Schleuser-Prozess in Weiden: Zeugen erzählen von der Flucht

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Sie ließen ihr Zuhause und ihre Familien zurück, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Im Prozess gegen zwei mutmaßliche Schleuser erzählen Zeugen von der Flucht – doch die Angst vor den Angeklagten ist groß.

Zwei Männer sollen etliche Menschen illegal nach Deutschland geschleust haben, nun wird ihnen am Landgericht Weiden der Prozess gemacht.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

19 Stunden Fahrt ohne Pause, eingepfercht unter Baumaschinen auf einem Lkw: Die Geschichten der Zeugen, die am zweiten Prozesstag am Landgericht Weiden gegen die mutmaßlichen Schleuser Ayaz G. und Rayan S., aussagen, bewegen. Die Angst, gegen die beiden Männer auszusagen, steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Bürokratie zum Start

Anfang März war der Prozess holprig gestartet: Ayaz G. (31) und Rayan S. (40) wird von Staatsanwalt Marco Heß bandenmäßiges Schleusen von Menschen vorgeworfen. Besonders Rayan S. gilt dabei als "Kopf der Organisation", der durch die Schleusungen in den Jahren 2017/2018 rund 300.000 Euro eingenommen haben soll. Doch zunächst zögerten Rechtsgespräche und Anträge den Prozess hinaus. Es kam zur Unterbrechung – am Dienstag ging es schließlich weiter.

So lief der erste Prozesstag gegen die mutmaßlichen Schleuser

Weiden in der Oberpfalz

Mit Bürokratie startet auch der zweite Verhandlungstag: Rayan S.' Anwältin Jessica Friedrich hatte im Vorfeld Anträge gestellt. Unter anderem sprach sie ihre Besorgnis wegen Befangenheit gegen den Vorsitzenden Richter und Landgerichtspräsidenten Gerhard Heindl aus. Heindl habe bereits bei Vorentscheidungen mitgewirkt, in denen es auch um Rayan S. ging. Dort sei der Angeklagte als "Kopf der Bande" bezeichnet worden. Doch der Antrag wurde abgelehnt. Eine Befangenheit wurde in der Äußerung nicht gesehen.

Flucht durch Europa

Danach kann der Prozess endlich so richtig beginnen, mehrere Geschleuste sind als Zeugen geladen. Vom Irak in die Türkei über Serbien, Rumänien nach Deutschland – sie alle berichten von ihrer Odyssee nach Europa. Ein Übersetzer hilft ihnen dabei ihre Geschichten zu erzählen. Zwischen 5000 Euro und 8500 Dollar haben die jungen Männer für ihre Schleusung bezahlt. Das Geld floss dabei über das sogenannte Hawala-Finanzsystem.

Die Geschleusten oder Familienangehörige brachten das Geld in Hawala-Büros im Irak oder in der Türkei. Mit Ankunft im Zielland oder je nach Schleusungsfortschritt wurden die Gelder über das Hawala-System in den europäischen Hawala-Büros freigegeben. Doch die Reise war lang. Ein Geschleuster meint: "Ich zähle hier schnell die Stationen auf, aber ich war insgesamt fünf oder sechs Monate unterwegs." Denn immer wieder gelangen die jungen Männer an Grenzen, an denen es für sie kein Durchkommen zu geben scheint.

Angst vor Angeklagten

"Wir haben es bestimmt 30 Mal versucht von Serbien nach Rumänien zu kommen", erzählt ein Geschleuster. Hilfe hätten sie bei der Flucht von vielen Personen bekommen, etliche Namen fallen. Mehr und weniger bekannte, darunter auch "Scheich Merwan", der bereits in Weiden für seine Mitarbeit bei der Schleuserorganisation verurteilt wurde und später im Prozess als Zeuge aussagen soll.

"Scheich Merwan" wird in Weiden verurteilt

Weiden in der Oberpfalz

Als die Zeugen aber die Beteiligung von Ayaz G. bestätigen oder ihn wiedererkennen sollen, streikt bei vielen die Erinnerung. Ein junger Mann wird im Zeugenstand immer blasser als er davon erzählen soll. Kurz darauf kippt er fast vom Stuhl, eine Pause ist nötig. Ob er Angst vor Ayaz G. habe, fragt Richter Heindl. Der Zeuge bejaht: "Ich habe Angst, er könnte mir etwas antun, denn er hat keine Angst vor dem Gesetz."

Toilettengang auf der Ladefläche

Während über Rayan S. bis zum Mittag kaum ein Wort fällt, erinnern sich die Zeugen auf Nachfrage von Richter Heindl immerhin zum Teil an Gespräche mit Ayaz G. oder erkennen ihn auf Fotos in den Akten wieder. Festzustehen scheint: Ayaz G. war in die Schleusungen involviert. Welche Funktion oder Position der Iraker dabei eingenommen hat, bleibt aber weiter offen.

Identisch sind die Erzählungen der Zeugen, was die Flucht von Rumänien nach Deutschland angeht. Diese Etappe soll laut Anklage Rayan S. organisiert haben. In einem Wald mussten sie gemeinsam mit rund 20 anderen Personen in einen Lkw steigen. Vorne unter der Ladung von Baumaschinen verharrten sie rund 19 Stunden Fahrt nach Deutschland. Der Toilettengang war nur auf der Ladefläche möglich, aussteigen war verboten genauso wie sprechen. Für Rayan S. und Ayaz G. könnte eine Verurteilung mehrere Jahre Gefängnis bedeuten. Der Prozess wird am 29. März mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt.

Ayaz. G wird in Griechenland verhaftet und nach Deutschland überstellt

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Was bisher geschah

  • 13.März 2019: Rayan S. wird in London festgenommen. Auch Bundespolizisten aus Bärnau und ein Oberstaatsanwalt aus Weiden sind vor Ort.
  • 28. November 2019: Festnahme von Ayaz G. auf Basis eines Haftbefehls des Amtsgerichts Weiden in Thessaloniki (Griechenland).
  • Mai 2020: Rayan S. wird aus Großbritannien nach Deutschland überstellt.
  • 3. Dezember 2020: Ayaz G. wird aus Griechenland ausgeliefert.
  • 4. März 2021: Der Prozess gegen Rayan S. am Landgericht Weiden beginnt.

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