19.11.2020 - 14:14 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Staub im Getriebe: Ein junger Uhrmacher bei der Arbeit

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Der Blick aufs Handy oder die smarte Uhr reicht, um die Zeit abzulesen. Trotzdem gibt es Nachwuchs in einer Branche, die sich mit dem Reparieren von Zeitmessern beschäftigt. Zu Besuch bei einem jungen Uhrmachermeister.

Uhrmacher Christopher Kreitl arbeitet mit kleinem Werkzeug, wenn er eine Uhr repariert. Manchmal braucht er eine Lupe, die er um seinen Kopf gespannt trägt, wenn er sie gerade nicht braucht.
von Susanne Forster Kontakt Profil

Christopher Kreitl steht in der Tür zur Werkstatt. Auf einem der Arbeitstische liegen unzählbar viele kleine Schrauben. Uhren liegen in Schälchen, in einer kleinen flachen Dose liegt ein offenes Uhrwerk. Eine durchsichtige Kuppel ist darübergestülpt, um es vor Staub zu schützen. Die Uhren der Kunden sind in türkisfarbene, beschriftete Papiertütchen verpackt. Hier arbeitet der 32-jährige Kreitl aus Schwandorf, der eigentlich gar kein Uhrmacher werden wollte. Ein Besuch bei einem Freund änderte das.

Kreitl arbeitet bei Juwelier Meiller. Das Geschäft am Schwandorfer Marktplatz öffnet um 9 Uhr. Hinten im Laden ist die Uhrmacherwerkstatt. Hier ist es ruhig, ab und zu ist ein Uhrschlag zu hören. Um den Kopf des Uhrmachers ist wie ein Stirnband eine Lupe gespannt. Sie ist an einem dünnen Gummiband befestigt und sieht aus wie ein winziges Fernrohr. Er trägt ein schwarz-rot-kariertes Hemd. Sein blondes Haar hat er zur Seite frisiert. Auf seinem Tisch liegen Pinzetten, Schräubchen, Uhren. Er nimmt einen kleinen Schraubendreher in die Hand.

Eigentlich wollte Kreitl Schmied werden. Nach der Schule hat er aber keinen Ausbildungsplatz gefunden. Also hat er sich zum Bauzeichner ausbilden lassen. Später machte er ein Praktikum im Betrieb eines befreundeten Uhrmachers. Seitdem weiß er, dass der Uhrmacherberuf der Richtige für ihn ist. „Das Arbeiten mit den Händen hat mir Spaß gemacht. Ich wollte schon immer etwas Handwerkliches lernen“, sagt er. Seinen Traumberuf hat er aber nicht aufgegeben. Messerklingen schmiedet er nun in seiner Freizeit.

Drittbester Azubi

Als er mit 24 Jahren seine Lehre zum Uhrmacher begonnen hat, war Kreitl einer der ältesten Azubis. Der jüngste war 15. Kreitl lächelt als er sagt, er möchte seinen Beruf nicht mehr missen. Von 2012 bis 2014 machte er an der Franz-Oberthür-Schule in Würzburg und bei einem Uhr- und Schmuckgeschäft in Kulmbach eine duale Ausbildung. Seine Uhrmacherlehre schloss er als einer der drei Besten ab. Seit 2014 arbeitet er in Schwandorf. Seit diesem August ist er ein Meister seines Handwerks.

Über seine Finger hat Kreitl schwarze Hauben gestülpt. Fingerlinge sagt er zu ihnen. So kann kein Schweiß oder Schmutz in das Uhrwerk gelangen. Durch Staub verschleißt eine Uhr, kann deshalb stehen bleiben. Kreitl nimmt seine Brille ab. Seine Lupe spannt er vor sein rechtes Auge, seine Hand greift nach der Pinzette. Er muss sehr sauber arbeiten und sich konzentrieren. „Uhrmacher machen viel mit Fühlen und Sehen", erklärt er.

An einem Tag hat er zwischen zehn und zwanzig Uhren in der Hand. Bei einer Reparatur muss er die Uhr zuerst zerlegen. Das sind bis zu 50 Einzelteile. „Je älter die Uhr ist, desto wichtiger ist es, mehr Teile anzuschauen.“ Er achtet auf typische Verschleißelemente. Wenn er eine Uhr zerlegt und dabei nach Fehlern sucht, dauere das schon bis zu zwei Stunden. Er fühlt mit seinen Fingerspitzen oder mit dem Werkzeug, ob etwas nicht stimmt. Verschmutzte Teile reinigt er, defekte tauscht er aus.

