26.11.2021 - 18:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Ambergs Gesundheitsamt-Leiter fordert harten Lockdown

Die Inzidenzen in Amberg und Amberg-Sulzbach haben sich auf über 400 verdoppelt – in nur zwei Tagen. Die Intensivstationen sind fast voll, das Gesundheitsamt überlastet. Amtsleiter Dr. Roland Brey schlägt Alarm und sagt, was zu tun ist.

Die Inzidenz in Amberg-Sulzbach ist sprunghaft auf über 400 angestiegen - erstmals seit Pandemiebeginn. Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt arbeiten sieben Tage die Woche, auch an Feiertagen und Weihnachten. Dennoch schaffen sie es nicht mehr, jeden Infizierten sofort zu kontaktieren.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Von 231 auf 407 im Landkreis Amberg-Sulzbach, von 230 auf 401 in der Stadt Amberg: Die vom RKI gemeldeten Inzidenzen haben sich innerhalb von nur zwei Tagen beinahe verdoppelt. Ein solch massives Infektionsgeschehen hat es im Amberg-Sulzbacher Raum noch nie seit Pandemiebeginn gegeben. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien nimmt Dr. Roland Brey kein Blatt vor den Mund, um die Dramatik der Situation zu schildern. Der für Amberg und den Landkreis zuständige Gesundheitsamtleiter erklärt, warum die Zahlen momentan explodieren, womit Infizierte künftig rechnen müssen und was jetzt zu tun ist.

Gleich zu Beginn des Gesprächs hat Brey eine schlechte Nachricht: Die hohen Inzidenzwerte für Amberg-Sulzbach spiegelten gar nicht die Realität wider. "Bei so hohen Fallzahlen funktioniert die Datenerfassung des RKI nicht mehr richtig, weil es eine Untererfassung von Infektionen gibt und eine hohe Dunkelziffer." Breys Fazit: "Die wahren Inzidenzen sind weitaus höher." Mit "Untererfassung" meint der Medizinaldirektor, dass viele Neuinfektionen nur noch verspätet nachgemeldet werden könnten. Das Gesundheitsamt und die Labore kämen mit der Arbeit nicht mehr hinterher.

Hunderte Tests auf einen Schlag

Zu "Verzögerungen auf allen Ebenen" komme es Brey zufolge deshalb, weil die Anzahl der Corona-Tests explodiert sei. Jeder Test müsse im Labor ausgewertet, anschließend ans Gesundheitsamt weitergemeldet und dort ausgewertet werden. "Die Labore arbeiten am Limit. Bis die Tests bei uns ankommen, da vergeht Zeit." Zwar gebe es moderne, digitale Erfassungssysteme, aber alle Parameter eines jeden Coronatests müssten im Gesundheitsamt aufwendig eingegeben werden. "Bei größeren Ausbrüchen, wenn Reihentestungen gemacht werden, bekommen wir Hunderte Tests auf einen Schlag. Wir kriegen zudem pausenlos Befunde, Anfragen von Bürgern und Meldungen, die mit hoher Datenqualität eingegeben werden müssen. Eine tagesaktuelle Bearbeitung ist da oftmals nicht mehr möglich", gibt der Amtsleiter zu.

"Wir müssen jetzt Prioritäten setzen und uns zuerst auf Krankenhäuser und Altenheime konzentrieren. Menschen und Maßnahmen haben Vorrang vor Daten und Zahlen." Damit will Brey sagen, dass das pünktliche Eintragen statistischer Werte wie die Inzidenzen hinten anstehen müsse. Auch deshalb könne es zu sprunghaften Anstiegen der Zahlen innerhalb von wenigen Tagen kommen – weil dann eben ein großer Schwung nachgemeldet worden sei.

Bürger müssen selbst tätig werden

Die Überlastung des Gesundheitsamtes habe auch zur Folge, dass nicht mehr jeder neu Infizierte sofort vom Gesundheitsamt angerufen und mit Anweisungen versorgt werden kann, so wie das in den ersten Wellen üblich war. Für Bürger sei dies wichtig zu wissen. In den vergangenen Tagen habe es bereits Beschwerden von Infizierten gegeben, die nie einen Anruf vom Amt erhalten hätten. Diese Leute seien verunsichert. "Wir bemühen uns zwar, aber wir können es nicht mehr versprechen, dass jeder Infizierte sofort von uns kontaktiert wird. Wir sind ja schon froh, wenn wir überhaupt hinterherkommen", wirbt Brey um Geduld und Verständnis.

