09.08.2020 - 13:40 Uhr
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Markus Söder und die K-Frage

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Markus Söder steht im Mittelpunkt der Debatte um die Kanzlerkandidatur der Union. Dabei hat er sich weder beworben, noch irgendwelche Absichten geäußert. Kann und will er überhaupt Kanzler?

Markus Söder
von Jürgen UmlauftProfil

Es wäre das Bild dieses Sommers, würde Markus Söder den Gerhard Schröder machen. Der SPD-Politiker hatte dereinst noch in Bonn am Tor zum Kanzleramt gerüttelt und gerufen "Ich will da rein!". 1998 war es dann soweit: Schröder wurde Chef der ersten rot-grünen Bundesregierung. Söder hätte laut Umfragen gerade beste Chancen, Kanzler der ersten schwarz-grünen Koalition im Bund zu werden - doch er rüttelt nicht und er ruft nicht.

Dabei hätte der CSU-Chef erst Anfang August dazu Gelegenheit gehabt. Er weilte zum ARD-Sommerinterview in Berlin. Dachterrasse über dem Spreebogen, das Kanzleramt im Blickfeld, es wäre nur ein kurzer Spaziergang gewesen, um sich an die Eisenstäbe zu klemmen, die Kameras im Schlepptau. Söder widerstand der Versuchung. Stattdessen erklärte er mit dem treuherzigsten aller ihm möglichen Augenaufschläge einmal mehr, dass sein Platz in Bayern sei.

Markus Söder als Bundeskanzler? Auf diese Idee sind vor Corona höchstens ein paar Hardcore-Fans des Franken gekommen. Er selbst vermutlich auch nicht. Vielfach überliefert ist Söders Wunsch schon seit Jugendtagen, bayerischer Ministerpräsident zu werden. Er erzählt ja auch gerne von dem Franz-Josef-Strauß-Poster über dem Bett seines Kinderzimmers. Von Porträts eines Konrad Adenauer oder Helmut Kohl war nie die Rede. Söders ganzes Streben galt dem Chefsessel in der bayerischen Staatskanzlei.

„Von Ehrgeiz zerfressen“

Man muss noch einmal weit zurückblicken in die Vor-Corona-Zeit, wie irrwitzig der Gedanke an einen Kanzler Söder noch vor wenigen Jahren war. Es gab ja lange eine Mehrheit in Bayern, die Söder nicht einmal den Ministerpräsidenten zutraute. Allen voran sein Vorgänger Horst Seehofer. "Charakterlich nicht geeignet" sei Söder und "von Ehrgeiz zerfressen". Seehofer hatte diese Einschätzung damals trotz seiner extremen Befangenheit in dieser Frage alles andere als exklusiv.

Richtig ist, dass Söder seine Karriere minutiös geplant und mit der für Alpha-Tiere in der Politik offenbar nötigen Brachialität vorangetrieben hat. Seehofer doch zu beerben, war sein Meisterstück. Nach innen knallhart, für die Öffentlichkeit smart - das ist eines der Söderschen Erfolgsrezepte. Ein anderes ist sein Gespür für Themen, die die Menschen bewegen, und eine Gabe zur Selbstdarstellung, für die der Begriff "schmerzfrei" erfunden worden sein könnte - Hundewelpenvideos inklusive.

Das begann schon in den Zeiten, als er sich als JU-Vorsitzender und CSU-Generalsekretär zum Retter von Mainzel- und Sandmännchen aufschwang. Hauptsache Schlagzeile und ein tolles Foto. Das System funktioniert noch heute, nur eben auf Staatsmannniveau wie jüngst beim Sissi-und-Franz-Memoriam-Tag mit Kanzlerin Angela Merkel auf Herrenchiemsee. Zur Wahrheit hinter dieser Show gehört aber auch, dass Söder ein akribischer Arbeiter sein kann. Sein Luftikus-Image mit den flotten Sprüchen und mitunter pubertären Aktionen überdeckte lange, dass er sich auch selbst hart rannimmt.