Fokus auf Details

Kreitl musste das Uhrwerk einer Armbanduhr ersetzen. Nun baut er sie wieder zusammen. Er braucht dafür seine Lupe. Sie vergrößert zehnfach. Manchmal braucht er auch das Mikroskop. Kreitl beugt seinen Kopf ganz nah zur Tischplatte. Mit einer Pinzette platziert er die Teile, mit einem Montierstift hält er sie an ihrer Position. Die klitzekleinen Schrauben zieht er mit einem Schraubendreher fest. Er greift nach einem Stift. Aus ihm kommt Luft. Sie pustet Staub aus dem Uhrwerk.

Uhrmacher sei zwar ein selten gewordener Beruf. Aber Juweliere würden händeringend nach ausgebildeten Uhrmachern suchen. Es ist eine Arbeit, die Zukunft hat, glaubt Kreitl. "Weil Uhrmacher sehr genau arbeiten und kleinste Fehler entdecken können." Deshalb können sie überall da eingesetzt werden, wo es feine Mechanik gibt. Zum Beispiel in der Medizinindustrie oder in der eben in der Feinmechanikbranche.

Ein Handwerk, dem nicht unbedingt der Nachwuchs fehlt. Kreitl tausche sich ab und zu mit seinem früheren Berufsschullehrer aus. Von ihm wisse er, dass jedes Jahr im Durchschnitt fünfzehn Uhrmacherlehrlinge zur Berufsschule in Würzburg gehen – mal mehr, mal weniger. Es sei eher der Fall, dass zu wenig Betriebe Ausbildungsplätze anbieten oder eher bereits ausgebildete Uhrmacher einstellen. Er erzählt von der Quarzkrise, eine Krise der Uhrenindustrie von 1970 bis etwa Mitte 1980. In dieser Zeit seien relativ wenig Uhrmacher ausgebildet worden und dadurch fehlten heute auch Uhrmachermeister, um Nachwuchs auszubilden.

Reparieren statt kaufen

Die Leute sind oft überrascht, wenn der Uhrmacher von seinem Beruf erzählt. Die meisten fänden es interessant und wollen mehr darüber wissen. „Nicht nur Batterien wechseln.“ Besonders herausfordernd ist es für ihn, wenn antike Uhren zu ihm in die Werkstatt gebracht werden. "Ich muss mich in die Uhr hineindenken". Alte Uhren sind nicht nach einer Norm gefertigt", beschreibt er. Einmal reparierte er eine Standuhr aus dem 18. Jahrhundert. Wenn er mit alten Uhren arbeitet, denkt er sich manchmal: "Ich versteh, wie´s funktioniert. Aber warum ist das jetzt anders, als bei anderen Uhren?" Für ältere Zeitmesser gibt es oft keine Ersatzteile. "Wenn etwas kaputt ist, dann muss ich es selbst anfertigen." Das Reparieren dauert dann länger als bei einer modernen Uhr.

Die Menschen lassen wieder mehr Dinge reparieren anstatt sie neu zu kaufen. Er zeigt auf etwas, das so gar nichts mit Uhren zu tun hat. Auf seinem Tisch stehen zwei Zieloptiken von Jagdgewehren. Uhrmacher sind auch Anlaufstelle, wenn etwas mit sehr kleinen Schrauben zu reparieren ist. Er hat auch schon eine antike Modelleisenbahn, Fotoapparate oder Vergaser von Motorsägen repariert. Im Juwelierladen berät er Kunden, passt Uhrbänder an, macht Gravuren oder repariert Schmuck. Auf seinem Schreibtisch klemmt auf Augenhöhe in einer Halterung ein Tablet-PC. Mit ihm bestellt er Ersatzteile.

Uhr mit emotionalem Wert

Kreitl trägt seine Lieblingsuhr. Ein Chronograph mit wuchtigem Zifferblatt und schwarzem Lederband. Er war sein Prüfungsstück in seiner Meisterprüfung. Da musste er Fehler in der Uhr finden und reparieren. Prüfer haben zuvor Defekte die Armbanduhr eingebaut. Mehr als 20 Armbanduhren hat Kreitl bei sich zu Hause, trägt aber nicht täglich eine. Seine beiden Taschenuhren stehen in einer Glasvitrine. Eine hat er von seiner Urgroßmutter geschenkt bekommen. Für Kreitl hat sie einen emotionalen Wert, denn sie gehörte seinem Urgroßvater. Seine zweite Taschenuhr hat er selbst hergerichtet. Ein besonderes Stück, für den Alltag nicht praktikabel, sagt er.

