06.11.2020 - 09:13 Uhr
AmbergOberpfalz

400 Jahre Schlacht am Weißen Berg: Als Amberg Weltpolitik machte

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Am Sonntag jährt sich ein Datum zum 400. Mal, das für die Oberpfalz und insbesondere Amberg epochale Auswirkungen hatte: Am 8. November 1620 verlor Friedrich V., der Winterkönig, die Schlacht am Weißen Berg.

Johann Tserclaes von Tilly.
von Externer BeitragProfil

Von Dr. Johannes Laschinger

Die berühmte Schlacht am Weißen Berg, tschechisch Bitva na Bílé hoře, unweit von Prag vom 8. November 1620 war die erste große militärische Auseinandersetzung des Dreißigjährigen Kriegs. Dabei standen sich Truppen der protestantischen böhmischen Stände sowie der Pfalz unter ihrem Heerführer Christian von Anhalt denen der katholischen Liga, kaiserlicher und bayerischer Provenienz, unter dem Kommando des Charles de Bucquoy bzw. des Johann Tserclaes von Tilly gegenüber. Das Treffen endete mit einer krachenden Niederlage des pfälzisch-böhmischen Heeres, der Böhmenkönig, der Pfälzer Kurfürst Friedrich V., musste aus Prag fliehen, wurde geächtet und von den Zeitgenossen als "Winterkönig" geschmäht.

In Amberg erinnert das Welttheater am Mariahilfberg an die Geschichte des Kurfürsten

Amberg

Zur Taufe eimerweise Bier

Kurfürst Friedrich V. wurde am 26. August 1596 in Amberg oder im Jagdschloss Deinschwang, der Geburtsort lässt sich leider nicht mit Bestimmtheit feststellen, als Sohn Kurfürst Friedrichs IV. und seiner Gemahlin Luise Juliane von Nassau-Oranien geboren. Gesichert ist dagegen, dass er am 5. September 1596 in Amberg im Rahmen eines großen Festes getauft wurde. Zur Tauffeier galt es, große Mengen an Speisen und Getränken nach Amberg zu bringen. So wurden beispielsweise Wildbret, kandierte Früchte und Wein aus Heidelberg herangeschafft. Um welche Mengen es sich dabei handelte, zeigt der Umstand, dass der Fuhrlohn dafür allein 3676 Gulden betrug. Für weitere 2000 Gulden wurden 1745 Eimer Bier eingekauft, hinzu kamen 67 ungarische Ochsen und 260 Hammel, für die nochmals rund 1800 Gulden aufgewendet werden mussten.

Friedrich verbrachte seine Kinder- und frühen Jugendjahre am calvinistisch geprägten Hof in Sedan. Nach dem frühen Tod des Vaters im Alter von erst 36 Jahren, der immer wieder mit dessen exzessivem Alkoholkonsum in Zusammenhang gebracht wurde, am 19. September 1610, kehrte Friedrich an den Heidelberger Hof zurück. Hier entbrannte ein Streit um die Vormundschaft und Administration der Pfalz, der am 26. August 1614, dem 18. Geburtstag Friedrichs mit seiner Volljährigkeit endete.

Heirat der Königstochter

Das Ansehen Friedrichs erfuhr durch seine Vermählung mit Elizabeth Stuart, der einzigen Tochter des schottischen Königs Jakobs VI. und seit 1603 als Jakob I. englischen und irischen Königs, am 24. Februar 1613, eine enorme Steigerung. In Heidelberg wurde für die neue Kurfürstin nicht nur eine eigene Residenz und das Elisabethentor errichtet, sondern vor allem auch seit 1616 der "Hortus Palatinus", ein prächtiger Hofgarten, angelegt.

