Coronakrise sorgt für Pool-Boom

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Ade Freibad, hallo Pool: Nicht nur die Coronakrise beschert dem Badespaß im eigenen Garten ungeahnten Auftrieb.

Wer so einen Pool sein eigen nennt, "der hat es geschafft".
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

"Der Pool ist wunderbar! Er ist groß genug für einen Zehnjährigen, der auch mal im Kreis tauchen will, und auch noch weitere Kinder sind wunderbar unterzubringen." Das schreibt eine offenbar erleichterte Mutter Anfang Juli über das "Frame Pool 366 x 84 Komplettset", das sie bei Amazon geordert hat, aktuell von 308,90 Euro auf 269,90 Euro reduziert. Zum Schnäppchenpreis planschen der Bub und wahlweise auch seine Freunde nun im eigenen Garten, der lange Weg ins Bad oder an den See ist passé.

Die zufriedene Amazon-Kundin reiht sich ein in das Heer von Familien, die sich jetzt ihren eigenen Pool gönnen. Da steht er dann, im selben satten Blau leuchtend wie der in Nachbars Garten, gleich neben dem Riesentrampolin, einem weiteren Freizeit-Accessoire der letzten Jahre. Der Aufstellpool als zeitgeistgerechte Weiterentwicklung des guten alten Planschbeckens - schließlich haben auch Sonnenschirme, Schaukeln, besagte Trampoline und Grills im Laufe der Jahre immer weiter an Größe zugelegt, während im Gegenzug Grundstücke und Familien stetig kleiner wurden.

Nicht ohne Technik und Chemie

Anders als das Planschbecken kommt der Pool jedoch nicht ohne Technik und Chemie aus. Bei einem Durchmesser von 3,66 Metern und einer Füllhöhe von 65 Zentimetern fasst er gut 7000 Liter Wasser, das entspricht etwa 45 Badewannenfüllungen. Die gilt es auf Dauer sauber und keimfrei zu halten, was nur mittels Filteranlage und Zugabe von Chlor oder "Aktivsauerstoff" gelingt. Da macht es auch keinen Unterschied, ob man einen Billigpool zum Selbstaufbau, einen frei stehenden Stahlwannenpool oder ein klassisch im Boden versenktes Schwimmbecken sein eigen nennt.

Denn längst bleibt es nicht mehr nur beim Aufstellpool aus Kunststofffolie und Stahlrahmenkorsett. Wer es sich leisten kann oder will, wählt weniger provisorische Varianten. Lediglich flott und bequem muss es eigentlich immer gehen, stellt der Bundesverband Schwimmbad und Wellness e.V. (bsw) fest. „Wer in einen Pool investiert, der soll ihn so schnell wie möglich nutzen können“, sagt Dietmar Rogg, Präsident des bsw, laut Verbandsmitteilung. Immer mehr Hersteller setzten daher auf Vorfertigung: „Wenn ein Fertigbecken bereits ab Werk mit Einbauteilen bestückt und die Verrohrung schon vorhanden ist, kann die Baustellenzeit gering gehalten werden.“ In Deutschland gibt es rund 750 Schwimmbadbaufachbetriebe, und jedes Jahr entstehen rund 8800 bis 12000 neue Pools. Billig ist der Badespaß für den eigenen Garten dann allerdings nicht zu haben. "Für ein im Boden eingelassenes hochwertiges Becken muss man mindestens 25- bis 30000 Euro veranschlagen", erklärt die Geschäftsführerin des Verbands, Ute Wanschura. Trotzdem boomt auch dieses Segment, über eine halbe Million solcher Privatbäder gibt es bereits im Land. In der andauernden Niedrigstzinsphase, so scheint es, zählt auch der Pool zum Betongold.

Massenkonsum durch Globalisierung

Die Strömung reiche allerdings schon zurück in die 1990er Jahre, sagt Professor Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. "Damals entwickelte sich im Zuge der Globalisierung eine Art Massenkonsum, bei dem Ressourcen keine große Rolle mehr spielen." Baumärkte hätten zunehmend Billigpools aus China angeboten "und machten so die Hardware allgemein verfügbar". Der Pool im Privatbesitz ist, wie so vieles, eine amerikanische Erfindung. "Das kommt in den USA der 50er Jahre im Zuge einer beispiellosen Wohlstandsexplosion auf", erklärt Hirschfelder.

Film und Fernsehen lassen den Trend bald nach Europa überschwappen. Dort trifft das "Oberschichtsmerkmal" auf die Eigenheimkultur der 60er Jahre. Selbst der 1964 neu bezogene Kanzlerbungalow in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn bekommt einen eigenen Pool, erzählt der Professor: "Ich habe ihn mir erst kürzlich angeschaut, der misst vielleicht nur zwei mal drei Meter. Da hätte ein Kanzler Kohl kaum hineingepasst." Doch gehe es bis heute vor allem um das Statussymbol, "ein Swimmingpool ist grundsätzlich ein positives Zeichen für Erfolg, wer seinen eigenen hat, der hat es geschafft". Im Zuge der Coronakrise und heißerer Sommer werde der Privatpool allerdings nicht mehr nur als prestigeträchtige "Deko" betrachtet, sondern diene tatsächlich auch der Abkühlung.

