28.01.2020 - 16:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger ärgern sich über nächtliche Wildpinkler

Beißender Uringestank und zerborstene Flaschen in der Altstadt: Einige Partygänger halten sich scheinbar nicht an die Regeln. Die Anwohner fühlen sich alleingelassen. Von der Polizei kommen Beschwichtigungen, jetzt reagiert das Ordnungsamt

In der Amberger Altstadt sieht es nach einer langen Party-Nacht bisweilen schlimm aus.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Wenn die Amberger Händlerin am Sonntagmorgen aufsteht, geschieht es in schöner Regelmäßigkeit, dass sie vor ihrer Haustür eine gelbe Lache vorfindet. Urin. Oder auch mal Erbrochenes. Die Unmengen an Zigarettenstummeln oder Glasscherben, sagt sie, seien noch das Geringste. "Oft ist alles vollgepieselt, einfach ekelhaft. Da steigst du mit den Füßen rein." Der beißende Geruch in den umliegenden Gässchen gibt ihr Recht. In der Zeitung möchte die Frau ihren Namen nicht lesen.

Als Schuldige hat sie längst junge Partygänger ausgemacht, etwa die Disco-Besucher im Casino Saal. "Die sind irgendwann so alkoholisiert, dass sie nichts mehr mitbekommen und jedes Schamgefühl verlieren." Gerade der Bereich um den Schrannenplatz sei betroffen, auch am Malteserplatz oder in der Ziegelgasse habe die Dame schon von Vorfällen gehört. Zudem bleibe es nicht bei den Verschmutzungen. "Wir haben es aufgegeben, unsere Dachrinnen zu reparieren." Ständig würden sie nachts demoliert. Tatsächlich: Einige der Rinnen weisen erhebliche Dellen auf.

"Das geht schon seit vier, fünf Jahren so. In der heutigen Gesellschaft will jeder der Stärkste und Tollste sein." Am Ende kämen "solche Verrücktheiten" heraus. Sich zu betrinken sei scheinbar eine Modeerscheinung. Und sie sei nicht die einzige, erzählt sie, die die Hinterlassenschaften seit Jahren ärgern: "Bei mir in der Kundschaft sind immer wieder Nachbarn dabei, die fragen, ob sich da nichts dagegen machen lässt." Das Außenlicht anzulassen, habe nichts gebracht. Jetzt überlegt sie, eine Videokamera zu installieren - zur Abschreckung und um die Übeltäter anzuzeigen. Von Stadt und Polizei ist sie jedenfalls enttäuscht: "Ein Polizist hat mir einmal gesagt, mein Haus stehe halt am falschen Platz. Niemand leitet etwas in die Wege." Der "einfache Bürger" werde nicht gehört. Sie wünscht sich mehr Polizeipräsenz in der Innenstadt und ein striktes Vorgehen der Behörden. Ihre Resignation ist schwer zu überhören: "Da passiert nichts. Irgendwann gibt man auf."

Permanente Kontrolle

Der Polizeiinspektion Amberg ist die Situation, wie die Händlerin sie schildert, in dieser Schärfe nicht bekannt. Hauptkommissar Hans-Peter Klinger weiß zwar von einigen, wenigen Vorfällen, "es meldet sich aber sehr selten jemand bei uns". Die Polizei habe großes Interesse an dem Problem und sei bereit einzuschreiten. Bei derartigen Ordnungswidrigkeiten drohe ein Bußgeld. "Aber man muss mit uns sprechen."

Das subjektive Sicherheitsgefühl unterscheide sich jedoch manchmal gravierend von der tatsächlichen Lage. "In der Innenstadt sind nachts immer Sicherheitskräfte auf Streife, auch Zivilfahnder", weist Klinger den Vorwurf, es werde zu wenig kontrolliert, zurück. "Es ist aber nicht so, dass in Amberg die wilden Horden durch die Straßen ziehen." Vielmehr sei eine rege Party-Szene Zeichen für eine lebendige Stadt.

