21.04.2021 - 08:11 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Die vergeblichen Anläufe der CSU in Richtung Kanzleramt

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Franz Josef Strauß hat es versucht, Edmund Stoiber hat es versucht – beide sind damit gescheitert, aus Bayern heraus Bundeskanzler zu werden. Jetzt hat es auch Markus Söder erwischt. Ein Rückblick.

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder (CSU) verlässt mit Generalsekretär Markus Blume (links) den Bundestag.
von Jürgen UmlauftProfil

Wenn sich ein Spitzenpolitiker der CSU anschickt, Kanzlerkandidat der Union zu werden, ist das kein gutes Zeichen – für den Zustand der CDU. Dann nämlich muss die kleine Schwester aus Bayern versuchen, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Markus Söder wusste das. Als glühender Fan von Franz Josef Strauß und politischer Ziehsohn Edmund Stoibers kennt er die Geschichte, die er nur zu gerne mit einem eigenen Erfolg umgeschrieben hätte. Strauß im Jahr 1980 und Stoiber im Jahr 2002 – so mächtig wie sie zu ihrer Zeit als bayerische Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzende waren – kamen seinerzeit weniger aus eigener Stärke zur Kandidatur, als vielmehr aus der Schwäche der CDU heraus. Hätte es in der CDU einen "natürlichen" Nachfolger Angela Merkels im Kanzleramt gegeben, die Personalie Söder wäre keine geworden.

Zu den Grundkonstanten späterer CSU-Kanzlerkandidaten gehört es, sich erst zu zieren. Söders monatelanges Mantra "Mein Platz ist in Bayern!" hat seine Entsprechung ins Strauß' Bonmot, er werde eher in Alaska Ananas züchten, als Kanzlerkandidat werden. Etwas staatstragender präzisierte er später: "Das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten ist kein Durchgangsposten für höhere Weihen." Strauß war erst im Jahr 1978 nach 29 Jahren im Bundestag und vielen Jahren als Minister unter mehreren Bundeskanzlern als Regierungschef nach Bayern zurückgekehrt. Er begründete damals die erfolgreiche CSU-Taktik, als Rufer von der Seitenlinie die Bundespolitik mitzubestimmen.

Biograph: Strauß musste zum Jagen getragen werden

Glaubt man dem Strauß-Biographen Stefan Finger, musste FJS praktisch zum Jagen getragen werden. Der damalige CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Fritz Zimmermann, und Generalsekretär Edmund Stoiber drängten Strauß demnach dazu, den Hut in den Ring zu werfen. Nach der verlorenen Bundestagswahl im Jahr 1976 galt CDU-Partei- und Fraktionschef Helmut Kohl als schwach, die Kanzlerkandidatur im Jahr 1980 für die Union sollte der aufstrebende niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht übernehmen. So hatten das wichtige Männer in der CDU ausgekartelt – ohne Rücksprache mit der CSU. Das wollten sich Stoiber und Zimmermann nicht gefallen lassen und bearbeiteten Strauß deshalb, so schilderte es Zimmermann in seinen Memoiren, bei einem Abendessen in einem feinen Restaurant in Bonn/Bad Godesberg.

Strauß jedoch zögerte. Er schätzte seine Erfolgsaussichten als sehr gering ein. Der Bundestag bestand damals nur aus drei Parteien, und die FDP stand fest als Koalitionspartner an der Seite der SPD und ihres Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Strauß hätte also die absolute Mehrheit holen müssen, nicht nur in Bayern, sondern in der ganzen damaligen Bundesrepublik. Dass er dennoch kandidierte, hatte zwei wesentliche Gründe: Er hielt Albrecht für ein Leichtgewicht, und da war die "Männerfreundschaft" mit Helmut Kohl. Die beiden Alpha-Tiere der Union waren sich nicht erst seit dem legendären Kreuther Trennungsbeschluss in herzlicher Abneigung verbunden. Es dem Pfälzer Kohl vier Jahre nach dessen erster erfolgloser Kanzlerkandidatur zu zeigen, war Strauß zweifellos ein Ansporn.

Weite Teile der CDU verweigern Strauß im Wahlkampf die Unterstützung

Der Start lief für Strauß verheißungsvoll. Bei einer Abstimmung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion fiel Albrecht gegen ihn mit Pauken und Trompeten durch. Doch die folgende Wahlkampagne kam nicht ins Rollen. Weite Teile der CDU verweigerten dem CSU-Mann Strauß mehr oder minder offen die Gefolgschaft. Mit seiner rustikalen und mitunter rüpelhaften Art verschreckte er bei Landtagswahlen außerhalb Bayerns Wähler en masse und erreichte nie die Sympathiewerte des Amtsinhabers Schmidt. Zudem knirschte es zwischen den Wahlkampfmanagern und Generalsekretären Stoiber und Heiner Geißler. Und schon damals unkten Beobachter der Szenerie, dass Kohl eine Niederlage Strauß' gelegen käme, weil er ihn dann beim Verfolgen eigener Ambitionen nicht mehr fürchten müsste.

