05.08.2021 - 14:59 Uhr
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Regensburg ist seit 15 Jahren Welterbe

Der Jubel war groß, als die Regensburger Altstadt mitsamt Stadtamhof im Juli 2006 zum Unesco-Welterbe ernannt wurde. Aber was hat der Titel der Domstadt 15 Jahre später eigentlich gebracht?

Ein Foto auf der Steinernen Brücke mit Blick auf die Altstadt: Für viele Welterbe-Besucher ein Muss.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Für den Regensburger Kulturreferenten Wolfgang Dersch ist der Welterbetitel ganz grundsätzlich eine „großartige Ehre“. Er spricht von einem Qualitätssiegel, das das Altstadtensemble mit Stadtamhof „gleichberechtigt in eine Reihe mit ikonischen Monumenten wie die Pyramiden von Gizeh oder das Kolosseum in Rom erhebt“. Die internationale Sichtbarkeit sei dadurch natürlich gewachsen.

Darüber hinaus habe sich in der Stadtgesellschaft ein stärkeres Bewusstsein für die Besonderheit und Einzigartigkeit Regensburgs entwickelt, findet Dersch. „Man identifiziert sich mit seinem Welterbe.“ Wegen des Welterbetitels seien rund 15 Millionen Euro an Fördermitteln eingeworben worden. Das Geld sei unter anderem in die Sanierung der Steinernen Brücke, in das neue Haus der Musik und in den Bau der neuen Synagoge geflossen. Regensburg werde durch diese Infrastruktur nicht nur für Bewohner und Besucher attraktiver, sondern auch für die von der Wirtschaft so dringend gesuchten Fachkräfte.

Wertschöpfung für die Stadt

Martin Kammerer, Geschäftsführer des IHK-Gremiums Regensburg, bestätigt, dass die Wirtschaft von dem Welterbetitel profitiert. „Regensburg konnte seit seiner Ernennung zum Weltkulturerbe 2006 seine Gästeübernachtungen von etwa 700 000 auf 1,14 Millionen im Jahr 2019 steigern“, erklärt er. Freilich seien nicht alle Besucher „Welterbetouristen“ gewesen, doch amerikanische und asiatische Reiseveranstalter würden sich durchaus an der Unesco-Liste orientieren, wenn sie ihre Reiseziele planen. Somit bedeute der Welterbetitel auch Wertschöpfung und Steuereinnahmen für die Stadt. „Dabei profitieren vom Tourismus als typische Querschnittsbranche neben Hotellerie und Gastronomie auch viele andere nachgelagerte Wirtschaftszweige wie Einzelhandel, Handwerk oder Dienstleistungsbetriebe“, sagt Kammerer.

Große Projekte verhindert

Doch der Titel kommt nicht ohne Bürde: Das Unesco-Steuerungskomitee hat ein starkes Mitspracherecht bei Planungen in und um das Altstadtensemble. In der Vergangenheit wurden große Projekte wie der Bau einer Westtrasse über die Donau oder der von einem Unternehmer geplante Ostenturm dadurch verhindert. Und auch beim aktuell geplanten Parkhaus am Unteren Wöhrd könnte die Welterbeverträglichkeit wieder Thema werden, sagt Kammerer. „Fraglich ist, wie hoch das Parkhaus werden darf und wie viele von den ursprünglich einmal geplanten 1500 Stellplätzen übrigbleiben werden.“ Dabei seien Einzelhändler und Gastronomen auf Parkmöglichkeiten für Kunden und Beschäftigte angewiesen, nachdem die Parkplätze am Donaumarkt weggefallen sind.

Die Stadt Regensburg agierte in den vergangenen Jahren sehr vorsichtig, wenn es um eine mögliche Gefährdung des Welterbestatus ging. „Wir finden gangbare Lösungen, die den Erfordernissen der Stadtentwicklung und den Unesco-Vorgaben entsprechen“, sagt Kulturreferent Dersch. IHK-Vertreter Kammerer mahnt allerdings: „Der Preis für den Welterbe-Titel darf aus Sicht der Wirtschaft nicht sein, dass die zukünftige Weiterentwicklung unserer Stadt unmöglich wird.“ Man müsse in den nächsten 15 Jahren die richtige Balance zwischen Bewahren und Weiterentwickeln finden. Achim Hubel von den Regensburger Altstadtfreunden nennt die Ernennung zum Welterbe ein „großes Glück“. Der Titel habe dazu geführt, dass das „Schatzkästchen“ Regensburg noch deutlich mehr Beachtung findet. Allerdings mahnt der emeritierte Professor für Denkmalpflege, sich nicht auf dem Welterbestatus auszuruhen. Vor allem beim Thema Verkehr sieht er Handlungsbedarf. „Es fahren viel zu viele Autos in der Altstadt“, sagt Hubel, der für einen behutsamen Tourismus statt Massen an Besuchern ist. Er wünscht sich, dass der öffentliche Nahverkehr und die Radwege deutlich stärker ausgebaut werden.

