„Die ersten Reaktionen waren: Jetzt ist er total übergeschnappt“

Warum wird ein junger Mensch heute noch Pfarrer? Lucas Lobmeier wird am 29. Juni in Regensburg zum Priester geweiht. Im Interview spricht er über seine Beweggründe und seine Sicht auf den Zölibat.

Lucas Lobmeier wird am 29. Juni in Regensburg zum Priester geweiht.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Sechs Männer werden am 29. Juni im Regensburger Dom zu Priestern geweiht. Sie haben sich für ein Leben mit Gott entschieden. Der 30-jährige Lucas Lobmeier ist einer von ihnen. Im Interview erzählt er, warum er sich in Zeiten, in denen die Katholische Kirche viel Kritik einstecken muss, trotzdem für diesen Weg entschieden hat – und was er tun möchte, um das Ansehen seiner Kirche wieder zu stärken.

ONETZ: Herr Lobmeier, Sie feiern am 29. Juni Priesterweihe. Sind Sie nervös?

Lucas Lobmeier: Ich habe da gemischte Gefühle. Einerseits schiebe ich schon eine leichte Panik. Es ist stressig. Andererseits freue ich mich auf das Ereignis.

ONETZ: Missbrauchsskandal und immer mehr Austritte: Die Katholische Kirche macht schwere Zeiten durch. Warum entscheidet sich ein junger Mensch dazu, Priester zu werden?

Lucas Lobmeier: Weil ich in meinem Leben die Kirche als guten Stützpfeiler auch in Krisenzeiten erfahren durfte. Und für mich die Entscheidung getroffen habe: Man kann nicht immer Jammern, man muss auch versuchen, was daran zu ändern. Und ich sehe meine Möglichkeit, daran etwas zu ändern, indem ich einen Dienst in dieser Kirche übernehme, um für Menschen da zu sein.

ONETZ: Was war der ausschlaggebende Moment, in dem Sie wussten, dass Sie Priester werden wollen?

Lucas Lobmeier: Den Moment gab es nicht. Das war eher über die Jahre ein Hineinwachsen. Diese typische Karriere: Ministrant, kirchliche Jugendarbeit. Und irgendwann habe ich gemerkt: Das ist der Platz, wo ich mir vorstellen könnte, mein Leben lang zu arbeiten und zu wirken. Auf jeden Fall ausschlaggebend waren verschiedene Priester, die ich kennengelernt und bei denen ich gemerkt habe, dass sie mit ihrer Aufgabe glücklich sind.

ONETZ: Haben Sie jemals an dieser Entscheidung gezweifelt?

Lucas Lobmeier: Zweifel kamen immer wieder – gerade in Hinblick auf negative Schlagzeilen: Will ich mich wirklich so einer Kirche verschreiben? Und dann natürlich die typischen Durchhänger im Studium: Es sind fünf Studienjahre und dann noch die zusätzliche Ausbildung, was schon schlaucht. Aber ich denke, es ist auch ein gutes Zeichen, wenn die Begeisterung trotzdem nicht abreißt.

ONETZ: Was haben Sie in Phasen des Zweifelns gemacht?

Lucas Lobmeier: Ich habe einen guten Freundeskreis – sowohl im kirchlichen Kreis als auch viele Leute, die etwas ganz anderes studieren. Es ist einfach gut, wenn man sich mit Leuten mit einer anderen Meinung oder Sichtweise austauschen kann.

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Bayern

ONETZ: Wenn Sie jemanden kennenlernen: Wie sind die Reaktionen, wenn Sie erzählen, Sie werden Priester?

Lucas Lobmeier: Ich versuche, das immer ein bisschen zurückzuhalten. Es ist nicht das erste, was ich erzähle. Aber ich hatte bisher immer positive oder neutrale Reaktionen. Schon interessiert. Manchmal kam auch diese typische entsetzte Reaktion: „Auch noch katholisch?“ Aber das waren trotzdem immer interessante und lockere Gespräche.