1615 brach Friedrich zusammen mit seiner Gemahlin zu einer Huldigungsreise in die Oberpfalz auf. Zu ihrer Ankunft in Amberg am 15.Juni 1615 hatte der Stadtmagistrat in der Regierungsstraße "eine schöne Triumph- und Ehrenpforten" (Johann Kaspar von Wiltmaister) aufrichten lassen. Wie üblich folgte der Huldigung seitens der Stadt die Bestätigung deren Privilegien durch den Kurfürsten. Bis in den August des Jahres 1615 zog das Kurfürstenpaar durch die Städte und Märkte der Oberpfalz und nahm die Huldigung entgegen. Zur Aufwertung der Amberger Hofhaltung ließ Friedrich in Amberg ein Palmen-, ein Ball- und schließlich ein Wagenhaus errichten; in letzterem befindet sich seit 2017 das Amberger Stadtarchiv.

Hofhaltung mit 100 Personen

In Amberg fungierte mit Christian von Anhalt seit 1595 ein regierender Reichsfürst als Statthalter, der vor Ort Hof hielt. An der Spitze des über 100 Personen umfassenden Hofes stand ein Hofmeister, dem ein Küchen- und Stallmeister sowie drei weitere Hofbeamte nachgeordnet waren. Ihnen folgten "räth vnndt cantzley", die Köche der beiden Amberger Küchen - wobei die erste für den Fürsten und seine Familie zuständig war, die zweite als Ritterküche fungierte -, "schenken" und "becken", die als "trometer" bezeichneten Hofmusiker, Knechte, Schmiede, Stalljungen, Kutscher, Lakaien und Wächter.

Christian von Anhalt fungierte aber nicht nur als Statthalter der "heroberen Pfalz", vielmehr bestimmte er die pfälzische Politik von Amberg aus maßgeblich. Sein Einfluss begann bereits unter Kurfürst Friedrich IV., der wenig Interesse an der Politik zeigte, und wuchs unter Johann II. von Pfalz-Zweibrücken, der für den jungen Friedrich V. die vormundschaftliche Regierung führte, weiter. Er "hielt auch unter Friedrich V. das Heft fest in der Hand" (Peter Schmid).

Von Amberg aus bereitete er die Wahl Kurfürst Friedrichs V. zum böhmischen König vor. Damit wurde der Amberger Hof in diesen Jahren zu einem Zentrum der europäischen Diplomatie. Eine besondere Bedeutung kam dabei der "Blauen Stube" im Schloss zu, von der es noch in kurbayerischer Zeit heißt: "alda bei voriger herrschafft alle consilia und geheimer räth wegen des Behemischen noch uf dato continuierenden kriegswesen gehallten worden." Ihren Namen verdankte sie ihrer Ausstattung, so waren die Wände "mit blauem tuch geschlagen", aber auch die Sitzbänke und Polster blau bespannt.

Für Friedrich V. war Amberg wiederholt Ort wichtiger Ereignisse in seinem Leben. Hier erhielt er am 28. August 1619 die Nachricht von seiner am 26./27. August 1619 erfolgten Wahl zum König, nachdem die böhmischen Stände am 19. August 1619 den Habsburger Ferdinand abgesetzt hatten. Am gleichen Tag, als Friedrich die Nachricht von seiner Wahl erhielt, wählten die Kurfürsten ohne sein Beisein den abgesetzten Ferdinand zum Kaiser. Zu Recht bemerkt Peter Schmid: "Amberg wurde auf diese Weise zu einer Schicksalsstation der Pfälzer und der europäischen Geschichte.". Hier traf Friedrich in den letzten Augusttagen die Entscheidung zur Annahme der Krone, die er am 28. September 1619 in Heidelberg bekanntgab.

