08.06.2020 - 18:19 Uhr
WeiherhammerDeutschland & Welt

Lehren aus Corona: BHS will nicht zurück "in den Zustand vor der Krise"

Nichts mehr wird sein, wie es war: Einschneidende Konsequenzen aus der Corona-Pandemie zieht einer der größten Arbeitgeber der Region, die BHS Corrugated. "Wir wollen keinesfalls zurück in den Zustand vor der Krise."

Das Firmengebäude der BHS in Weiherhammer
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Mit einem Exportanteil von mehr als 90 Prozent steht die BHS Corrugated als Weltmarktführer für Wellpappenanlagen stellvertretend für die vielen international tätigen Oberpfälzer Betriebe. Oberpfalz-Medien führte ein Interview mit dem Sprecher der Geschäftsführung, Christian Engel, und seinem Bruder Lars Engel, der sich insbesondere um die strategische Kundenentwicklung kümmert.

Auch wenn der Fertigungsstandort der BHS in Shanghai rund 3000 Kilometer vom chinesischen Corona-Epizentrum Wuhan entfernt liegt: Alarmiert verfolgten die Oberpfälzer bereits Anfang Januar die dramatischen Geschehnisse, und waren deshalb für den Shutdown ab Mitte März gut gerüstet. Von den 1000 Mitarbeitern am Hauptsitz in Weiherhammer waren für 10 Wochen rund 700 Mitarbeiter im Homeoffice - von der Verwaltung über die zahlreichen Ingenieure bis hin zu den Fertigungssteuern. Neben der Vorsorge mit zehntausenden Mundschutzmasken und ausreichend Desinfektionsmitteln gelten bis heute strenge Abstandsregeln und penible Hygiene-Gebote für alle Standorte, besonders für das Fachpersonal an den Maschinen vor Ort. Christian Engel: "Unter den 2500 Beschäftigten kam es bei uns weltweit nur zu fünf Infektionsfällen. Diese Patienten sind alle wieder genesen."

Lieferkette nicht unterbrochen

"Unsere internationalen Lieferketten waren kein einziges Mal unterbrochen", betont Lars Engel. Das heißt was. Denn der Flugverkehr ruhte größtenteils, es herrschten allerorten Einreiseverbote. Die BHS Corrugated spielte den Vorteil ihrer "belastbaren" Internationalisierung mit Fertigungsstandorten in Tschechien (Tachau), USA (Tennessee), China, Italien (Mailand) und Brasilien aus. Christian Engel: "Wir übernahmen von Weiherhammer aus die volle Kontrolle von der Fertigung über die Montage bis zur Inbetriebnahme. Wir hatten schon vorher diese digitalen Optionen, haben uns aber nicht getraut, sie anzuwenden ..."

Statt aufwendiger und zeitraubender Geschäftsreisen waren nun Videokonferenzen an der Tagesordnung. "Wir können bei Bedarf unsere technischen Spezialisten hinzu ziehen. Die Videokonferenzen verlaufen sachlicher, konkreter, zielgerichteter und qualitätsvoller als viele persönliche Besprechungen", sagt Lars Engel.

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Daneben konferierte täglich eine Stunde lang ein elfköpfiger "Krisenstab" der BHS Corrugated. Christian Engel spricht von einer "neuen Qualität der Kommunikation": "Der gegenseitige Respekt steigerte sich nochmals, es entwickelten sich geradezu feinstoffliche Beziehungen." Neben der täglichen Botschaft über Mail an alle Mitarbeiter wandten sich die Engel-Brüder alle zwei Wochen in einem Video-Dreh an die Belegschaft. Christian Engel: "Wir haben mit mehr Aufwand dasselbe geleistet, jeder auf seine Art." Die Gebrüder Engel interpretieren die Krise als nachhaltige Chance: Der bereits hoch digitalisierte Communication-Floor im futuristischen Bürogebäude wird nochmals nachgerüstet; internationale Videokonferenzen werden mindestens die Hälfte der bisherigen Geschäftsreisen ersetzen; anstelle von manchmal unproduktiven Meetings wird die flexible Videokonferenz die Regel; Schulungen erfolgen nur noch in "virtuellen Klassenzimmern" ohne physische Präsenz.

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Die wohl massivste Änderung bringt die "mobile Arbeit". Wer nicht direkt an den Maschinen Verantwortung trägt, kann bei der BHS Corrugated seine Arbeit zur Hälfte vom Homeoffice aus erledigen. Christian Engel: "Unser Vertrauen in die Mitarbeiter wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil."

2020 prognostiziert Christian Engel für die BHS Corrugated mit zuletzt mehr als 600 Millionen Euro Umsatz ein schwieriges Jahr: "Bereits Mitte 2019 zeichneten sich weltweit rezessive Tendenzen ab. Dann kam Corona obendrauf. Wir mussten an manchen Standorten Kurzarbeit einführen. Aber die BHS wird auch in diesem Jahr keine Verluste schreiben."

Positives Beispiel

Einzig allein in China verzeichnet das Oberpfälzer Unternehmen Wachstumsprojekte seit Beendigung des Shutdowns und wieder Bedarf an Anlagen für den zukünftigen wirtschaftlichen Aufschwung. Lars Engel: "Ansonsten wagen sich die internationalen Kunden nur an Rationalisierungsprojekte." China sei ein positives Beispiel. Die Engel-Brüder haben so ihre Zweifel, ob Europa und die USA ähnlich entschlossen reagieren werden ...

Jedenfalls sehen Christian und Lars Engel die Coronakrise als "lehrreich für uns alle": "Wir wollen keinesfalls wieder zurück in die Unternehmensstruktur vor dieser Zeit mit häufigem Abteilungs- und Silo-Denken sowie unproduktiven Besprechungen. Es gilt deshalb: Vorwärts in die neue Normalität." Geschäftsreisen mit Flügen, Hotels und Messen seien der große Verlierer der Krise.

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