ONETZ: Gab es Situationen, in denen Sie mit Vorurteilen konfrontiert worden sind?

Lucas Lobmeier: Eine Frage, die immer wieder kommt ist: Muss das Zölibat sein? Viele sprechen auch die aktuellen Machtstrukturen in der Kirche an. Dass Priester so mit sich umspringen, sich hin- und herschicken lassen. Aber ansonsten empfand ich die Gespräche nie als schlimm.

ONETZ: Wie reagieren Sie auf solche Kommentare?

Lucas Lobmeier: Ich versuche, den Leuten zu zeigen: Ja, klar ist das Bild von außen betrachtet schwierig und oft problematisch. Aber es braucht in einem so großen Gebilde wie der Kirche gewisse Strukturen. Außerdem arbeiten dort letzten Endes auch nur Menschen. Und wir Menschen sind auch fehlerbehaftet. Problematisch ist es dann, wenn manche nicht zugestehen, dass sie Fehler machen.

ONETZ: Wie haben Familie und Freunde auf Ihren Berufswunsch reagiert?

Lucas Lobmeier: Die ersten Reaktionen waren: „Jetzt ist er total übergeschnappt.“ Meine Mutter war anfangs entsetzt. Aber mittlerweile muss ich sie in ihrer Euphorie ein wenig bremsen. In meinem Freundeskreis haben die meisten eh gesagt: „Das war doch klar, dass du mal Pfarrer wirst.“

ONETZ: Sie dürfen als Priester keine Familie gründen. Haben Sie Angst vor der Einsamkeit – vor allem im Alter?

Lucas Lobmeier: Einsam ist nur derjenige, der es entweder sein will oder nichts dagegen tut. Ich habe viele Priester erlebt, die in Hausgemeinschaften leben. Auch gibt es die Möglichkeit, dass man sich mit anderen Priestern zusammenschließt zu regelmäßigen Treffen. Da kenne ich eine Gemeinschaft, bei der ich weiß, dort bin ich jederzeit willkommen. Ich denke, so lange man selbst auf sich schaut, guten Kontakt zu Mitbrüdern hat und auch zu Menschen, die nicht unbedingt der eigenen Gemeinde angehören, besteht keine Gefahr, denke ich. Es ist wichtig, dass man in der eigenen Gemeinde nicht zu enge Freundschaften knüpft. Man hat immer einen Gewinn, wenn Leute von außen einen reflektieren.

ONETZ: Woran liegt es, dass sich viele junge Menschen von der Kirche abwenden?

Lucas Lobmeier: Ein Punkt, den ich in meiner Tätigkeit mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen oder im Schulunterricht mitbekommen habe, ist, dass die Verbindung zwischen dem, was die Kirche verkündet, an Inhalten zu bieten hat, oft für die Jugendlichen nicht mehr relevant ist, nicht mehr ihre Lebensbereiche trifft.
Es gibt aber Gott sei Dank schon viele gute Ansätze, das zu ändern, und auch junge Aufbrüche in der Kirche, die Hoffnung machen. Ich war zum Beispiel 2015 in Krakau beim Weltjugendtag dabei. Da mit über eine Million Jugendlichen aus der ganzen Welt eine Woche zu verbringen, gibt einem wieder ein bisschen den Schub, das dann auch daheim in der Gemeinde im Kleinen zu probieren.
Ich denke, die jungen Leute, merken schon auch, dass es nicht alles sein kann, dass sie nur nach diesem gesellschaftlichen Lebensplan – Schule, Ausbildung, Arbeiten – ihr Leben fristen. Und da müssen wir ihnen zeigen: Wir hätten da noch mehr. Hast du dich das mal gefragt?

ONETZ: Was muss sich ihrer Meinung nach noch ändern?

