18.06.2021 - 09:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Als in Amberg noch die gefüllte Taube auf dem Wirtshaustisch landete

Gebackene Leber kann man hier heute noch essen. Die gefüllte Taube, die 1958 beim Schießl serviert wurde, gibt es aber nicht mehr. Dafür liefert eine 63 Jahre alte Speisekarte reichlich Gesprächsstoff am Wirtshaus-Tisch.

Sauerne Bratwürst sind einfach ein Wirtshaus-Klassiker: 1958 wurden sie beim Schießl allerdings noch paarweise serviert, heute bekommt man als Portion zwei Paar.
von Heike Unger Kontakt Profil

Heimatpfleger Josef Schmaußer aus Hohenkemnath hat die Redaktion auf ein bemerkenswertes Stück Amberger Wirtshaus-Geschichte aufmerksam gemacht – eine Speisekarte der Brauerei Schießl vom 12. Mai 1958. Das Original gehört inzwischen zum Bestand des Stadtmuseums. Eine Kopie davon landete jetzt zumindest kurzzeitig wieder auf einem Tisch im Schießl-Wirtshaus in der Unteren Nabburger Straße, wo die Redaktion mit Wirt und Küchenchef Michael Schittko über längst vergangene und immer noch beliebte Wirtshaus-Genüsse plauderte.

Natürlich fällt die "gefüllte Taube mit gemischtem Salat" sofort ins Auge: Sie stand am 12. Mai 1958 ganz oben auf der Speisekarte in der Rubrik "Fertige Speisen" – heute würde man wohl "Hauptgerichte" sagen. Der gebratene Vogel und der "Wiener Rostbraten garniert", waren die teuersten Gerichte, die man an diesem Tag bestellen konnte: Jeweils 2,20 Mark musste man dafür bezahlen. Das günstigste Angebot war die "Einlaufsuppe" für 25 Pfennige, bei den "Fertigen Speisen" waren es "2 Bratwürstl mit Kraut oder sauer" für 60 Pfennige, bei den "Kalten Speisen" (Brotzeiten) der "Schweinspressack (auf der Karte noch mit zwei "s" geschrieben) für 40 Pfennige.

Gefüllte Taube für 2,20 Mark

Abgesehen davon, dass Mark und Pfennig längst durch Euro und Cent abgelöst wurden, tut man sich heute schwer, die Preise von damals richtig einzuordnen. Wie viel waren denn nun 2,20 Mark? Glücklicherweise gibt es Jörg Fischer vom Stadtarchiv und das statistische Jahrbuch Bayern von 1958, in dem unter anderem auch die Löhne und Gehälter jener Zeit festgehalten sind. So verdiente 1958 beispielsweise der Brauer-Facharbeiter 210 Mark, der landwirtschaftliche Hilfsarbeiter 69 bis 77 Mark. Letzterer hätte sich die Taube dann vermutlich eher nicht bestellt. Zumal er, wie Jörg Fischer weiß, zu seinem geringen Lohn immerhin auf dem Hof seines Bauern schon mit verköstigt wurde.

Vielleicht hätte der Hilfsarbeiter aber gern mal eine Halbe beim Schießl getrunken. Wenn es die denn gegeben hätte: Laut Karte wurde das Bier 1958 nur literweise ausgeschenkt: 91 Pfennige kostete die Mass Schießl-Bräu, 1,20 Mark die Mass Spezial-Märzenbier. Michael Schittko lacht: "Eine Halbe war damals undenkbar." Die Mass ist es überraschenderweise heute in seinem Wirtshaus keineswegs. Schittko greift nach einem der vielen Masskrüge, die kopfüber auf einem Regal über dem Ausschank stehen: Hier sind die Stammgäste vertreten. Ab wann ist man denn Stammgast? Das, sagt Schittko, "entscheidet der Wirt". Es sind auf jeden Fall Gäste, die ihm besonders lieb und teuer sind – denn die grauen Masskrüge haben alle einen gravierten Deckel. Und der ist teuer. Und auch gar nicht mehr so einfach zu bekommen. Schittko aber hat "noch einen Zinngießer, der das macht".

