29.08.2020 - 11:37 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Eine Zeitreise: Formen der ehemaligen Porzellanfertigung in Waldsassen ziehen um

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Es sieht aus wie eine ganz normale Rasenfläche. Doch unter der Erde liegt etwas, das einmal in der Porzellanherstellung in Waldsassen im Landkreis Tirschenreuth verwendet wurde. Nun wird es abgebaut.

Mittig im Bild ist die Fläche in Waldsassen im Landkreis Tirschenreuth zu erkennen, die entsiegelt werden soll.
von Susanne Forster Kontakt Profil

"Drunter lagern Gipsformen der ehemaligen Porzellanindustrie", erklärt Waldsassens Bürgermeister Bernd Sommer. Nun soll die Natur das Areal im Landkreis Tirschenreuth zurückerhalten. Dafür muss bis zu sechs Meter tief gegraben werden. Die nicht mehr benötigten Formen wurden damals nämlich so hoch aufgeschüttet.

"Das Material erweicht mit der Zeit", es sei dann wie aufgeweichte Kreide, erklärt Sommer. Das Feld könne deshalb nicht mehr genutzt werden. Es würden sich Unebenheiten im Boden bilden, so dass schwere landwirtschaftliche Maschinen dort nicht mehr arbeiten können. Deshalb sollen die Abfälle, die sich als "Kapselscherben" im Boden befinden, abgebaggert werden.

Förderung nur für Waldsassen

Laut Sommer ist es eine "irre Menge". "Überbleibsel der Porzellanindustrie findet man immer mal wieder in und um Waldsassen. Jedoch nicht in so großer Menge, wie auf dem Feld."

Die Arbeiten, sagt er, kosten einen Millionenbetrag. Bezahlen muss die Stadt aber nicht alles aus eigener Tasche. Für die "Förderinitiative Flächenentsiegelung" gibt es vom Freistaat mehr als viereinhalb Millionen Euro Zuschuss. Laut Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr ist die Klosterstadt die einzige, die für 2020 eine Förderung erhält: Im Rahmen des Bayerischen Städtebauförderungsprogramms fließen für das Projekt "Flächenentsiegelung Einzelvorhaben" insgesamt 4 860 000 Euro. "Die final errechneten Kosten" des Projekts belaufen sich laut Sommer auf rund 5,4 Millionen Euro.

Probeschürfungen gemacht

Doch sind die Altlasten harmlos? Zwar beginne der Gips sich in der Erde aufzulösen. Doch sei kein Stoff enthalten, der gefährlich ist, versichert Sommer. "Pro-aktiv" wolle man handeln, denn "das könnte durch eine Gesetzesänderung vielleicht einmal problematisch werden".

Die Abbauarbeiten sollen entweder im Herbst oder im Frühjahr 2021 starten. Zwei Jahre soll das Projekt dauern. Im Frühjahr, sagt Bernd Sommer, wurden "Probeschürfungen gemacht". Er erklärt, dass Tests mit einem Bagger durchgeführt worden sind. "Quer über die Fläche verteilt wurden Proben genommen." Dabei ist überprüft worden, welche Arten von Ablagerungen in dem Boden sind. Man hat herausfinden können, dass es sich um "homogenes Material" handelt, sagt Sommer. Wenn weißliche Flecken im Feld zu sehen sind, seien das Gips-Teilchen, erklärt er. Derzeit wächst auf der Fläche eine Zwischenfrucht. Es ist "die letzte landwirtschaftliche Nutzung".

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Fläche soll unbebaut bleiben

Das Material soll in der Deponie Steinmühle eingelagert werden. Neu vorgesehen auf der Fläche sei eine Gemeindeverbindungsstraße. Ansonsten bleibe die Fläche laut Sommer unbebaut. "Die Fläche der Natur zurückgeben", beschreibt er das Projekt.

  • Der Bach, der durch das Feld fließt, soll freigelegt werden. Derzeit ist der Bach "verrohrt" und liegt noch unterhalb der etwa 4 bis 6 Meter hoch aufgeschütteten Gipsscherben-Schicht.
  • Ein Stück weiter soll eine neue Umgehungsstraße verlaufen – deshalb muss eine Verbindungsstraße nötig, die über das Areal laufen soll. "Die Fläche, auf der sich die Straße befinden wird, ist nicht in der Förderung mit enthalten", sagt Sommer.
  • Auf dem Areal wird die Natur wieder hergestellt: Momentan sei es eine Grünfläche und das werde auch so bleiben. Eine Bepflanzung sei denkbar.

