06.09.2021 - 10:01 Uhr
Altenstadt bei VohenstraußOberpfalz

Alpakas in Altenstadt: Flauschige Herde, heilende Wirkung

Tiere, die Kinder von ihren Verhaltensstörungen befreien, sie beruhigen und lehren, mit anderen umzugehen? Evi Scheinkönig hat in Altenstadt ein ambitioniertes Projekt gestartet. Hauptdarsteller sind fünf Alpakas. Ein Besuch im Gehege.

Evi Scheinkönig unter ihren fünf Lieblingen. Die 39-Jährige bietet in Altenstadt Heilpädagogik mit Alpakas an.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Es brummt, es surrt, Heu raschelt. Der weiße Levander streckt seinen langen Hals, um ein Büschel im Trog zu erwischen, und schmatzt. Es ist die letzte Stärkung vor dem Ausflug. Auch Macau, Tamino, Alvaro und Paco wagen sich aus dem Stall und traben in den überdachten Vorraum im Freien. Futter. Die letzte Schur liegt schon ein paar Monate zurück, das Fell der Alpakas ist dicht und flauschig, die Augen groß. Eine Weisheit unter Alpaka-Freunden lautet: Schau einem Alpaka nie zu tief in die Augen, du könntest dich verlieben. Bei Evi Scheinkönig aus Altenstadt bei Vohenstrauß hat das nicht geklappt. Sie hat sich verliebt.

Die 39-Jährige wohnt ganz im Nordwesten des Vohenstraußer Ortsteils Altenstadt. Mit ihrem Mann Manuel kümmert sie sich um die fünf Alpaka-Männchen und vermarktet ihr kleines Unternehmen als Mavi-Alpakas – eine Wortschöpfung aus den Anfangsbuchstaben des Ehepaars. Hinter dem Haus der beiden erstrecken sich Wiesen und Felder. Kaum Straßen, kaum Autos, nur Feldwege und Trampelpfade. Perfekt für die Füße eines Alpakas.

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Früher Pferde, heute Alpakas

Wie kommen Alpakas in die Oberpfalz? Die Tiere sind eigentlich in den Anden in Südamerika zu Hause und kraxeln durch die Gebirgsregionen Perus. 2018 war die Familie Scheinkönig – mittlerweile zählen dazu vier Buben – auf einem Alpaka-Hof. "Nur zum Anschauen, einfach ein Ausflug", erinnert sich Evi Scheinkönig. Es hat gefunkt. Gerade Ehemann Manuel war von den Tieren angetan. Warum nicht zwei, drei Alpakas in den Garten? Früher gehörten zum Haus Pferde, der Stall war noch da, eine Wiese gab es auch. Die Scheinkönigs brachten einen Wildzaun an und nach ein paar Grundkursen zum Umgang mit Alpakas zogen die ersten Hengste auf dem Hof ein.

Zur selben Zeit nahm Scheinkönig Kurse zum Thema "Tiergestützte Pädagogik". Sie ist ausgebildete Erzieherin und arbeitet im HPZ Irchenrieth. Vieles was sie in den Kursen hört, ist ihr damals neu. Alpakas, die hyperaktiven Kindern helfen, Ruhe ausstrahlen, Behinderte durch ihr Verhalten integrieren? "Das hat mich völlig begeistert, ich kannte das aus meiner Ausbildung zur Heilpädagogin von Hunden oder Pferden, aber nicht von Alpakas." Sie sah die Gelegenheit, ihr neues Hobby mit ihrer Ausbildung zu verbinden. "Ich möchte vor allem den Kindern helfen, die es schwerer haben als andere."

Heilpädagogik in der Elternzeit

Auf der Weide in Altenstadt stehen bunte Hütchen. Es sieht ein bisschen aus wie ein Fußballplatz vor der Dribbling-Übung. Parallel zu den Hütchen reihen sich kleine Hindernisse, jeweils mit einer Querstange, die etwa zehn Zentimeter über dem Boden liegt. Es ist ein Parcours für Alpakas. Es geht aber nicht um eine Zirkusnummer, sondern darum, das Tier zu führen und dabei das eigene Verhalten zu beobachten. Die kleine Gruppe, die heute mit den Tieren wandert, versucht sich am Parcours. Während der Slalom für die Alpakas kaum eine Herausforderung ist, braucht es für den Schritt über die Stange etwas mehr Geduld. Und Einfühlungsvermögen. Ein Grundpfeiler in Scheinkönigs Heilpädagogik.

