Interview mit Zeitzeuge Gerhard Ascherl: Erinnerung, als ob es gestern war

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Rigorose Ausgangssperren herrschten bei Kriegsende in Weiden vor 75 Jahren. "Wer zuwider handelt, wird erschossen." Zeitzeuge Gerhard Ascherl erzählt Oberpfalz-Medien von seinen Erinnerungen.

Das Bild zeigt das Kriegsende in Weiden in der Oberpfalz, als die Amerikaner einmarschiert sind.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Die "Festung Weiden" (Wehrmachtsbericht) liegt vor ziemlich genau 75 Jahren unter heftigem Artilleriefeuer. Als 13-jähriger Bub erlebt Dipl.-Ing. Gerhard Ascherl die dramatischen Geschehnisse. Der heute 88-Jährige hielt seine Erlebnisse vom 21. bis 23. April 1945 dokumentarisch auf vier eng beschrieben DIN-A4-Seiten fest. Er ist einer der noch wenigen lebenden Zeitzeugen, die sich erinnern: Als wäre es gestern gewesen.

Kriegsende in der Oberpfalz im April 1945: Ausgangssperren nach dem Untergang

Weiden in der Oberpfalz

Familie flüchtet in den Keller

"Es ist Samstag, 21. April, und wir sitzen am Abend im Esszimmer am Erker gemütlich zusammen, als wir bei der Sparkasse eine Explosion hören." Es war der Beginn des die ganze Nacht andauernden Artilleriefeuers. Die Familie - "Mutti, wir drei Kinder und Onkel Josef" - flüchtet in den Keller. Der Vater ist als Chef der Technischen Nothilfe (TN) in der städtischen "Kommando-Zentrale" im Keller der Max-Reger-Schule. Die kleine Familie muss in den Keller der Großeltern über die Bahnhofstraße wechseln: "Bar jeglicher Kriegserfahrung, verließen wir das Haus nicht in einer Salven-Lücke, sondern während des Einschlags mehrerer Granaten: Vor der Kronen-Apotheke fiel etwa zehn Meter vor mir ein rotglühender Granatsplitter auf die Straße. Es herrschte ein höllischer Lärm."

Zeitzeuge Dipl.-Ing. Gerhard Ascherl in jungen Jahren.

Tod über Waidhaus

Reinhardsrieth bei Waidhaus

Im Keller bei den Großeltern "saß Großmutti in einer Ecke und betete". Noch immer gab es Unverbesserliche. In seiner "prachtvollen braunen Parteiuniform" fragte Herr T. (Träger des goldenen Parteiabzeichens): "Warum wartet der Führer so lange mit dem Einsatz der Geheimwaffe?" Ein anwesender Flüchtling herrschte ihn an: "Wenn Sie mit dem Blödsinn nicht gleich aufhören, werfe ich Sie aus dem Keller." Herr T. empört: "Das werde ich melden." Und draußen krachten die Granaten der Amerikaner ...

Pianist Herbert Schuch: Lebendige Erinnerung an die Amberger Zeit

Amberg

Motorenlärm und Kettengerassel

Gegen 6 Uhr morgens sind Motorenlärm und Kettengerassel zu hören. Gerhard Ascherl schreibt: "Unsere Hausgehilfin B. blickt aus dem Schlüsselloch der Haustüre. Hysterisch schrie sie: Russen sind da! Sie wusste nicht, dass bei den Amerikanern die Sterne auf den Fahrzeugen weiß, und nicht rot sind."

"Eine gewaltige Militärmacht parkte auf der Straße, unzählige Panzer und Militärfahrzeuge mit Geschützen und Jeeps. Lässig saßen die Soldaten auf ihren Fahrzeugen und machten Pause: Große Männer in braunen Uniformen, andersartigen Stahlhelmen und hoch geschnürten, Gummi-besohlten Stiefeln. Von uns nahmen sie keine Notiz. Die Stimmung war ruhig und friedlich und in keiner Weise beängstigend. Dass wir in diesen Minuten eine historische Zeitenwende erlebten, war uns nicht so richtig bewusst. Das Dritte Reich war für uns nun Geschichte."