Strauß holte am Wahltag dennoch erstaunliche 44,5 Prozent für die Union, aber weniger als Kohl im Jahr 1976. Weil SPD und FDP auf zusammen deutlich über 50 Prozent kamen, musste sich Strauß geschlagen nach Bayern zurückziehen. Noch knapper ging es im Jahr 2002 für Stoiber aus. Nach den "Tagesthemen" in der ARD gingen die Deutschen mit einem Bundeskanzler Stoiber ins Bett und wachten früh mit dem Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auf. Als in der Nacht das vorläufige amtliche Endergebnis vorlag, fehlten Stoiber bundesweit ganze 6000 Stimmen. In Bayern wurde er dennoch wie der gefühlte Sieger gefeiert, ein Jahr später schaffte er bei der Landtagswahl eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die CSU.

Merkel lässt Stoiber den Vortritt

Auch Stoiber zögerte damals, die Kanzlerkandidatur zu übernehmen. Aber wieder machte es der Zustand der CDU nötig, den Sprung von München aus ins Kanzleramt zu wagen. Die Ära Helmut Kohl war im Jahr 1998 zu Ende gegangen, zurück blieb eine inhaltlich wie personell ausgelaugte CDU, die auch noch an einem Parteispendenskandal zu knabbern hatte – ein spätes Erbe Kohls. Parteivorsitzende war damals Angela Merkel, die von "Kohls Mädchen" im Schnelldurchlauf zur Abwicklerin der Ära Kohl mutierte. Die westdeutsch geprägte Partei mochte sich in ihrer Mehrheit nicht vorstellen, dass eine Frau aus Ostdeutschland das Zeug zur Kanzlerin haben könnte – schon gar nicht diese.

Es waren die CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel, Roland Koch, Peter Müller und Bernhard Vogel, die Stoiber in dieser Lage baten, die Kandidatur zu übernehmen. Er war – anders als Merkel – einer von ihrem Schlage und brachte die Empfehlung mit, die CSU im Jahr 1993 ein Jahr nach der Amigo-Affäre zur absoluten Mehrheit in Bayern geführt zu haben. Stoiber schloss daraus, dass es in der CDU eine breite Zustimmung für ihn geben könnte – genau das, was Strauß im Jahr 1980 gefehlt hatte. Die Frage war nur, wie Merkel die Ambitionen des schneidigen Bayern aufnehmen würde. Nun, die Strategin in ihr erkannte schnell, dass es in dieser Lage wenig Sinn haben würde, sich dagegen zu stemmen. Sie ahnte wohl schon, dass ihre Zeit noch kommen würde.

"Wolfratshauser Frühstück" von Merkel und Stoiber

Geklärt wurde alles am 11. Januar 2002 beim berühmten "Wolfratshauser Frühstück", einem Vier-Augen-Gespräch in Stoibers Privathaus. Am reich gedeckten Tisch, von dem allerdings wenig gegessen wurde, wie Stoiber später einmal verriet, machte Merkel den Weg frei für Stoibers Kandidatur. Und der legte sich, wie es so seine Art ist, voll ins Zeug. Zwar hatte auch er als Besserwisser-Bayer Akzeptanzprobleme im Norden und Osten der vereinigten Republik, aber lange Zeit schien es, als ob ihm mehr Erfolg beschieden sein könnte als seinem großen Vorbild Strauß. "Doch dann kamen die Auseinandersetzungen um den Irak-Krieg und das Hochwasser an der Elbe", schrieb Stoiber im Jahr 2013 rückblickend in einem Gastbeitrag für die "Welt". Mit seiner offenen Kritik am US-Militäreinsatz gegen Saddam Hussein und seinen Auftritten als "Deichgraf Gerhard" in den ostdeutschen Überschwemmungsgebieten riss Schröder im Sommer des Jahres 2002 das Ruder zu seinen Gunsten herum. Und mit seiner lässigen Schnoddrigkeit holte er im Vergleich zum oberlehrerhaften Aktenfresser Stoiber am Ende auch die entscheidenden Sympathiepunkte.

Söder, der es besser machen wollte als die Altvorderen und dessen Chancen zumindest nach aktuellen Umfragen nicht schlecht gestanden hätten, ist nun schon in der Vorstufe zum Kandidaten der Union hängen geblieben. Er fügt dem Kapitel der gescheiterten CSU-Kanzlerambitionen damit ein eigenes Kapitel an. Er sei der "Kandidat der Herzen" gewesen, flocht ihm CSU-Generalsekretär Markus Blume einen Ehrenkranz. Spätere Generationen mögen urteilen, ob Söder sich schlicht überschätzt hat oder eine zutiefst verunsicherte und um ihren Stolz kämpfende CDU-Führungsriege sich dem Chef der "kleinen Schwester" nicht unterwerfen wollte .

Söder zieht Kandidatur zurück

Deutschland und die Welt

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.