22.01.2021 - 17:04 Uhr
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So geht Hilfe im Lockdown

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Niedrigschwellige Hilfsangebote sollen Menschen in Notsituationen auffangen. Wie aber wirkt sich die Corona-Pandemie darauf aus? Wir haben nachgefragt.

Im Lockdown anrufen statt vorbeikommen: Darauf setzen viele niedrigschwellige Hilfsangebote, wie sie beispielsweise die Caritas anbietet.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Immer strengere Kontaktbeschränkungen, immer weiter verschärfte und verlängerte Lockdowns - "Corona" verlangt den Menschen viel ab. Und trotz der begonnenen Massenimpfungen scheint noch lange kein Ende der Krise in Sicht. Was schon im normalen Alltag eine Belastung ist, hat für Menschen in schwierigen Lebensumständen noch weitaus gravierendere Konsequenzen. Denn wer arm ist, kann nicht einfach online einen Wintermantel bestellen, weil die Kleiderkammer geschlossen hat. Wer suchtkrank ist, kann die offene Gesprächsrunde nicht durch eine Videokonferenz ersetzen.

Keine offenen Sprechstunden

"Wer Hilfe braucht, soll sie auch bekommen", sagt dazu Harry Landauer, Leiter für Verbandspolitik und Kommunikation beim Caritasverband der Diözese Regensburg. Der gemeinnützige Träger bietet mannigfaltige Dienste an wie etwa Fachberatungen, Suchtambulanzen oder Familienhilfen. "Wir wollen da sein, auch persönlich." Deshalb seien sämtliche Angebote weiterhin erreichbar. "Was nicht mehr geht, sind die offenen Sprechstunden", schränkt Landauer allerdings gleichzeitig ein. Auch alle offenen Gesprächsrunden seien wegen der Infektionsgefahr ausgesetzt.

Das bedeutet: Einfach bei der Caritas vorbeizukommen und persönlich vorzusprechen, ist seit längerem nicht mehr möglich. "Das Telefon ist momentan das Mittel der Wahl", erklärt Landauer. "Das ist einerseits ungefährlich und andererseits ist immer jemand da." Telefonisch könnten auch weiterhin Termine für ein persönliches Gespräch vereinbart werden, dies allerdings jedoch nur in eingeschränktem Umfang. Doch Not macht offenbar erfinderisch: So werde das Gespräch in manchen Fällen zum Geh-spräch, berichtet der Öffentlichkeitsexperte der Caritas. Klient und Berater unterhielten sich also während eines Spaziergangs an der frischen Luft. "Das machen wir etwa in der Suchtberatung", erzählt Landauer. Ob solche Spaziergänge angeboten werden, entscheide letztlich jedes Referat für sich.

Geschlossen haben derzeit auch viele Kleiderkammern. Die Einrichtung der Caritas in Weiden sei aus Brandschutzgründen derzeit nicht zugänglich, erklärt Landauer. In Regensburg habe man schließen müssen, weil die Kleiderkammer dort ausschließlich von älteren Helfern betreut werde, die allesamt zur Corona-Risikogruppe gehörten. In dringenden Fällen könne die Caritas aber dennoch helfen: "Wenn sich etwa aus einem Beratungsgespräch ein solcher Bedarf ergibt, kann ein passendes Kleidungsstück herausgesucht werden."

Hilfe per Telefon

"Jeder unserer Mitarbeiter entscheidet selbst, wer eine persönliche Beratung braucht. Die Leute nehmen aber die telefonische Versorgung sehr gut an."

Sonja Dobmeier, Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit in Weiden

Sonja Dobmeier, Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit in Weiden

Die Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit in Weiden, Sonja Dobmeier, erklärt, dass der Kontakt von Angesicht zu Angesicht im Lockdown die Ausnahme sei. "Jeder unserer Mitarbeiter entscheidet selbst, wer eine persönliche Beratung braucht." Üblich sei diese nur in Notfällen, wenn jemand beispielsweise suizidgefährdet sei oder völlig vereinsamt. "Die Leute nehmen aber die telefonische Versorgung sehr gut an", sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Wie Dobmeier berichtet, hätten bereits bei steigenden Corona-Inzidenzwerten vor dem Lockdown weniger Menschen um einen Beratungstermin gebeten. "Wahrscheinlich aus Angst sich anzustecken." Erstgespräche würden momentan grundsätzlich telefonisch vereinbart, auch die offene Gesprächsrunde finde fernmündlich statt. "Und ein Geh-spräch wird wirklich nur in Einzelfällen gemacht."

