München
25.04.2021 - 14:41 Uhr

Uli Grötsch fehlen drei Stimmen: "Es muss weitergehen"

Auf ihrem digitalen Parteitag macht es die SPD bei der Neuwahl des Landesvorstands spannend. Es braucht zwei Wahlgänge, und am Ende fehlen dem Oberpfälzer Uli Grötsch drei Stimmen zum Erfolg.

Uli Grötsch spricht auf dem digitalen Landesparteitag der Bayern-SPD. Er wurde nicht zum Vorsitzenden gewählt. Bild: Matthias Balk
Uli Grötsch spricht auf dem digitalen Landesparteitag der Bayern-SPD. Er wurde nicht zum Vorsitzenden gewählt.

Man kann gerade nicht behaupten, dass Bayerns SPD einen Lauf hätte. Einstellig in den Umfragen, die Mitgliederzahl schmilzt dahin wie der Restschnee in den Alpen - und jetzt auch noch das. "Also, wir haben kein eindeutiges Ergebnis", sagt Christa Naaß, die Sitzungsleiterin des virtuellen Parteitags, und lässt den Blick etwas ratlos durch die Parteizentrale am Münchner Oberanger wandern. Gerade hat sie vom Monitor abgelesen, dass sich 144 Delegierte für eine Doppelspitze als Nachfolger der scheidenden Landeschefin Natascha Kohnen ausgesprochen haben, und bei vier Enthaltungen 141 für einen Einzelchef. Eine Stimme fehlt damit zur nötigen absoluten Mehrheit. Nicht einmal Vorstandswahlen scheint Bayerns SPD mehr drauf zu haben.

Immerhin kommt nach fast sechs Stunden Parteireformdebatte Spannung auf. Ein zweiter Wahlgang muss her, und die Zeit dazwischen wird Einzelkandidat Uli Grötsch später als "sehr lange zehn Minuten" beschreiben. Danach ist klar, dass es der Oberpfälzer nicht wird. 146 zu 142 geht die Abstimmung pro Doppelspitze aus, Grötsch zieht daraufhin seine Kandidatur zurück. Der Weg ist nun frei für das Kandidatenduo Florian von Brunn und Ronja Endres sowie für deren Generalsekretär Arif Taşdelen. Grötschs Kandidatin, die aus Bischofsgrün stammende Ramona Greiner, zieht ebenfalls zurück.

"Der Uli ist ein toller Typ"

Der Tag hat an den Nerven gezehrt. Als alles klar ist, sagt von Brunn, er sei "total glücklich", sieht aber eher schwer erleichtert aus. Endres muss mit sich überschlagender Stimme ihre Gefühlswelt erst einmal ordnen. Auch Grötsch braucht etwas länger. Auf die Frage, wie es ihm denn nun gehe, findet er mit dem Abstand von zwei Stunden eine Antwort im heimatlichen Sprachschatz: "Es mou!" Es muss also weitergehen, irgendwie. Immerhin ist Grötsch Spitzenkandidat der Bayern-SPD für die Bundestagswahl. Das hat auch von Brunn in der Stunde seines Erfolges nicht vergessen. "Der Uli ist ein toller Typ, er hat jetzt alle Unterstützung für den Bundestagwahlkampf verdient", ruft er den Parteifreunden an den Endgeräten zu. Toller Typ? "Das hat der Florian noch nie zu mir gesagt", wundert sich Grötsch.

Nein, harmonisch ist der parteiinterne Wahlkampf nicht abgelaufen. Selbst bei de Vorstellungsreden auf dem Parteitag setzt es noch Spitzen. Das Duo von Brunn/Endres ist zuerst dran, so hat es ein Münzwurf Naaß' vergleichsweise eindeutig entschieden. "Die Entscheidung, vor der wir stehen, lautet: Weiter so wie bisher bei sieben Prozent im Umfragen und als fünfte Kraft in Bayern, oder haben wir gemeinsam den Mut, den Neustart zu wagen", wirbt von Brunn für sich und Endres. "Wir wollen die Bedenken und die Leisetreterei hinter uns lassen". Die Delegierten wissen, dass er damit Grötsch meint, der seit vier Jahren Generalsekretär ist und mit seiner alles andere als marktschreierischen Art aus Sicht von Brunns Mitverantwortung für den Absturz der SPD trägt.

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München25.04.2021

Spitzen gegen Grötsch

Endres legt munter nach. Sie habe es satt, beim Blick auf Bayerns SPD immer nur miese Umfragen und Schlagzeilen zu sehen. Die Zukunft sei der Partei abhanden gekommen. Sie und von Brunn könnten Kampagne, sie seien vor Ort in Bayern und hätten "keine 20 Sitzungsstunden in Berlin". Das zielt direkt auf den Bundestagsabgeordneten Grötsch. Wer es bis dahin noch nicht verstanden haben sollte, dem schreibt Endres am Ende ins Stammbuch: "Ein ewiges Weiter so bringt uns nur dorthin, wo wir heute sind." Bei sieben Prozent eben und unter ferner liefen.

Grötsch lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er massiert lieber die Seele der Genossen, zählt auf, was er als Generalsekretär schon an Modernisierung auf den Weg gebracht hat und wie er mit einer Mischung aus traditionellen sozialdemokratischen Werten und frischen Ideen die Partei aus dem Tal der Tränen holen will. Nur einmal wird er richtig emotional und schießt indirekt auf das Konkurrenz-Duo zurück: "Ich lassen mir diese Bayern-SPD nicht schlecht reden - von niemandem!" In einer voll besetzten Halle hätte es an dieser Stelle wohl donnernden Applaus gegeben.

Der Rest der Geschichte ist schon erzählt. Zum Schluss wirkt es so, als ob alle den Appell der nun Ex-Chefin Kohnen zum Zusammenhalt als Vermächtnis verstanden hätten: "Ab morgen haken wir uns unter und unterstützen die neue Parteispitze. Wer verliert, akzeptiert das Ergebnis." Im ersten Moment scheint sie damit Erfolg zu haben. Von Brunn sieht im knappen Ausgang einen Auftrag, auch die Unterstützer Grötschs einzubinden. Und Grötsch sagt, es gehe nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um die Zukunft der SPD. Man wird sehen. Wie hatte Parteivizin Marietta Eder zu Beginn des Parteitags mit Blick auf die "Schlammschlacht der Union" in der K-Frage gesagt: "Wie kann man sich nur derartig selbst zerfleischen?" Nun, schon ein Blick in die jüngere Geschichte der bayerischen SPD gäbe ihr beredt Antwort.

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