Die zentrale Frage, natürlich auch im Hinblick auf die Schlacht am Weißen Berg, lautet deshalb: Warum entschied sich Friedrich zur Annahme der Krone? Peter Wolf hat sie einmal etwas differenzierter so formuliert: "Hätte Friedrich denn nicht wissen müssen, dass er sich hiermit überhebt, dass er sich die tödliche Feindschaft des Kaisers und mit ihm des mächtigen Hauses Habsburg zuzieht, zusätzlich auch die Feindschaft seines Vetters, des bayerischen Herzogs Maximilian und damit des Haupts der katholischen Liga? War Friedrich einfach zu jung und unerfahren oder zu eitel, hatte er zu schlechte Berater oder stand er gar gänzlich unter dem Pantoffel seiner Gemahlin, der englischen Königstochter?"

Im Umkreis Friedrichs reichte das Spektrum von Befürwortern zur Annahme der Krone, dazu gehörte allen voran der Amberger Statthalter von Anhalt, über zögernde und abwartende Stimmen, dazu zählten die Heidelberger Räte, bis zu absoluten und teilweise auch warnenden Gegnern des geplanten Unternehmens.

18-stündiger Gewaltritt

Trotz aller warnenden Worte und der offensichtlichen Gefahr, die mit der Annahme der Krone für Friedrich verbunden sein musste, hatte er sich aber trotzdem dazu entschlossen; konfessionelle Überlegungen dürften den Ausschlag gegeben haben. Jedenfalls soll er sich am 12. Oktober 1619, begleitet von nur zwei Läufern, in einem 18-stündigen Gewaltritt von Heidelberg nach Amberg aufgemacht haben, wo Läufer und Pferd tot zusammengebrochen sein sollen. Hier wartete Friedrich auf die Ankunft seiner Gemahlin und des Hofstaats. In allerletzter Minute versuchte der kaiserliche Gesandte Graf Jakob Ludwig von Fürstenberg Friedrich von der Annahme der Krone abzuhalten; aber vergebens. Am 21. Oktober 1619 setzte sich von Amberg aus der Konvoi von insgesamt 569 Personen und 153 Packwagen in Marsch. Am 4. November 1619 zog Friedrich V. in feierlicher Zeremonie zu seiner Krönung in den Veitsdom ein. Doch schon wenig später erschienen die ersten pro-kaiserlichen Flugschriften, die Friedrich V. mit Hinweis auf die absehbaren Mobilisierungen des Habsburgers als "Winterkönig" verhöhnten.

Bayern holt sich die Pfalz

Und sie sollten Recht behalten. Bereits am 8. Oktober 1619 hatten Ferdinand II. und Maximilian im sogenannten "Münchener Vertrag" vereinbart, dass der bayerische Herzog die katholische Liga mit Truppen unterstützen sollte. Im Gegenzug wurde ihm die Erstattung der Kriegskosten sowie die Anwartschaft auf die Pfälzer Kurwürde zugesagt. Dies bedeutete nichts anderes, als die diplomatische Vorbereitung des Feldzugs der Liga gegen die protestantische Ständearmee. Nachdem Maximilian und sein Feldherr Tilly protestantische Aufstände in Oberösterreich niedergeworfen hatte, drangen sie im August 1620 von Süden her in Böhmen ein und vereinigten ihr Heer mit dem des kaiserlichen Generals Bucquoy, so dass das Liga-Heer 28 000 Mann umfasste.

Überfall im Morgennebel

Ein großes Problem für das Liga-Heer bestand darin, dass sich die Feldzug-Saison dem Ende zu neigte, in der Truppe Seuchen grassierten und in dem ausgeplünderten Land keine Winterquartiere zu besorgen waren. Besonders aus bayerischer Sicht befürchtete man, ohne Entscheidung unverrichteter Dinge heimkehren zu müssen und dadurch den Gegner zu stärken. Deshalb drängte man auf ein Vorrücken nach Prag, um den Gegner doch noch zu einer Entscheidungsschlacht zu zwingen.