"Ich vermute, ältere Kunden haben sich nicht mehr getraut, zu uns zu kommen. Sie können aber jederzeit einen Vertreter vorbeischicken."

Bernhard Saurenbach, Leiter der Amberger Tafel

Bernhard Saurenbach, Leiter der Amberger Tafel

Unterstützung für Menschen in problematischen Lebensumständen bieten auch die Tafeln. Bernhard Saurenbach leitet die Einrichtung in Amberg. "Wir haben schon nach dem ersten Lockdown ganz schnell reagiert", sagt er. Eine Schließung sei nicht in Frage gekommen, obwohl viele der ehrenamtlichen Helfer aufgrund ihres höheren Alters Angst gehabt hätten, sich mit Corona zu infizieren, und sich zurückzogen. "Das verstehe ich auch", sagt Saurenbach. Nach einem öffentlichen Aufruf seien bis Mitte Mai sehr viele Studenten und Lehrer eingesprungen, "und wir konnten alles sehr gut überbrücken".

Unterstützung vom Bundesverband

Trotzdem habe es nach dem 19. März zunächst einen Rückgang der Besucherzahlen um etwa 10 Prozent gegeben. "Viele Kunden haben wohl gedacht, wir hätten geschlossen", glaubt Saurenbach. "Und ich vermute, ältere Kunden haben sich auch nicht mehr getraut, zu uns zu kommen. Sie können aber jederzeit einen Vertreter vorbeischicken." Tatsächlich hätten im vergangenen März rund 400 der bundesweit 950 Tafeln zunächst dicht gemacht. "Aber mittlerweile läuft es, nur noch einige sehr kleine Einrichtungen haben zu." Saurenbach lobt die Unterstützung durch den Bundesverband der Tafeln: "Das ist super organisiert. Demnächst erhalten wir aus einer Großspende noch zwei Raumluftfilter."

Die Amberger Tafel habe außerdem mehr als 1000 FFP-2-Masken geschenkt bekommen. "Die geben wir an unsere Helfer und Kunden kostenlos weiter." Denn ohne Mund-Nasen-Schutz dürfe niemand die Räumlichkeiten betreten, "das ist Selbstschutz aber auch für den Schutz unserer Mitarbeiter nötig". Auf die Einhaltung der strengen Hygienemaßnahmen legt Saurenbach großen Wert. Kritik übt er an der Verteilung von FFP-2-Masken für Bedürftige im Freistaat. "Das ist ein Riesenaufwand für die Ämter, diese Masken den Leuten zuzuschicken. Vernünftiger wäre es gewesen, den Menschen einfach 20 Euro zu geben, damit sie sich selbst Masken kaufen können."

Hilfe für Suchtkranke in der Pandemie

Regensburg
Hintergrund:

Beratungsstellen der Caritas

Die Caritas unterhält im Bereich des Bistums Regensburg zahlreiche Fachberatungsstellen. Im Einzelnen sind das:

  • 10 Beratungsstellen für Familien, Senioren, Mutter-Vater-Kind-Kuren
  • 7 Migrations- und Integrationsberatungsstellen
  • 10 Asylsozialberatungsstellen
  • 6 Beratungsstellen für Jugendmigration
  • 5 Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen
  • 2 Beratungsstellen für seelische Gesundheit
  • 10 Allgemeine Sozialberatungsstellen
  • 7 Schuldnerberatungsstellen und eine Beratungsstelle des Kreuzbundes
  • 12 Fachambulanzen für Suchtprobleme, die ebenfalls niedrigschwellig Beratung anbieten

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