"Wenn ein Kind ein Alpaka führt und zu schnell ist oder zu stark zieht, gibt das Tier sofort Rückmeldung." Die Kinder könnten so lernen, ihr Verhalten zu reflektieren und zu ändern. Da Scheinkönig derzeit in Elternzeit ist, kann sie sich Zeit für ihre ersten heilpädagogischen Gehversuche mit Tieren nehmen. Das bedeutet: Wenn bei ihr etwa Kindergärten oder Schulklassen zu Gast sind, "dann kristallisiert sich oft ein Kind heraus, das besonderen Förderbedarf hat".

"Du hast mich so ruhig gemacht"

Zusammen mit den Eltern stimmt Scheinkönig dann ein mögliches Programm ab. Sie hatte Kinder mit Down-Syndrom, Hyperaktivitäts-Syndrom oder geringem Selbstbewusstsein zu Gast, aber auch Jugendliche, die an Borderline leiden. Nach dem Kennenlernen geht es zu den Alpakas. Die Kinder dürfen dann – je nach Bedarf und Interesse – die Parcours absolvieren, bei der Arbeit im Stall helfen oder ein Tier führen. "Ein hyperaktives Kind hat während einer Wanderung mal zu einem Alpaka gesagt: 'Du hast mich so ruhig gemacht.'" Das bestärkt Scheinkönig. Aber, das betont sie mehrfach, ihre Arbeit mit den Alpakas soll keinesfalls wie Konkurrenz zu ihrem Arbeitgeber in Irchenrieth wirken. Im Gegenteil, Scheinkönig würde die tiergestützte Pädagogik gerne in ihren Alltag am HPZ integrieren. Noch sei nicht klar, ob und wann das klappt.

Freilich nutzt Scheinkönig auch die Produkte der Tiere, lässt aus der Wolle Garn spinnen oder Seifen mischen. Der Kot der Alpakas dient als Dünger im Garten. Alles im Einklang auf dem Altenstädter Hof? Nicht ganz. Ein großes Problem für Alpaka-Halter, erklärt Scheinkönig, ist das Thema Tierarzt. "Es gibt bei uns in der Region kaum Tierärzte, die sich wirklich mit Alpakas auskennen." In Notfällen wird es daher schwierig. Die beiden fragen meist bei befreundeten Züchtern oder Haltern nach, wenn sie etwas wissen müssen.

Alpaka-Geburten gibt es in Altenstadt ohnehin keine, drei von fünf Männchen sind Wallache, also kastriert. Stuten sollen nicht dazukommen, das könne Unruhe in die Alpaka-Gruppe bringen. Und wenn die Tiere unruhig sind, schmälere das ihre Wirkung auf die Gäste. Im nächsten Frühjahr soll aber ein weiteres Jungtier die Herde erweitern. Sechs Alpakas, dazu Miniaturesel, die sich die Scheinkönigs heuer angeschafft haben: Das reicht. "Ich will bei den Wanderungen allen gerecht werden können und auf jeden eingehen", sagt Evi Scheinkönig. Auf die Kinder – aber natürlich auch auf ihre Tiere.

Echt.Oberpfalz zu Besuch in Kemnath

Kemnath
Mit Halfter und Leine lassen sich die Alpakas führen. Hinter dem Haus der Scheinkönigs gibt es viele Feldwege und Wiesen, die sich für eine Wanderung eignen.
Hintergrund :

Mavi Alpakas in Altenstadt bei Vohenstrauß

  • Evi und Manuel Scheinkönig halten seit 2018 Alpakas, 2020 kamen Miniaturesel dazu.
  • Derzeit zählen fünf Männchen zur Alpakaherde. Im nächsten Frühjahr soll ein weiteres Tier hinzukommen.
  • Das Kleinunternehmen bietet Wanderungen auf mehreren Routen (bis zu 2,5 Stunden), Erlebnis-Tage und tiergestützte Heilpädagogik an.
Info:

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? - Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt.Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und auch vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

 

 

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