Alte Uhren sind nicht nach einer Norm gefertigt.

Uhrmachermeister Christopher Kreitl über die Arbeit mit antiken Stücken

Uhrmachermeister Christopher Kreitl über die Arbeit mit antiken Stücken

Kreitl schnauft. Eine Zugfeder ist abgebrochen. Sie hätte wieder in das Uhrwerk eingebaut werden sollen, aber sie war zu verschlissen. Jede mechanische Armbanduhr habe so eine Feder, sie sorgt für den Antrieb des Uhrwerks. Er hält eine filigrane Zugfeder in der Hand, die er nun ersetzen muss.

Der Uhrmacher zeigt auf einen Kasten, der aussieht wie ein Getränkekühlschrank. Das ist das Reinigungsgerät, sagt er. Dort stellt er eine kleine Schale mit den Einzelteilen der Uhr hinein. Wenn die Uhr gereinigt ist, baut Kreitl sie wieder zusammen. Für ihn ist es wie ein Puzzle wieder zusammensetzen. Bei komplizierten Sachen macht er Fotos, früher hat er ab und zu Skizzen gezeichnet. Für Kreitl ist es ein Erfolgsgefühl, wenn er eine Uhr wieder zum Leben erweckt.

Netzwerk für Uhrmacher

Auf dem Fensterbrett neben Kreitls Arbeitstisch steht ein Gerät, das sich dreht wie eine Windmühle. An ihm hängen Armbanduhren. Es ist ein Umlaufgerät, das das Tragen einer Uhr am Handgelenk simuliert. Das Gerät braucht er zum Testen: Überwiegend für mechanische Uhren mit automatischem Aufzug, denn das Gerät zieht die Uhren auf. Es ist einer der Abschlusstests nach der Reparatur. Er vergleicht das mit der Probefahrt eines Autos, nachdem es in der Werkstatt war.

Im Arbeitsraum ragen Nägel aus den Wänden. An ihnen hängen Wanduhren von Kunden. Nach dem Reparieren sind Uhren noch für etwa zwei Wochen im Laden. Manche Fehler zeigen sich erst im Nachhinein, Verschleißfehler zum Beispiel. Am Beginn seiner Arbeitstage überprüft er, ob Uhren stehen geblieben sind. Die muss er noch einmal nacharbeiten. Die Kunden sind überwiegend ältere Menschen. Aber nicht nur: Der jüngste war 13 Jahre alt. Er kaufte eine mechanische Uhr. "Eine Seltenheit“, meint Kreitl. Sein Beruf, der meistens analog abläuft, erfordert Geduld, handwerkliches Geschick und Perfektion.

Auch das Digitale hat er im Blick. Als er noch in der Ausbildung war, gründete er eine Gruppe für Uhrmacher auf Facebook. "Es gab nicht so wirklich eine digitale Plattform für Uhrmacher, um sich auszutauschen. Ich wollte sie untereinander vernetzen." Heute sei es die größte deutschsprachige Gemeinschaft mit ausgebildeten Uhrmachern. Der junge Uhrmachermeister nimmt seine Lupe ab und streift sich die schwarzen Hauben von seinen Fingern, denn er macht jetzt Pause. Eine Wanduhr schlägt 12 Uhr.

Weil Uhrmacher sehr genau arbeiten und kleinste Fehler entdecken können.

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Hintergrund:

Zur Person

  • Christopher Kreitl ist 32 Jahre alt und lebt und arbeitet in Schwandorf. Er ist seit 2014 bei Juwelier Meiller als Uhrmacher tätig.
  • Von 2012 bis 2014 machte er eine duale Ausbildung zum Uhrmacher. Er ging an die Franz-Oberthür-Schule in Würzburg und arbeitete bei einem Uhr- und Schmuckgeschäft in Kulmbach. Er schloss als einer der drei Besten die Lehre ab.
  • Seit August 2020 trägt der Uhrmacher einen Meistertitel.
  • Sein Hobby ist "Living History", die Mittelalterdarstellung. Dazu gehört auch das Schmieden.
  • 2013 hat er ein Uhrmacher-Netzwerk auf Facebook gegründet, um Berufskollegen eine digitale Plattform zum Austausch zu bieten.
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