30.05.2021 - 13:57 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg: Wenn NSDAP-Kreisleiter Artur Kolb nach 80 Jahren wieder zum Leben erwacht

Dieser Film von 1941 ist sehr wahrscheinlich seit 80 Jahren nicht mehr abgespielt worden. Viele Jahre lag er auf einem Dachboden in Winbuch, nun wurde er digitalisiert: Er gibt Einblicke in das NS-geprägte Leben in Amberg zu Kriegszeiten.

Seit Jahrzehnten ist Siegfried Feuerer, der ursprünglich aus Winbuch stammt, in Besitz einer geheimnisvollen Filmrolle. Jetzt konnte endlich geklärt werden, was hier auf Zelluloid gebannt worden ist.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist wie aus der Klamottenkiste des Films. Erst flackert es ein paar Mal in Schwarz-Weiß, dann laufen junge Männer in kurzen Hosen und Sportdress in Formation auf dem Malteserplatz auf. Anschließend vollführen sie Lauf- und Turnübungen auf dem Marktplatz. Umringt von interessierten Bürgern der Stadt Amberg, die das Geschehen mit großem Interesse verfolgen. "Sportler rufen zum Opfer. Reichssstraßensammlung für das Kriegs-Winterhilfswerk", lautet die Einblendung in dem etwa 13 Minuten langen Stummfilm. Aufgenommen wurde er im Jahr 1941 in der Stadt Amberg. Doch er war Jahrzehnte verschollen und ist jetzt erneut in Amberg aufgetaucht, nachdem er lange in Winbuch (Gemeinde Schmidmühlen) verschollen war.

Nach 80 Jahren digitalisiert

Wobei auftauchen vielleicht die nicht ganz konkrete Bezeichnung ist. Denn der Amberger Siegfried Feuerer weiß von der Existenz des historischen Streifens schon sehr lange. Er hat die Blechschachtel mit dem Schwarzweiß-Stummfilm Oberpfalz-Medien zur Verfügung gestellt. Inzwischen ist er digitalisiert und steht damit einer breiten Öffentlichkeit zur Ansicht zur Verfügung. Der Film stammt offenbar aus dem früheren Bestand der Kreisbildstelle, in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit ist er aber im Schulhaus von Winbuch "vergessen" worden.

Siegfried Feuerer kann erzählen, wie der Streifen in seinen Besitz gekommen ist. Feuerer stammt ursprünglich ebenfalls aus Winbuch im südlichen Landkreis. "Mein Vater hat dort irgendwann nach dem Krieg das alte Schulhaus gekauft", so erzählt er. Als er das Dach saniert hat, fand sich auf dem Dachboden ein ganzer Stapel alter Schulfilme, die wohl aus der Zeit des Dritten Reichs stammten. Die dort womöglich jemand vergessen oder vielleicht sogar versteckt hatte. Feuerer kennt bis heute nicht den Inhalt der einzelnen Filme. Tatsächlich glaubt er, dass sie in Winbuch niemals gezeigt worden sind. Aus einem ganz einfachen Grund: "Wir haben erst 1952 elektrischen Strom bekommen." Umso rätselhafter also, wie die Streifen ihren Weg ins alte Winbucher Schulhaus gefunden haben.

Filme waren nur Spielmaterial

Für die Kinder im Dorf waren sie ihrer Entdeckung willkommenes Spielmaterial, um alles Mögliche mit ihnen zu treiben. Einen Filmprojektor hatte nämlich auch nach 1952 fast niemand, so konnte im Dorf keiner nachschauen, um was es im Einzelnen in diseem Filmen der Kreisbildstelle Amberg ging.

Hier geht es zum Originalfilm

Im Lauf der Jahre gingen die Filme so nach und nach verloren, wurden wohl teilweise weggeworfen oder verbrannt. Nur eine einzige Rolle blieb übrig. Die lag noch über Jahre beim inzwischen nach Amberg umgezogenen Siegfried Feuerer herum, irgendwann juckte es ihn doch und er brachte ihn zu Oberpfalz-Medien in die Amberger Mühlgasse. "Vielleicht könnt Ihr ja was damit anfangen", so seine Begründung. In der Redaktion musste nicht lange überlegt werden, der Zelluloid-Streifen musste digitalisiert werden. Dann flimmerte der Film nach gut 80 Jahren wieder und verriet sein über Jahrzehnte gehütetes Geheimnis.

