27.05.2020 - 09:55 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Coronakrise: Firmengründer verzweifeln (noch) nicht

Viele Unternehmen haben es in der Coronakrise schwer. Vor allem auch solche, die es noch nicht so lange gibt. Start-ups an der Regensburger Techbase sind aber nur teilweise betroffen.

Alexander Rupprecht, Geschäftsführer der Techbase, hat das Regensburger Innovationszentrum in den vergangenen Wochen sehr leer erlebt. Doch langsam kommen die Jungunternehmer zurück aus dem Homeoffice in ihre Büros.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Düster sieht es nach einer Umfrage des Bundesverbands Deutsche Startups aus: 70 Prozent der Firmengründer fühlen sich demnach in der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht. An der Regensburger Techbase ist man weniger negativ gestimmt.

Nur etwa ein Drittel der Start-ups, die sich in dem städtischen Innovationszentrum einmieten, hat aktuell Probleme.

Diese Zahl hat Techbase-Geschäftsführer Alexander Rupprecht bei Telefonaten mit den Mietern eruiert. „Zwei Drittel der Unternehmen sind noch gar nicht betroffen, aber das ist natürlich eine Momentaufnahme.“ Wenn es zu einer starken Rezession kommt, werde die Situation sicher schwieriger. Wie stark die Start-ups von der Krise betroffen sind, hänge vor allem von der Branche ab. Die an der Techbase angesiedelten Unternehmen sind stark digital- und technologielastig. Wer eine App für die gebeutelte Tourismusbranche entwickelt, spüre die Auswirkungen natürlich stärker als jemand, der digitale Lösungen für die Landwirtschaft erarbeite. „Da läuft ja alles normal weiter.“

Auch die Kapitalausstattung der jungen Unternehmen spiele eine Rolle: Wer Rücklagen hat, könne die Krise natürlich länger aussitzen. Auch die staatlichen Hilfen seien von einigen Start-ups dankend angenommen worden – insbesondere die Corona-Soforthilfe und das Kurzarbeitergeld. Ein Vorteil der Start-ups sei, dass sie flexibler auf neue Marktsituationen reagieren können, sagt Rupprecht. Die an der Techbase angesiedelte 3-D-Druck-Firma Gramm GmbH etwa biete sonst Implantate für Unfallopfer an. Nun verkaufe sie Masken. „Start-ups können ihr Geschäftsmodell leichter anpassen“, sagt Rupprecht. Auch das digitale Arbeiten von unterwegs oder vom Homeoffice aus sei für die Jungunternehmer nichts Neues.

Das 2016 gegründete Innovationszentrum, das gleich neben Uni und OTH Regensburg angesiedelt ist, erlebt weiter großen Zuspruch. Über 90 Prozent der Flächen sind vermietet. Acht Jahre dürfen sich die Firmengründer hier für einen vergleichsweise günstigen Preis einmieten – dann müssen sie flügge werden und ausziehen. Selbst während der Corona-Krise bekam Rupprecht drei Anfragen von Unternehmen, die sich gerne einmieten möchten.

Stolz ist Rupprecht darauf, dass die Quote der Insolvenzen der Unternehmen an der Techbase sehr gering sei. Von den 220 Mietern, die bislang betreut wurden, seien heute noch 70 Prozent am Markt aktiv. Wenn Start-ups scheitern, liege es oft daran, dass die Nachfrage nach einem Produkt einfach nicht große genug ist, sagt er. Manchmal drifte auch das Team mit verschiedenen Ideen auseinander.

In den vergangenen Wochen sei die Techbase ungewohnt leer gewesen, die meisten Mieter arbeiteten im Homeoffice, erzählt der Geschäftsführer. „Das ist für uns natürlich schade, die Techbase lebt davon, dass sich die Leute vernetzen.“ Mit virtuellen Netzwerkveranstaltungen habe man hier Abhilfe schaffen wollen. Doch der persönliche Kontakt sei schwer zu ersetzen. Deshalb freut sich Rupprecht, dass das Arbeitsleben in den Büros der Techbase langsam wieder anläuft.

Für Jakob Niggel (31) hat sich der Arbeitsaufwand in der Corona-Krise kaum geändert. Seine 2018 gegründete Firma „Datadesk“ bietet Softwarelösungen für Gesundheitsstudien an. Wegen der Ansteckungsgefahr pausierten aktuell die meisten regulären Studien an den Krankenhäusern, erzählt er. Dafür gebe es eine Reihe von Corona-Studien, die das Unternehmen insbesondere mit der Barmherzige-Brüder-Klinik St. Hedwig entwickle. Außerdem arbeitet Jakob Niggel mit Krankenhäusern an anderen Digitalisierungsprojekten. Als Beispiel nennt er eine digitale Lösung, um Besucherschlangen wegen der Zugangsbeschränkungen in Zeiten von Corona vor dem Krankenhaus zu vermeiden. Derzeit müssten alle Krankenhaus-Besucher auf Fragebögen eine Selbstauskunft geben. Künftig sollen die Besucher, die das möchten, das Formular schon vorher im Internet ausfüllen können – und per QR-Code ins Krankenhaus gelassen werden.

