagogisches Lehren. Im Kultusministerium spricht man dagegen von einem stabilen Schulstart.

Eine junge Lehrerin schreibt im Mathematikunterricht an eine Schultafel .
von Jürgen UmlauftProfil

Entgegen den Verlautbarungen der Staatsregierung sieht der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) die aktuelle Lage an den Schulen im Freistaat als "dramatisch" an. "Das Kartenhaus steht, aber es bröckelt schon", fasste BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann ihre Einschätzung zusammen. Es herrsche vor allem an Grund-, Mittel- und Förderschulen ein "eklatanter Lehrermangel". Rechnerisch möge richtig sein, dass es gegenwärtig so viele Lehrkräfte wie noch nie an den staatlichen Schulen Bayerns gebe, die Realität vor Ort sehe aber anders aus. Die Staatsregierung ziehe in ihre Berechnungen unter anderen Schwangere ein, die wegen Corona nicht an die Schulen dürften, sowie Aushilfskräfte ohne Lehramtsausbildung.

Fleischmann sprach deshalb von "Schönfärberei". Qualitativ sei die Schulbildung in Bayern derzeit "nicht bestens aufgestellt". Um die psychischen und pädagogischen Folgen der Corona-Lockdowns für die Schülerinnen und Schüler aufzuarbeiten, bräuchte es mehr professionell ausgebildete Lehrkräfte an den Schulen. Sie respektiere die Leistung und das Engagement der zum Schließen der Lücken eingesetzten Ergotherapeuten, Opernsänger oder Ethnologen, für einen qualitativ hochwertigen Unterricht mit der nötigen individuellen Förderung brauche es aber Profis.

Bis zu 40 Prozent fachfremde Lehrkräfte

Als Beispiel verwies Fleischmann auf eine Mittelschule in Oberfranken, an der das Kollegium derzeit nur zu 40 Prozent aus fachgerecht ausgebildeten Lehrern bestehe. Weitere 40 Prozent seien Zweitqualifizierte aus anderen Schularten, der Rest Aushilfskräfte aus 16 verschiedenen Professionen. An vielen Schulen würden diese sogar für Klassleitungen eingeteilt. Dies seien keine Einzelfälle. BLLV-Vize Tomi Neckov sagte, an manchen Mittelschulen steuere man in Bayern auf "Berliner Verhältnisse" zu, wo ausgebildete Lehrkräfte oft schon in der Minderheit seien. An Förderschulen, wo es besonders ausgebildete Sonderpädagogen bräuchte, würden inzwischen Köche oder Schneider als Assistenzlehrkräfte eingesetzt.

Als weiteres Problem nannte Neckov die corona-bedingte Überforderung der Schulleitungen. Allein im September hätten an den Grundschulen 485 Seiten an kultusministeriellen Schreiben umgesetzt werden müssen. Diese hätten unter anderem die Einführung der neuen Pool-Tests und die Anstellung von Personal für die "Brückenkurse" betroffen. Es gebe inzwischen einen "Verwaltungs- und Organisationswahnsinn", der zunehmend auch Lehrkräfte daran hindere, ihren eigentlichen pädagogischen Aufgaben nachzukommen. "Grundschullehrer müssen heute am Nachmittag Barcodes auf Teströhrchen kleben, anstatt ihren Unterricht vorbereiten zu können", erklärte Neckov.

Minister: Erstmals mehr als 100.000 Lehrkräfte

Fleischmann forderte die Staatsregierung auf, die Realität an den Schulen endlich anzuerkennen. Die Situation sei "so dramatisch wie noch nie". Die Überforderung der Lehrkräfte mit Verwaltungsaufgaben müsse ein Ende haben. "Es kotzt uns an, dass wir nicht mehr das machen können, was wir pädagogisch machen wollen", formulierte sie drastisch. Ein massiver Qualitätsverlust an den Schulen sei bereits da, die Corona-Folgen verschärften die Lage noch.

Schon vor der Pressekonferenz des BLLV zog Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) drei Wochen nach Schulstart eine positive Zwischenbilanz. "Der Präsenzunterricht lief bislang in ganz Bayern stabil", erklärte er. Die Corona-Schutzmaßnahmen mit Tests, Impfungen und Hygieneplänen würden funktionieren. Deshalb sei nun auch die Maskenpflicht im Unterricht gefallen. Bei der Umsetzung der neuen Pooltests hätten die Verantwortlichen an Grundschulen "Hervorragendes geleistet", lobte der Minister und räumte ein, dass es für alle Beteiligten ein "arbeitsintensiver Schulstart" gewesen sei. Die Kritik bezüglich fehlender Lehrer wies Piazolo zurück. Erstmals gebe es heuer mehr als 100.000 staatliche Lehrkräfte. Zudem laufe die Nachwuchsoffensive zur Ausbildung neuer Lehrkräfte "auf Hochtouren".

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