Der Masskrugdeckel und der Sprutz

Nabburger Tor, das Amberger Stadtwappen oder auch nur ein Name: der Stammgast darf sein Deckel-Motiv aussuchen, der Wirt lässt es gravieren. Die Masskrüge sind alle die im Volksmund sogenannten Steinkrüge, "alle mit Salzglasur, weil die die Temperatur besser halten", erklärt Schittko. Und übrigens: Den "Sprutz" gibt es auch immer noch beim Schießl. Eine weitere Besonderheit, die sich über die Jahre erhalten hat – Stammgäste bekommen, quasi als Absacker, noch einen Gratis-Schuss Bier aus dem Zapfhahn, bevor sie gehen. Aber nochmal zurück zur Mass von 1958: Mit der wäre der Hilfsarbeiter sicher besser bedient gewesen als mit zwei Tassen "Maschinenkaffee", die mit 90 Pfennigen fast genauso viel kosteten wie der Liter Bier.

Die günstige "Einlaufsuppe" kennt heutzutage auch keiner mehr. Hier wird gequirltes Ei in eine Brühe gerührt. Das würde heute wohl nicht mehr bestellt, vermutet Schittko. Innereien dagegen seien immer noch beliebt – wenn auch nicht alle, die 1958 auf der Karte standen. Hirn beispielsweise, damals "gebacken mit gemischtem Salat" für 1,80 Mark. "Den einen oder anderen Liebhaber gibt es sicher noch", meint der Wirt, aber er hat es nicht mehr auf der Karte. Leber dagegen schon. "Die wird super gern gegessen", verrät Schittko. Vielleicht auch, weil sich viele scheuen, sie zu Hause selbst zuzubereiten. "Viele können das auch gar nicht."

Bratwürstl mit Spinat

Vieles, was die Speisekarte von 1958 offeriert, kann man heute auch noch beim Schießl essen: Schweinebraten, Gulasch, Schnitzel oder auch Brotzeiten wie Wurstsalat oder Sulz. Manche Kombination freilich mutet heute ein wenig seltsam an: Der "Schmorbraten mit Spinat und geriebenen Klöß" oder die "Bratwürstl mit Spinat und Kartoffel". Bei diesen Zusammenstellungen muss Schittko passen: "Das kenn' ich so gar nicht." Bei ihm gibt's den Spinat in der traditionellen Kombination mit Spiegelei und Salzkartoffeln.

Die Zusammenstellung "Hausgeräuchertes mit Kraut und Erbsen" scheint Schittko dagegen gar nicht so abenteuerlich, wie es sich liest: Er vermutet, die Erbsen wurden damals als Püree serviert, "das würde zum Kraut passen". Die "Pfannensachen" wurden auf der Karte mit dem Hinweis versehen, dass man dafür etwas Geduld brauchte: "Dauer ca. 20 Minuten" steht hier extra dabei. "Früher hatten sie noch andere Öfen", so erklärt Schittko diesen Hinweis. Heute gehe es deutlich schneller. Er selbst ist als Gast beim Thema Pfannengerichte vorsichtig, verrät er – und bestellt die nur in Lokalen, in denen er weiß, dass sie nicht aus der Fritteuse kommen.

"Man muss halt wissen, wie's geht"

Auch wenn sich die Beilagen inzwischen geändert haben: Bei der Zubereitung der "Klassiker" der Wirtshaus-Küche an sich habe sich eigentlich nichts geändert, sagt Schittko. "Man muss halt wissen, wie's geht." Er weiß es, denn er hat schon als kleiner Bub "mit großer Leidenschaft bei Oma und Opa in der Küche" zugeschaut, was dort wie zubereitet wurde. "Und als Metzgermeister hab' ich eh einen Bezug dazu." Dann landet Schittko noch einmal kurz bei der Taube. Die, meint er, "gibt's bestimmt noch irgendwo – aber bei mir nicht mehr." Und das hat seinen Grund: "Die müsste wirklich sofort auf den Tisch", was im Wirtshaus-Alltag heute einfach nicht mehr möglich wäre.