Der gebürtige Regensburger hat schon als 17-Jähriger seine erste Firma gegründet und mit Programmier-Aufträgen sein Taschengeld aufgebessert. Nach dem Informatikstudium arbeitete er drei Jahre bei Continental, dann gründete er zusammen mit einem Co-Founder „Datadesk“. Er geht davon aus, dass auch in den nächsten Monaten Corona-Studien seinen Arbeitsalltag bestimmen werden. Wann die anderen Studien wieder anlaufen, sei derzeit nicht klar. Jakob Niggel kommt seit zwei Wochen wieder in sein Büro an der Techbase, vorher arbeitete er hauptsächlich im Homeoffice. Sein Vorteil: „Solange ich Laptop und Telefon habe, kann ich überall arbeiten.“

Katja Ceynowa (39) hat in den vergangenen 15 Jahren in unterschiedlichen Rollen bei der Krones AG gearbeitet und sich Ende 2019 selbstständig gemacht mit einer Idee, die sie schon länger in sich trug: Ihre Firma „Bevazar“, die sie zusammen mit einem Technologie-Experten gegründet hat, bietet einen Online-Marktplatz speziell für die Getränkeindustrie an. Den Lockdown spürte das junge Unternehmen deutlich. Das Feedback von Einkäufern und Verkäufern, die auf der Plattform zusammenkommen sollen, wurde merklich weniger. Die Getränkeindustrie, insbesondere die Brauereien, seien von der Corona-Krise sehr betroffen, da die Gastronomie, aber auch große Volksfeste als Einnahmequellen dieses Jahr wegbrechen, erklärt Katja Ceynowa. Sie hatte einige Telefonate mit Brauereibetreibern, die nicht wissen, ob sie es durch die Krise schaffen.

Auch ihr eigenes Unternehmen ist betroffen: „Wir wollten eigentlich schon zusätzliche Mitarbeiter einstellen, doch das verschiebt sich jetzt“, erzählt die Gründerin. Zum Glück sei das Start-up schlank aufgestellt. So habe man die Folgen der Krise gut abfedern können.

Ceynowa blickt zuversichtlich in die Zukunft. Sie sieht die Corona-Krise auch als Chance. „Sie führt uns sehr schmerzhaft vor Augen, wie anfällig unser aktuelles System ist, das immer noch sehr stark durch den Direktvertrieb und den persönlichen Kontakt geprägt ist“, meint sie. „Ist dieser Weg nicht mehr möglich oder fallen plötzlich die bestehenden Beschaffungswege aus, stehen ganze Produktionsketten still.“ Online-Plattformen stünden dem entgegen, da die Betriebe Autonomie gewinnen und schnell auf Veränderungen reagieren könnten.

Die beiden Jungunternehmer Katharina Hochmuth (26) und Tim Hautkappe (28) bieten mit ihrer Firma „Anuma“ Softwarelösungen für Unternehmen an. Parallel dazu entwickeln sie ihr eigenes Produkt, die "Komm gut heim"-App, weiter. Die App haben die beiden bereits 2014 ins Leben gerufen, als sie noch Studenten an der OTH Regensburg waren. Mit der App können Personen ihren Standort live mit Freunden und Familienmitgliedern teilen und im Notfall schnell Hilfe anfordern.

„Durch die Corona-Krise hat sich auch bei uns die Auftragslage verschlechtert“, erzählt Katharina Hochmuth, die aus Nittenau (Kreis Schwandorf) stammt. „Geplante Softwareprojekte wurden abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben.“ Im Großen und Ganzen habe sie die Krise aber nicht zu stark getroffen, da sie sich so auf die Weiterentwicklung der "Komm gut heim"-App fokussieren konnten. „Eigentlich hat uns der Lockdown gar nicht so gestört. Wir haben die neu gewonnene Zeit und soziale Isolierung dazu genutzt, die App auf den aktuellsten technologischen Stand zu bringen.“ Drei Wochen verbrachten die Gründer in selbst gewählter „Quarantäne“, um Tag und Nacht an dem Produkt zu feilen.

Die Jungunternehmer schauen optimistisch in die Zukunft, sie sind überzeugt, dass die Corona-Krise Unternehmen in die digitale Zukunft befördert. „Und wenn allmählich Schulen, Universitäten, Bars und Clubs wieder öffnen, können wir mit unserer neuen App-Version optimale Sicherheit auf dem Nachhauseweg anbieten.“

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Gründerin Katja Ceynowa blickt zuversichtlich in die Zukunft.
Jungunternehmer Jakob Niggel beschäftigt sich gerade intensiv mit der digitalen Umsetzung von Corona-Studien.
Katharina Hochmuth und Tim Hautkappe entwickelten während des Lockdowns ihre eigene App weiter.
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