Den Schwung nicht mitgenommen

Richtiggehend verärgert klingt Armin Gebhard, Vorsitzender der Regensburger Kaufleute, beim Thema Welterbe. „Regensburg hat es versäumt, den Schwung aus 2006 mitzunehmen“, bemängelt er. Damals sei die Stadt in einer fantastischen Situation gewesen. Wegen des Welterbetitels und des Papstbesuchs im gleichen Jahr sei Regensburg weltweit in den Medien gewesen. Mit den Gewerbesteuereinnahmen in Regensburg sei es in den Folgejahren stetig bergauf gegangen, doch dieser Trend habe sich schon vor Corona geändert. Gebhard findet, dass die Stadtspitze nicht genug aus dem Welterbetitel macht.

Immer wieder waren – zumindest in Vor-Corona-Zeiten – Klagen über zu viele Touristen in Regensburg zu hören, die die engen Gässchen verstopfen würden. Diese Kritik teilt Gebhard nicht. Besonders von den Schiffstouristen würden die Geschäfte in der Altstadt extrem profitieren. Eine Belästigung für Altstadtbewohner sieht er viel mehr durch nächtliche Partygänger als durch Touristen.

Besucher gelockt

Bezirksheimatpfleger Tobias Appl hingegen bewertet die Touristenströme nicht nur positiv. Gerade durch die Schiffstouristen sei es in Regensburg bereits zu Szenen à la Neuschwanstein gekommen inklusive riesiger Touristentrauben und Ramschläden mit allerlei Bayernkitsch darin. „Das gab es so vorher nicht.“ Appl hätte sich angesichts der umfangreichen Bewerbung für den Welterbetitel, in der sehr viele Denkmäler beschrieben waren, auch erhofft, dass mehr historische Gebäude Beachtung finden würden. Doch neben den Hauptattraktionen wie der Steinernen Brücke, dem Dom und Schloss St. Emmeram würden andere wichtige Bauten wie die Schottenkirche oder die Dominikanerkirche weiter eher ein Schattendasein führen.

Dennoch betont der Bezirksheimatpfleger: „Für Regensburg ist der Welterbetitel eine tolle Sache.“ Er habe der Stadt einen positiven Schub gegeben und viele Besucher aus aller Welt nach Regensburg gelockt. Ob diese Wirkung auf die gesamte Oberpfalz ausstrahlt? Da hat Appl seine Zweifel: „In meiner Wahrnehmung fällt für die restliche Oberpfalz nicht so viel ab.“ Allerdings könnte sich das künftig ändern. Weil seit der Corona-Pandemie naturnaher Urlaub im Trend liegt, kann sich der Bezirksheimatpfleger durchaus vorstellen, dass Touristen künftig die Welterbestadt Regensburg besuchen – und dann noch mit dem Wohnmobil oder dem E-Bike die Oberpfalz erkunden.

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Hintergrund:

Schub für den Tourismus

Für das touristische Marketing sei der Unesco-Titel von überragender Bedeutung, sagt ein Sprecher der Regensburg Tourismus GmbH (RTG). Durch den Titel sei bis 2019 eine konstante Steigerung der Ankünfte und Übernachtungen in den Regensburger Hotels verzeichnet worden. In einer Umfrage 2019 gaben 50 Prozent der Urlaubsreisenden an, dass sie wegen des Welterbes nach Regensburg kommen. Insbesondere die internationale Bekanntheit Regensburgs als auch das bildungsnahe Reisen hätten durch die Welterbe-Auszeichnung zugenommen, sagt der Sprecher. Das eigens geschaffene „Besucherzentrum Welterbe“ erfülle auf interaktive Weise den mit den Weltstätten verbundenen Bildungsauftrag. Zahlreiche Institutionen und Unternehmen würden den Welterbetitel nutzen, um ihren Standort zu vermarkten oder um attraktiv für Fach- und Führungskräfte zu sein. (gib)

 

 

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