Bei ihm müsste man heute wohl am längsten auf den Kaiserschmarrn warten, vermutet er – weil der einfach sehr viel Aufwand bedeutet. "Da kann ich mich um nichts anderes kümmern", erklärt Schittko und "das blockiert mir auch den ganzen Ofen". Deshalb steht diese Süßspeise heute regulär nicht mehr auf der Karte. "Aber gerade heute hab ich tatsächlich einen für einen ganzen Tisch gemacht." Schittkos Blick fällt noch einmal auf die Rubrik "Kalten Speisen" von 1958. Er hat hier noch eine Kuriosität entdeckt: "Eine Dose Ölsardinen mit Butter und 2 Broten" steht da. Schittko lacht. "Heute undenkbar" – Ölsardinen, und dann noch in der Dose serviert! Aber, so fügt er dann noch hinzu, "irgendwie hätte es doch auch wieder Charme".

Ein bemerkenswertes Fundstück: Eine Speisekarte der Brauerei Schießl Amberg vom 12. Mai 1958. Hier findet sich manches Kuriose, aber auch viel Vertrautes.
Michael Schittko, der Wirt und Küchenchef im Schießl-Wirtshaus.
Hier parken die Masskrüge der Stammgäste. 1958 wurde Bier beim Schießl nur literweise ausgeschenkt.

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Amberg
Hintergrund:

Schlaglichter: Amberg im Jahr 1958

Eine alte Speisekarte der Brauerei Schießl von 1958: Über dieses Fundstück hat die Redaktion auch mit Jörg Fischer vom Amberger Stadtrachiv geplaudert – er hatte ein paar Stichpunkte parat, die zeigen, was das in Amberg für eine Zeit war.

  • Wohnungsnot war trotz vieler Neubauten in den 1950er-Jahren immer noch ein großes Thema. Abhilfe sollte das Neubauprojekt D-Programm schaffen, bei dem ein komplettes Stadtviertel entstand.
  • Die Emailfabrik der Gebrüder Baumann gab es noch, wirtschaftlich noch mit gutem Erfolg.
  • Heutige Stadtteile wie Luitpoldhöhe, Ammersricht, Raigering oder Karmensölden waren noch nicht nach Amberg eingemeindet
  • Das Amberger Gaswerk konnte den Bedarf der wachsenden Stadt und insbesondere ihrer Industrie nicht mehr decken.
  • Die Luipoldhütte, seit 1955 Betreiberin einer eigenen Kokerei, stellte 1957 als Nebenprodukt der Kokskohlenerzeugung insgesamt 60 Millionen Kubikmeter Kokereigas her.
  • Die Luitpoldhütte betrieb damals eine 117 Kilometer lange Ferngasversorgung, die "von Amberg aus nach Norden über Weiden bis Mitterteich und im Süden bis nach Buchtal bei Schwandorf" reichte: Der Beginn der Bayerischen Ferngasversorgung.
  • Neben der Hütte zu wohnen, war damals allerdings kein Vergnügen: Wenn man hier morgens die Wäsche zum Trocknen aufhängte, war sie abends braun.
  • Amberg hatte damals noch mehrere Kinos: Das Centraltheater in der Georgenstraße (geschlossen 1986, später war dort das Habana), die Anker-Lichtspiele in der Regierungsstraße (offenbar eher das „Lederhosen-Kino“, geschlossen 1987), das Lichtspielhaus in der Herrnstraße (geschlossen 1977), das Park-Theater (ab 1938), das Ringtheater (ab 1953) und (ab 1954) die Scala-Lichtspiele in der Bäumlstraße.
  • Ein städtisches Theater gab es damals nicht, aber trotzdem viele Vorstellungen: Ein sehr rühriger Theaterverein trat an allen möglichen Orten in der Stadt auf.
  • Amberg hatte noch zehn Brauereien (bis 1970): Malteser, Brauhaus, Winkler, Schießl, Bruckmüller, Falk, Jordan, Wingershof, Kochkeller und Kummert (Quelle: Stadtmuseum Amberg).
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