Ist das, was die Dame so vehement vorbringt, also ihre ganz eigene Wahrnehmung? Eine Einzelmeinung? Wohl kaum. In den umliegenden Gebäuden wissen die Betreiber von ähnlich unschönen Überraschungen zu berichten, mit teils drastischen Worten. "Die pissen und kotzen rum, wo sie wollen", berichtet eine Seniorin. Auch sie will anonym bleiben. "Wenn ich das nicht mit dem Eimer wegspüle, kommen die Tauben." Anna Hein vom Atelier Feinstich hat schon mehrmals "seltsame Flecken" bemerkt. Ob es nur Wasser war, kann sie nicht sagen. "Oft liegen Flaschen herum. Es wäre schön, wenn das aufhört." An der Glastür des Friseursalons Hair Deluxe habe sich auch einmal jemand erleichtert, erzählt Mitarbeiterin Helene Piffel.

Kein Kippen-Schnippen: Eine Ambergerin kämpft für zigarettenfreie Straßen

Amberg

Zurück bleiben Ärger und Dreck

Fest steht: Einzelfälle sind das nicht. In der Hand haben die Betroffenen wenig. Wenn sie sich, gemäß der polizeilichen Empfehlung, sofort unter der 110 melden, dann ist der Harndrang längst gestillt, die Flasche zerbrochen und der Übeltäter über alle Berge, sobald die Polizei auftaucht. Zurück bleiben nur Ärger und Dreck.

Reaktionen:

Ordnungsamt sucht den Kontakt mit Gaststätten

Die Stadt Amberg weiß erst seit kurzem von den Pinkel-Problemen - das Ordnungsamt ergreift jetzt die Initiative. Nachdem ein Hinweis aus der Bevölkerung eingegangen ist, wollen die Beamten in den nächsten Wochen mehrere Gaststätten aufsuchen. Die Wirte sollen dann mäßigend auf die Gäste einwirken. Notfalls werde die Security verstärkt. "Das Thema ist uns seit ein paar Tagen bekannt", sagt Stadtsprecher Thomas Graml. Es sei aber eben schwierig der Lage Herr zu werden. "Das ist ein gesellschaftliches Problem. Einige junge Leute wissen sich scheinbar nicht zu benehmen."

Kommentar:

Nasen auf!

Dass es eine Frage des Anstands ist, seinen Müll ordnungsgemäß zu entsorgen, steht außer Frage. Von den Vorgängen der körperlichen Entleerung einmal ganz zu schweigen. Warum aber die Stadt Amberg erst "seit ein paar Tagen" von der Lage weiß, ist ein Rätsel.
Glaubt man den übereinstimmenden Berichten der Anwohner, dann besteht speziell das Pinkel-Problem nicht seit wenigen Tagen, sondern eher seit einigen Jahren. Schwer zu glauben, dass all das an den Nasen der Stadt vorbeigezogen ist. Die Initiative des Ordnungsamtes ist überfällig. Sie kommt aber reichlich spät.

Florian Bindl

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Kommentare

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Hans Weber

Vor vielen Jahren konnte in Amberg von dem Martinskirchenturm mit einer hochauflösenden Webcam das Geschehen am Marktplatz angeschaut werden, sogar per Infrarot waren bei schlechten Sichtverhältnissen gute Wiedergaben zu Hause am Computer möglich.
Diese Webcam konnte sogar ferngesteuert werden am heimischen Computer, gezoomt werden usw.

Das war ca. im Jahr 2012 bereits, dass man das nächtliche Treiben dort am Marktplatz gut einsehen konnte, unter anderem auch die hier erwähnten Wildpinkler - welche z.B. auch ans Rathaus urinierten.
Selber konnte man dies beobachten - am nächsten Tag war dann just an der selben Stelle der damals amtierende Oberbürgermeister mit so eine Sammelblechdose gestanden. Wenn dieser geahnt hätte, an welchen Fleck er da stand, an dem wenige Stunden zuvor jemand seine Notdurft verrichtet... grins.

Gerochen hat man es vielleicht nicht mehr, jedoch wären die Möglichkeiten der Feststellung schon gegeben gewesen in Echtzeit wohlgemerkt.

Schade, dass diese besagte Webcam angeblich durch einen Blitzeinschlag irreparabel beschädigt wurde.

29.01.2020