Das war schon früher so. Seine Doktorarbeit schrieb Söder neben seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und JU-Chef. In seine Ministerämter arbeitete er sich intensiv ein. Zu Beginn seiner Amtszeit als Gesundheitsminister begab er sich über das Wochenende in Klausur. Danach war er thematisch fit und legte auch gleich ein umfassendes Arbeitsprogramm vor.

Enge Kontakte

Fast noch wichtiger sind Söders Netzwerke. Viele heute noch enge Kontakte auch in die CDU gehen auf seine Zeit als Chef der Jungen Union (JU) in Bayern zurück. Und mit Finanzminister Albert Füracker besetzt ein Mitstreiter aus alten Tagen eines der Schlüsselressorts in der Staatsregierung. Heute verfügt er über ein ganzes Geflecht an Helfern und Fans.

Als Corona über Bayern hereinbrach, nahm sich Soder mit einer kaum für möglich gehaltenen Ernsthaftigkeit und Konsequenz der Herausforderung an und mutierte so zu etwas wie dem bundesweiten Superman im Kampf gegen Corona. Und weil er eben auch ein guter Verkäufer seiner selbst ist, schaffte er es, aus dem Blick zu drängen, dass die Fall- und Todesraten Bayerns im Vergleich zu anderen Bundesländern gar nicht so übermäßig toll sind und auch andere Ministerpräsidenten mit in Nuancen anderen Strategien das Ausbruchsgeschehen in den Griff bekommen haben. Söder aber inszenierte sich als der Konsequenteste und Vorsichtigste, das kam auch außerhalb Bayerns gut an und rückte ihn ins Zentrum der K-Frage.

Er wartet ab

Eine Antwort darauf, ob es Söder doch nach Berlin zieht, gibt das alles aber nicht. Hört man sich in der CSU um, spürt man eine Tendenz, die sich am besten mit der Floskel "Ja, aber" zusammenfassen lässt. Söder würde wohl nur den Kanzlerkandidaten geben, wenn dafür die Rahmenbedingungen passen würden, heißt es. Er würde demnach nur springen, wenn die CDU voll hinter seiner Kandidatur stünde und die Umfragen auch im kommenden Jahr noch stabil gut für die Union sein sollten. Da liegt noch Vieles im Unwägbaren.

Söder weiß, dass sein bundesweites Ansehen der aktuellen Lage geschuldet ist. Ohne nahezu sichere Chance auf das Kanzleramt würde er nicht antreten, da sind sich alle einig. Deshalb vermeidet er jede klare Festlegung und wartet ab, was im Land und in der CDU passiert. Zu sehr hat er die bitteren Niederlagen verinnerlicht, die seine CSU-Idole Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber bei ihren Versuchen 1980 und 2002 einstecken mussten. Als Geschlagener in die bayerische Provinz zurückkehren zu müssen, will sich Söder nicht antun.

Info:

Markus Söder und die CSU

  • Geboren am 5. Januar 1967 in Nürnberg; evangelisch-lutherisch
  • CSU-Mitglied seit 1983
  • Studium der Rechtswissenschaften 1987 bis 1991 in Erlangen; juristisches Staatsexamen, unter anderem Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung; 1998 Promotion
  • Volontariat beim Bayerischen Rundfunk, anschließend dort Redakteur (1992–1993)
  • Landesvorsitzender der Jungen Union Bayern 1995–2003
  • Mitglied des Landtags seit 1994
  • CSU-Generalsekretär (2003–2007)
  • Ministerämter: Bundes- und Landesangelegenheiten (2007–2008); Umwelt und Gesundheit (2008–2011); Finanzen (2011–2013, ab Oktober 2013 auch zuständig für Landesentwicklung und Heimat)
  • Vorsitzender der CSU seit 19. Januar 2019
  • Bayerischer Ministerpräsident seit 16. März 2018

Kommentar zu Markus Söder als Kanzlerkandidat

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