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"In unserer Wohnung in der Frauenrichter Straße war alles in Ordnung und unzerstört. Kein Krieg, kein Fliegeralarm. Aber auch kein Wasser, kein Strom, kein Telefon, kein Kochgas. Vati war heimgekommen. Nach seiner Erzählung war er in der Max-Reger-Straße (damals Adolf-Hitler-Straße) vor den US-Panzern - laut rufend - ,weiße Fahnen raus' hergegangen. (...) Bei der Seltmannstraße war von der Bahnunterführung ein Eisenbahnwaggon auf die Straße gekippt: als Panzersperre. "Vati war während der Nacht, als die Stadt unter Artilleriefeuer lag, in der Kommando-Zentrale in der Max-Reger-Schule. Dort hielten zwei SS-Offiziere die anderen Anwesenden in Schach, welche für eine Übergabe der Stadt waren. Aber es war unmöglich, dies zu sagen. Darauf stand die Todesstrafe wegen ,Feigheit vor dem Feind'. Es haben auch zwei Stadtpfarrer vorsichtig vorgesprochen wegen Beendigung der sinnlosen Zerstörung der Stadt. Die Pfarrer wurden mit Androhung der Erschießung abgewiesen. Gegen Mitternacht durfte der Beobachter den Turm des Josefskirche verlassen. Aus Angst wäre er beinahe gestorben. Die Stadt brannte an vielen Stellen." (...)

Lautsprecherwagen durch Straßen

"Am zweiten Tag nach der Besetzung fährt ein Lautsprecherwagen durch die Straßen und verkündet Ausgangssperre. Die Häuser dürfen nur für eine Stunde am Spätnachmittag verlassen werden. "Wer zuwider handelt, wird erschossen!" Alle Lautsprecher-Ansagen enden mit der Erschießungsandrohung. Es wurde niemand erschossen. Bei Ausgang ist die Tante gleich los gerannt, um in der Seufzerallee (heute Hochstraße) Taubnessel für Gemüse zu sammeln. Die Ausgangssperre wurde bald gelockert. Es gab keine deutsche Verwaltung, keine Polizei, Zeitung oder Radio."

Interview mit Gerhard Ascherl

Zeitzeuge Gerhard Ascherl erzählt in einem Interview, was er aus seinen Erfahrungen über den Zweiten Weltkrieg für sein Leben mitgenommen hat.

ONETZ: Welchen Rat geben Sie den Menschen heute, die über Bewegungseinschränkungen und Auflagen durch die Corona-Krise klagen?

Gerhard Ascherl: Die Krisen mit Bewegungseinschränkung von damals und heute sind nicht vergleichbar. Heute hat die Verordnung der Bewegungseinschränkung biologische Ursachen und verläuft gut organisiert in einem geregelten Staatssystem ab. Damals war die Bewegungseinschränkung erforderlich, um das staatliche Vakuum zu beherrschen. Das Dritte Reich war untergegangen. Die amerikanische Besatzungsmacht war unvorbereitet. Die einzige Staatsmacht war die MP (Military Police). Um Chaos zu vermeiden, wurde anfänglich als Notmaßnahmen die Ausgangssperre eingeführt. Diese wurde dann schrittweise gelockert.

ONETZ: Wir leben heute in einem noch nie dagewesenen Wohlstand. Sprechen wir deshalb manchmal von „Problemchen“ im Vergleich zu den wirklichen Problemen vor 75 Jahren?

Gerhard Ascherl: Es sind heute wirklich nur „Problemchen“. Ab Mai 1945 gab es keinen Staat. Heute gibt es einen ordentlichen Staat mit funktionierender Verwaltung. Sicherlich erscheinen die Einschränkungen – aus dem heutigen hohen Lebensstandard heraus betrachtet – spürbarer als 1945. Damals konnte kein Tourismus, kein Luftverkehr etc. zusammenbrechen, weil es das vor 75 Jahren alles nicht gab.

ONETZ: Sie erlebten die damaligen Geschehnisse als 13-jähriger Bub. Welche Erkenntnisse daraus nahmen Sie für Ihr Leben mit?

Gerhard Ascherl: Wir waren damals sehr aufgeweckte Kinder. Ich erlebte eine fröhliche und schöne Kindheit, die aber vollständig vom Dritten Reich geprägt war.Das damalige Schweigen unserer Eltern war für mich Normalität. Es wurde von meinen Eltern vor den Kindern nie Negatives über das Dritte Reich gesprochen – aber auch nichts Positives. Denn Gequatsche von Kindern konnte lebensgefährlich sein. Obwohl die Eltern uns Kindern gegenüber schweigsam waren, haben wir genau begriffen, was los ist und ohne viel zu reden, wussten die Eltern, dass sie sich auf uns verlassen konnten. Deshalb hat mich mein Vater etwa ab 1944/45 den schweizerischen „Feindsender“ Beromünster mithören lassen. Dort erfuhr man, was an den Kriegsschauplätzen und nach den Bombardierungen deutscher Städte wirklich los ist.
Das Hören ausländischer Sender war verboten und bei Entdeckung erfolgte sofortige Verhaftung. Mein späteres Leben hat dieses Verhalten und Schweigen nicht betroffen. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches musste die junge Generation erst lernen, was Demokratie und Freiheit eigentlich bedeuten. Meine Erkenntnis daraus: Radikalen politischen Tendenzen und Entwicklungen frühzeitig und energisch entgegentreten.

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