Probleme der Klimakrise

Das sieht Dr. Johannes Lüers, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mikrometeorologie an der Universität Bayreuth, durchaus kritisch: "Natürlich ist der eigene Gartenpool für Kinder ein Heidenspaß. Aber die Dinger brauchen halt auch eine Menge Wasser, und wir haben eine Klimakrise", sagt er. Obwohl es regional durchaus Unterschiede gebe, werde Trockenheit zunehmend auch in Deutschland zum Problem. "Der letzte Winter und Frühling waren bundesweit zu trocken." Pools würden aber überwiegend mit Trinkwasser befüllt, "und wenn das viele machen, ist der Verbrauch enorm." Werde in trockenen heißen Sommern dann auch noch der Garten gegossen, entstehe ein erheblicher Mehrbedarf an Wasser.

Lüers sieht deshalb Probleme auf die Wasserversorger zukommen. "Der Grundwasserspiegel sinkt, das ist Fakt. Der Haushaltsverbrauch wird aber, ebenso wie der Wasserverbrauch in Landwirtschaft und Gewerbe, steigen", prognostiziert der Wissenschaftler. Schon jetzt gebe es Regionen, in denen Bauern nur noch sehr kurzfristige vertragliche Wasserrechte eingeräumt würden. "Da frage ich mich schon: Ist es denn wirklich nötig, dass sich jeder seinen eigenen Pool in den Garten stellt?"

Zysternenwasser nutzen

Dr. Hans Weiß, stellvertretender Leiter des Wasserwirtschaftsamtes in Weiden, teilt diese Meinung nicht. Der durchschnittliche jährliche Wasserverbrauch liege pro Bürger bei rund 40 Kubikmetern oder 40000 Litern. Das entspreche in etwa der Wassermenge, die in zehn Pools mit drei Metern Durchmesser und rund 60 Zentimetern Füllhöhe enthalten ist. "Für die Trinkwasserproblematik ist das nicht so relevant", sagt Weiß. Je größer das Becken, desto größer werde aber natürlich der Effekt. Idealerweise greife man dann auf Zysternenwasser zurück, das während regenreicher Perioden, etwa im Winter, gesammelt wurde - "das setzt aber natürlich entsprechende Filteranlagen und Chlorung voraus". Unterm Strich sei davon auszugehen, dass der Wasserverbrauch bei Nutzung von Freibädern insgesamt sicherlich geringer ausfalle, "als wenn jeder seinen eigenen Pool hat".

Ob die Entwicklung noch umkehrbar ist, scheint jedoch fraglich. Nicht nur der Bundesverband Schwimmbad und Wellness spricht erfreut von einem ungebrochenen Trend zum "Homing" bei den Bürgern: Das Zuhause solle auch die Kulisse für gesellschaftliches Miteinander und aktive Freizeitgestaltung sein. Und auch der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder beobachtet „den Hang, zu Hause und unter sich zu bleiben“. Die "Generation X" mag noch vom angeblich sorglosen Sommerspaß zwischen Eis am Stiel und Sprungturm, Pommes und Liegewiese schwärmen, der ihr Kindheit und Jugend versüßte und weitreichende Sozialkontakte verschaffte. Die "Generation Z" ihrer Kinder und Kindeskinder aber nutzt soziale Medien, hat übers Smartphone Kontakt zur ganzen Welt - und taucht hinterm Elternhaus im "Frame Pool" im Kreis wie der Goldfisch im Glas.

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Kinderfalle Pool

Vor allem Familien finden Gefallen am eigenen Pool im Garten. Doch das private Badevergnügen ist nicht ohne, warnte die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) bereits Anfang Mai in Neumarkt.

Schnell könne der Pool zur Falle für Kinder werden, die sich vom Wasser geradezu magisch angezogen fühlten. „Kinder ertrinken schnell und lautlos“, heißt es in der Pressemitteilung. Daher sollten bereits bei der Planung eines Swimmingpools geeignete Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Denn selbst in der Badewanne oder dem Planschbecken können Kinder schon ertrinken.

Damit Kinder nicht einfach hineinklettern können, sollte der Pool abgedeckt werden. Schwimmnudeln oder Schwimmtiere im Wasser könnten im Ernstfall helfen, weil sich die Kinder daran festhalten könnten.

Schwimmbecken und Gartenteiche sollten mit Schutzgittern oder anderen Vorrichtungen gesichert sein. Am besten eignen sich Zäune mit absperrbaren Zugängen. Bloße Abdeckungen reichen nicht aus, da Kinder darunter geraten und ertrinken können.

Auf keinen Fall sollten Eltern die Kinder im Pool unbeaufsichtigt lassen, auch nicht mal nur kurz weggehen und telefonieren – genau das seien laut DLRG die häufigsten Beschäftigungen von Eltern, wenn ein Kind ertrinkt. Auch bei stehtiefen Schwimmbecken sollte Kindern die Nutzung ausschließlich unter Aufsicht gestattet sein. Eine repräsentative Umfrage der DLRG hatte aufgezeigt: 59 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer. Allein im Jahr 2019 sind in Deutschland 25 Kinder im Alter von bis zu 10 Jahren ertrunken.

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