Zuflucht in der Prager Botschaft

Nässe, Kälte, Schlamm und eine depressive Stimmung machen sich Ende September 1989 in der deutschen Botschaft in Prag breit. Die mehr als 4000 DDR-Bürger wollen nicht zurück, sie können aber auch nicht raus, bis das Erhoffte geschieht.

von Alexander Pausch Kontakt Profil

Als die Worte des damaligen Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher im Jubel der Menschen im Garten der deutschen Botschaft in Prag untergehen, steht Werner Hans Lauk mit ihm auf dem Balkon des Palais Lobkowicz. "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ..." sagt Genscher. Die drei Worte "... möglich geworden ist" hört keiner mehr. Der Satz vom 30. September 1989 - das lässt sich heute, dreißig Jahre später - sagen, hat das Ende der DDR eingeläutet.

Der erlösenden Botschaft waren dramatische Tage und Wochen in den damaligen Hauptstädten Bonn und Ost-Berlin sowie in New York vorausgegangen. Der Bundesaußenminister, wegen eines Herzinfarktes geschwächt, hatte am Rande der Vollversammlung der Vereinten Nation mit Unterstützung seines sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse nach einem Kompromiss gesucht, der den DDR-Bürgern in der Prager Botschaft die Ausreise in die Bundesrepublik ermöglicht. Auch die USA, Großbritannien und Frankreich waren an Genschers Seite. Am Ende gibt Ost-Berlin grünes Licht. Die Bedingung: Die Züge müssen über das Gebiet der DDR rollen - am 1. Oktober 1989 fährt der erste Sonderzug ab. Weitere werden folgen.

Video der Rede Hans-Dietrich Genschers

"Paris der Oberpfalz"

Begonnen hat das Drama in der deutsche Botschaft schon Wochen zuvor. Davon erzählt Lauk bei einem Abend des "Rotary Clubs Stiftland" auf Burg Falkenberg (Kreis Tirschenreuth). Der ehemalige Botschafter war im Jahr 1989 Leiter der Wirtschaftsabteilung in der deutschen Vertretung in der tschechoslowakischen Hauptstadt. Die Oberpfalz kennt der Diplomat von Wanderungen als Student - und Weiden ist ihm wie vielen, die zu dieser Zeit an Botschaften in Prag arbeiteten, als das "Paris der Oberpfalz" bekannt. Botschaftsmitarbeiter fahren nach Weiden, um zu kaufen, was es in den Läden der Tschechoslowakei nicht gibt.

Schon im Juni kommen die ersten Flüchtlinge in die Vertretung in Prag. Aus bundesrepublikanischer Sicht galt auch für die DDR-Bürger das Grundgesetz. Sie hatten daher einen Rechtsanspruch auf einen bundesdeutschen Pass. Andererseits hätte dieser DDR-Flüchtlingen in den Ostblock-Staaten nichts geholfen. Es fehlten das Visum für die jeweiligen Länder und damit die Aufenthaltsberechtigung. In früheren Fällen von Botschaftsflüchtlingen hatte sich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR ein eingespieltes Verfahren entwickelt. Die Menschen kehrten in die DDR zurück und konnten im Regelfall nach einer mehrwöchigen Wartezeit ausreisen. Letzten Endes kauft die Bundesrepublik sie frei.

Im August 1989 suchen wieder DDR-Bürger in der Prager Botschaft Zuflucht. Nach und nach werden es mehr. Mitte des Monats sind es rund 150 Menschen - Männer, Frauen und Kinder. Und sie machen deutlich: "Wir wollen nicht zurück." Die Menschen müssen untergebracht und versorgt werden. Brot, Butter und Milch gibt es in Prag. Dennoch müssen die Mitarbeiter der Botschaft zum Einkaufen nach Furth im Wald und Weiden fahren.

Betten der Bundeswehr

In den folgenden Wochen werden 20-Mann-Zelte und mehr als 3000 Stockbetten aus den Bundeswehrstandorten entlang der Grenze nach Prag gebracht und im Garten der deutschen Botschaft aufgestellt. Im Palais Lobkowicz ist längst kein Platz mehr für alle Flüchtlinge. Obwohl die Botschaft seit 23. August geschlossen ist, sind es Anfang September bereits gut 500 Menschen. Frauen und Kinder schlafen im Gebäude, die Männer in den Zelten.