In das Projekt eingebunden sein werden laut Bernd Sommer unter anderem ein Baggerfahrer, Transportunternehmer und Bodengutachter. "Jede Fuhre, die abgelagert wird, muss dokumentiert werden", erklärt er. Zudem soll ein Gartenbauer sich um eine mögliche Anpflanzung des Areals kümmern. Über einen Zeitraum von etwa anderthalb Jahren wird das Material abgebaggert. "Das Baggern würde nicht so lange dauern. Aber wir wollen die Deponie nicht überlasten."

"Mit der Flächenentsiegelung setzen wir eines unserer vielen Projekte fort, für die wir als flächenbewusste Kommune ausgezeichnet worden sind", erklärt Sommer. Denn Waldsassen hat im Jahr 2019 dieses Gütesiegel verliehen bekommen. Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) und Bauminister Hans Reichhart (CSU) haben im vergangenen Jahr nicht nur die Klosterstadt ausgezeichnet. Unter den Preisträgern waren damals auch Litzendorf in Oberfranken, die Allianz Hofheimer Land in Unterfranken und Schleching in Oberbayern.

Mit der Flächenentsiegelung setzen wir eines unserer vielen Projekte fort, für die wir als flächenbewusste Kommune ausgezeichnet worden sind.

Bernd Sommer, Bürgermeister von Waldsassen

Bernd Sommer, Bürgermeister von Waldsassen

Im Jahr 2019 erhält die Stadt Waldsassen die Auszeichnung "Flächenbewusste Kommune"

Waldsassen
Hintergrund:

Porzellanherstellung in Waldsassen

Oskar Deininger, der ehemalige Chef der Porzellanfabrik Bareuther in Waldsassen, erinnert sich noch an die Gipsformen. Sie seien zur Fertigung zum Beispiel von Tellern, Bechern und Kannen verwendet worden. Beim Giessen von Hohlkörpern, zum Beispiel Kannen, Vasen oder Figuren, werde der Schlicker (verflüssigte Porzellanmasse) in die Formen gegossen, erklärt er. Der Gips sauge das Wasser an, es entstehe ein dünne Roh-Porzellanschicht. "Wenn diese dick genug ist, wird der Restschlicker ausgegossen und wieder aufbereitet. Der Formling trocknet in der Form bis er hart genug ist um aus der Form ausgenommen zu werden." Bis zu hundert Mal können getrocknete Gipsformen wiederverwendet werden. Bei der Tassenfertigung werde die Masse in die Form eingelegt und ausgeformt. Der Formling werde in der Gipsform getrocknet und danach weiterbearbeitet. "Auch die Gipsformen werden bis zu 60 Mal wiederverwendet." Bei den Formen für Teller werde die Masse auf die Gipsform aufgelegt und ausgeformt, der Teller-Rohling werde auf der Gipsform getrocknet bis er "lederhart" ist und weiterbearbeitet werden kann. "Auch hier werden die Formen nach Zwischentrocknung wiederverwendet." Heute würden etwa Teller oder Untertassen mit Granulat gepresst und daher größtenteils ohne Gipsformen gefertigt.

  • Im Januar 1866 hat die Porzellantradition in der Klosterstadt damit begonnen, dass auf einem Bauplatz an der Mitterteicher Straße erworben wurde, um darauf eine Porzellanfabrik zu errichten.
  • Um 1873 soll es zur Aufnahme der Porzellanherstellung gekommen sein.
  • Um 1900 war das Werk mit mehr als 200 Mitarbeitern schon zum größten Arbeitgeber in der Stadt geworden.
  • 1904 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft.
  • Ab dem Jahr 1966 war Oskar Deininger Direktor der Porzellanfabrik.
  • Im Sommer 1969 fusionierten die beiden örtlichen Betriebe Bareuther und Gareis, Kühnl zur Porzellanfabrik Waldsassen Bareuther & Co. AG mit den Werken A (bisher Bareuther) und B (bisher Gareis, Kühnl).
  • Im Jahr 1994 musste die Porzellanfabrik Bareuther für immer schließen.

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