Im Morgennebel des 8. November 1620 überfielen polnische und wallonische Reiter ein Dorf am Fuß des Weißen Bergs, auf dem am Vortag die böhmisch-pfälzischen Truppen in einer Stärke von 21 000 Mann unter dem Kommando Christians von Anhalt ihr Lager aufgeschlagen hatten. So begann die Schlacht fast unvermittelt. Das Liga-Heer war dabei in der schlechteren Position, galt es für dieses doch bergauf zu kämpfen. Während der kaiserliche General davon abriet, den Angriff zu führen, befürwortete Tilly diesen - trotz der zu erwartenden Verluste - ganz entschieden. In dieser Situation trat ein spanischer Karmelitermönch, Dominicus a Jesu Maria, auf, der ein von calvinischen Bilderstürmern geschändetes Marienbild um den Hals trug. In der Hand hatte er ein Kreuz, als er die Soldaten zum Kampf aufrief, in den sie mit dem Schlachtruf "Santa Maria" zogen.

Als sich die Menge der ligistischen Piken in Bewegung setzten, flohen ganze Söldnerverbände, um ihr Leben zu retten, nur der gleichnamige Sohn Christians von Anhalt hätte beinahe noch das Ruder herumgerissen. Im weiteren Verlauf gab nun der katholische Feldherr Tilly der polnischen Kavallerie den Befehl zum Angriff und konnte so in kurzer Zeit die ungarischen Reiter, die auf böhmischer Seite kämpften, versprengen und in die Moldau treiben, wo viele ertranken. Beim Anrücken der restlichen Truppen des katholischen Heeres verließen immer mehr Soldaten das Schlachtfeld und flohen in Richtung Prag. Die überaus blutige Schlacht war für das protestantische Böhmen verloren.

König Friedrich, der an der Schlacht nicht teilnahm, da er am Vorabend das Lager auf dem Weißen Berg verlassen hatte, traf beim Aufbruch zu seinen Truppen am Stadttor in Prag auf flüchtende Soldaten und seinen Heerführer Christian von Anhalt, der ihn über das gesamte Ausmaß der Niederlage informierte und ihm zur sofortigen Flucht riet.

Die Schlacht am Weißen Berg hatte nicht nur tiefgreifende Auswirkungen auf das persönliche Schicksal Friedrichs V., sondern ebenso auf die Geschicke Ambergs und der Oberpfalz, deren Rückkehr zu Bayern nach fast 300-jähriger Zugehörigkeit zur Kurpfalz damit besiegelt wurde. Darüber hinaus trug sie zur grundlegenden Veränderung der europäischen Staatenwelt des 17. Jahrhunderts bei. Oder wie die Historikerin Cicely Veronica Wegdwood 2002 geschrieben hat: "Wäre es in der Geschichtsschreibung jemals möglich, eine einzige Tat als entscheidend für die folgenden Entwicklungen herauszuheben, dann könnte die Annahme der Krone von Böhmen durch den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz eine solche Tat gewesen sein."

  • Die Erinnerung an Kurfürst Friedrich V. ist in Amberg sehr lebendig - vor allem durch das Amberger Welttheater auf dem Mariahilfberg, das den Aufstieg und Fall des Kurfürsten und böhmischen Königs zum Thema hat.
  • In Amberg erinnert eine überlebensgroße Skulptur an den Herrscher. Sie steht am Klösterl am Eichenforstplatz, direkt am Eingang zum Luftmuseum. Dem Kurfürsten liegt das Wappentier der Pfalz, der Löwe, zu Füßen.
  • Das Kurfürstenbad in Amberg nimmt Bezug auf den Winterkönig, ebenso der Teil des Altstadtrings, der Kurfürstenring heißt.
  • Im ehemaligen Schloss des Kurfürsten residiert heute der Landrat des Landkreises Amberg-Sulzbach. Der Landkreis hat die Immobilie gekauft und Anfang der 1990er Jahre umfassend umgebaut und saniert.

Eindrücke vom Welttheater auf dem Mariahilfberg

Amberg

Zu den Internetseiten des Welttheaters Amberg mit Informationen zur Schlacht am Weißen Berg

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