Viel Material, etwa Schlafsäcke, Decken und Parkas, kommt von der inzwischen aufgelösten Panzerbrigade 10 in Weiden. Gibt es am Anfang zum Essen noch EPAs, die Ein-Mann-Tagesrationen von Bundeswehr, betreibt später das Rote Kreuz Feldküchen. Zudem gibt es ein Schul-Zelt, organisiert von der Frau des damaligen Botschafters Werner Huber, damit die Kinder beschäftigt sind. Im September nutzt der damalige bayerische Wirtschaftsminister Gustl Lang seinen Besuch in Prag, um Nachschub in die Botschaft zu bringen. Sein Dienst-Mercedes ist randvoll gepackt mit Hilfsgütern.

Zwischenzeitlich kommt auch der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel zusammen mit seinem Anwaltskollegen Gregor Gysi in die Botschaft. Ihr Angebot an die Flüchtlinge, die Ausreisewünsche würden wohlwollend geprüft, sollten sie in die DDR zurückzukehren, nehmen allenfalls vier Dutzend DDR-Bürger an. Zu groß das Misstrauen, zu groß die Sorge vor Ausgrenzung bis zur Ausreise in die Bundesrepublik.

Längst wächst in der Botschaft die Sorge vor Krankheiten oder Seuchen, zudem drohen Reibereien zwischen den durch die Enge gereizten Menschen. Bis Ende September drängen immer mehr Menschen auf das Gelände. Sie werfen ihre Koffer und Taschen über den Zaun, heben ihre Kinder hinüber und klettern selbst hinterher. Dies ist möglich, weil das tschechoslowakische Regime sowohl die DDR-Flüchtlinge als auch die deutsche Botschaft gewähren lässt.

Regen und Kälte

Die herbstliche Kälte und der Regen setzt den Menschen in der Botschaft zu. Als Genscher die erlösende Nachricht bringt, sind es mehr als 4000 DDR-Flüchtlinge. Genau weiß es niemand. Es war nicht möglich, alle zu registrieren. Sie werden am 1. Oktober mit Zügen in den Westen gebracht. Am 3. Oktober befinden sich erneut mehr als 5000 Menschen auf dem Gelände - gut 2000 warten davor. Auch sie dürfen ausreisen. Als wenige Tage später, am 7. Oktober 1989, die DDR den 40. Jahrestag ihrer Gründung feiert - ist klar: Die DDR ist ein Staat, dem die Menschen weglaufen und der keine Zukunft hat.

Information zur Feier der deutschen Botschaft in Prag

Hintergrund:

Sonderzug nach Westen

Mit einer Zugfahrt am 28. September von Prag nach Hof wollen tschechische Parlamentarier an den Fall des „Eisernen Vorhangs“ vor 30 Jahren erinnern. Nach einem Festakt auf dem Hauptbahnhof in der tschechischen Hauptstadt soll der historische Sonderzug mit Original-Lokomotive und Ehrengästen nach Oberfranken rollen. In Hof soll der Zug einen Festakt des Bayerischen Landtags bereichern, teilte der Landtagsabgeordnete Tobias Gotthardt (Freie Wähler) mit. Auch die deutsche Botschaft in Prag feiert im Herbst das 30-jährige Jubiläum, mit einem „Fest der Freiheit“ im Garten des Palais Lobkowicz. Am Nachmittag des 28. September 2019 will die Botschaft erneut ihre Türen öffnen.

„Ehemalige DDR-Flüchtlinge, aber auch aktive Unterstützer oder ,stille Helfer‘ – ob aus Ost oder West, Deutschland oder Tschechien – und alle Interessierten sind hierbei herzlich willkommen“, schreibt die Botschaft auf ihrer Webseite. Dazu will die Botschaft Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Sie will „mehr wissen über die ganz individuellen Geschichten um das Ereignis ,1989 an der Prager Botschaft‘“.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.