Es handelt es sich um eine Art Propaganda-Film für den Schulgebrauch aus dem Jahr 1941, der zeigen sollte, wie sehr sich die Schüler in der Stadt Amberg an der "Heimatfront" einsetzen und alles tun, um für die Soldaten im Feld Unterstützung zu leisten.

Nach den anfänglichen Turnübungen für die Sammlung des Kriegs-Winterhilfswerks gibt es noch andere "Belustigungen" zu sehen, die wohl im Rahmen der selben Veranstaltung Geld für das Winterhelfswerk in die Kasse bringen sollten. Für ein Zehnerl konnten die Amberger als echte Fußballer auf ein Tor schießen. Besonders beliebt war das "Gockerlstechen" am Bahnhof, bei dem der Gockerlstecher mit einem langen Stab in der Hand auf eine Zielscheibe zuging. Das Handicap dabei: Er oder sie hatte einen Eimer über den Kopf, konnte also das Ziel nicht sehen. Was zur entsprechenden Belustigung des Publikums führte, wenn wieder jemand an der Zielscheibe vorbei steuerte.

Seefahrt ist not

Auch der nächste Filmausschnitt dürfte etwa zeitgleich entstanden sein. Im April und Mai 1941 war im Amberger Rathaus eine Ausstellung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes zu sehen, in welcher die prämierten Schülerarbeiten rund um das Thema Marine zu sehen waren. "Seefahrt ist not", hieß die Ausstellung, der Film zeigt von Schülern gebastelte Modelle und andere "Kunstwerke", die unter dem Motto standen: "Wir fahren gegen Engeland". Nach diesem Abschnitt heißt es "Altstoffsammlung ist Kriegsdienst". Hier bringen die Kinder der Amberger Schulen große Mengen an Altmetall oder Papier zu einer speziellen Sammelstelle. Die Rohstoffknappheit Deutschlands machte es zu diesem relativ frühen Zeitpunkt des Zweiten Weltkriegs bereits notwendig, Altstoffe zu sammeln, um Nachschub an Waffen, Munition und Bekleidung für die Soldaten an der Front zu haben.

Ganz offensichtlich fand diese Sammlung noch vor dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 statt. Der Hauptgegner heißt nach dem Sieg gegen Polen und Frankreich noch immer England, dem das Deutsche Reich im Jahr zuvor eine erbitterte und erfolglose Luftschlacht geliefert hat. Auf einen von jungen Mädchen gezogenen Handwagen mit Altmetall steht zu lesen "Für Bomben auf England." Eine Klasse 8b trägt ein Transparent mit der Aufschrift "Für unseren Sieg".

Den Abschluss des Schulfilms macht dann eine spätere Sequenz vom 19. August 1941. "Bulgarische Jugendführer besuchen Amberg" ist sie überschrieben. Zu sehen ist hier der Aufmarsch von Truppen der Hitlerjugend auf dem Markplatz. Während die jungen Deutschen sehr schneidig auftreten, nehmen es die Bulgaren mit der Disziplin nicht ganz so streng. Schließlich treten NSDAP-Kreisleiter Artur Kolb und Bürgermeister Sebastian Regler auf und schreiten mit Hitlergruß die "Front" ab. Kolb mit seiner weißen Uniformjacke hat hier eindeutig das Sagen. Regler, der den an der Front weilenden Oberbürgermeister Josef Filbig vertritt, steht einfach nur daneben. Anschließend geht es dann noch zum gemeinsamen Kameradschaftsabend, bei dem heftig geschunkelt und Bier getrunken wird.

Nach 13 Minuten ist alles vorbei, es kommt ein Abspann, der den Film fälschlicherweise leicht im Jahr 1940 verorten könnte, doch stammt nur der verwendete Agfa-Rohfilm aus diesem Jahr. Ungeklärt ist bis heute die Frage, warum der Streifen einfach im Schulhaus von Winbuch vergessen worden ist. Wurde er irgendwann mit den anderen Filmen verlegt? Oder wurde er gezielt in Winbuch versteckt worden, als der Krieg im Mai 1945 zu Ende war und alles im Chaos versank. Oberpfalz-Medien macht den Film nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Uns würde natürlich interessieren, wenn sich jemand selbst oder einen Verwandten oder Bekannten im Film erkennt oder sich an die Vorgänge erinnern kann. Zeitzeugen dürfte es ja nur noch sehr wenige geben, aber vielleicht kennt jemand auch aus Erzählungen die Szenerie wieder.

Hier geht es um das Kriegsende in Amberg 1945

Amberg

 

 

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