Lucas Lobmeier: Der Kommunikationsstil. In vielen Teilen der Kirche ist die Sprache sehr eigen, sehr intern, und wird oft nicht verstanden. Das habe ich auch schon oft erlebt – bei Predigten zum Beispiel wird dann oft von den Leuten gefragt: Was meint der damit eigentlich?
Kommunikation ist, glaube ich, heute ein entscheidender Faktor. Vor allem, weil ich merke, dass die Kommunikationsfähigkeit bei vielen jungen Menschen ärmer wird. Es ist schwierig, sich tief über ein Thema zu unterhalten, weil ihnen die Worte dazu fehlen.

ONETZ: Wenn es um Veränderungen in der Kirche geht, ist meist auch der Zölibat ein Thema ...

Lucas Lobmeier: Die Grundlage sollte eigentlich sein, zu fragen, warum es den Zölibat gibt. Da kommt von vielen die Ansage: Das ist die historische Entwicklung, damit die Kirche ihre Güter nicht verliert. Das ist heute aber nicht mehr so gegeben. Der Zölibat hat sich zu einer geistigen Lebenshaltung entwickelt. Dass man diesen Berufung als Priester nicht nur als Job macht, sondern das eine Entscheidung ist, die das ganze Leben in Angriff nimmt. Der Zölibat eine der tragenden Säulen im Leben eines Priesters, aus der er viel Kraft schöpfen kann, bei der er sich aber auch immer wieder selbst prüfen muss, damit das nicht zu einer Sache wird, die er irgendwann zur Seite schiebt und auch in Probleme geraten kann.

ONETZ: Und was sagen Sie zur Bewegung Maria 2.0?

Lucas Lobmeier: Ich denke, es ist gut, dass man diese Diskussion am Laufen hält – diese Forderung der Gruppe von Frauen. Fraglich für mich ist die Art und Weise, wie der Protest geführt wurde. Aber natürlich braucht man in der heutigen Zeit radikale Zeichen, weil man sonst nicht gehört wird. Ich denke, es ist nötig, viel mehr aufeinander zuzugehen, sich auf Augenhöhe miteinander auseinanderzusetzen. Das ist auch noch eine Baustelle, dass man bei uns in der Kirche – egal auf welchen Ebenen – mehr auf Augenhöhe miteinander kommunizieren muss, um gemeinsam Lösungen und Antworten zu suchen.

ONETZ: Was wollen Sie selbst in Zukunft unternehmen, damit die Kirche für die Menschen wieder attraktiver wird?

Lucas Lobmeier: Ich möchte versuchen, dort, wo ich im September meine erste Kaplan-Stelle antreten werde, den Menschen zu begegnen. Ich möchte Hilfe und Unterstützung sein, wenn sie in schwierigen Situationen sind. Mein Ziel ist es, den Menschen ein anderes Gesicht der Kirche zu zeigen. Ihnen eine andere Erfahrungsmöglichkeit bieten. Einfach bei gesellschaftlichen und politischen Veranstaltungen präsent sein und den Menschen auf Augenhöhe begegnen.

Lucas Lobmeier:

Lucas Lobmeier ist 30 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Tegernheim im Landkreis Regensburg. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Facharbeiter für Oberflächenbeschichtungstechnik.

Nach Abschluss der Lehre holte Lobmeier im Spätberufenen-Seminar St. Josef in Fockenfeld auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach. Es folgten das Theologie-Studium in Regensburg und Innsbruck sowie der Eintritt ins Priesterseminar. Von September bis April 2019 absolvierte Lobmeier ein Praktikum in St. Josef Weiden, wo er am 14. Juli auch seine Nachprimiz feiern wird.

Nach der Priesterweihe am 29. Juni erfährt Lobmeier, in welcher Gemeinde im Bistum Regensburg er seine Kaplanstelle antreten wird. Nach drei Jahren besteht dann die Möglichkeit zur Anmeldung zur zweiten Dienstprüfung. Diese ist Voraussetzung, um eine Stelle als Pfarrer antreten zu können.

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