Der 61-Jährige richtet deshalb einen eindringlichen Appell an die Staatsregierung: "Es muss eine Umstellung geben. Der Staat muss eine Handreichung, einen Info-Flyer mit genauen Anweisungen rausgeben, wo genau drin steht, was zu machen ist, wenn man positiv getestet wurde." Denn: "Es ist nicht leistbar, dass ein Gesundheitsamt jeden einzelnen Infizierten anruft. Die Pandemie hat einen Dimension erreicht, die weit über dem liegt, was wir aus den vorherigen Wellen kennen."

Bürger, die positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, müsse sich deshalb laut Brey sofort isolieren und in Quarantäne begeben – auch, wenn es keinen amtlichen Bescheid oder Anruf geben sollte. "Wer Symptome hat, sollte sofort mit einem Hausarzt Kontakt aufnehmen und sich krankschreiben lassen, damit es keine Probleme bei der Lohnfortzahlung gibt." Die Quarantäne-Verpflichtung gelte "natürlich" auch für Geimpfte, stellt der Medizinaldirektor klar. Und wie geht es dann weiter? "Wer geimpft ist und keine Symptome hat, kann sich nach sieben Tagen freitesten. Bei Ungeimpften endet die Quarantäne frühestens nach 14 Tagen, wenn es keine Symptome mehr gibt."

Schneller und harter Lockdown nötig

Bei der Analyse der Infektionszahlen in Amberg-Sulzbach kann der Amtsleiter keine spezifischen Hotspots mehr ausmachen, vielmehr sei die ganze Region ein flächendeckender Ausbruch. "Wir sehen in den vergangenen Tagen eine wahnsinnige Dynamik. Das Ausbruchsgeschehen ist diffus." Was kann jetzt überhaupt noch helfen? Brey spricht Klartext: "Die Politik ist viel zu zögerlich. Ein schneller und harter Lockdown ist wahrscheinlich das Einzige, das die hohen Zahlen zurückgehen lässt." Und weiter: "Wir hoffen immer, dass sich die Leute freiwillig einschränken, aber das reicht halt nicht." Es seien immer noch zu viele Kontakte möglich. Doch genau diese müssten drastisch eingeschränkt werden, um die 4. Welle endlich zu brechen, so seine Experten-Mahnung.

Brey sagt, dass es nicht nur mit Impfverweigerern "ein Problem" gebe, sondern auch "mit allen, die sich noch gar nicht impfen lassen können", sprich Kinder und Schüler unter zwölf Jahren – hier sind die Inzidenzen am höchsten. Der Spitzenwert lag am Freitag im Landkreis bei 723 in der Gruppe der 6- bis 11-Jährigen sowie in Amberg bei 1190 in der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen. Breys Erklärung für die hohen Werte: "Das hängt damit zusammen, dass an Schulen intensiv Pool-Testungen gemacht werden. Hier ist die Dunkelziffer am geringsten, weil fast jede Infektion erkannt wird." Bei Kindern und Schülern bildeten die Inzidenzwerte folglich die Realität weitgehend richtig ab. "Die Infektionen bei Kindern machen uns aber nicht ganz so große Sorgen. Gefährdeter sind die Älteren aus den Risikogruppen."

Impfdurchbrüche bei Älteren

Brey hat eine weitere interessante Statistik, die er selbst für die Region errechnet hat. Seit Oktober liege der Altersdurchschnitt für Ungeimpfte bei durchschnittlich 31 Jahren. Bei doppelt Geimpften ohne Booster liege der Wert bei 51 Jahren. Daraus könne man ablesen, dass die Wahrscheinlichkeit von Impfdurchbrüche steigt, je älter man ist – weil das Immunsystem dann schwächer wird – und je länger die letzte Impfung zurückliege. Wer doppelt oder gar booster-geimpft sei habe jedoch kaum mehr schwere Verläufe und müsse nur äußerst selten ins Krankenhaus. Deshalb ruft Brey zur Booster-Impfung auf, insbesondere in Alten- und Pflegeheimen, aber auch die Mitarbeiter in Krankenhäusern und Arztpraxen, weil hier der "Infektionsdruck" am höchsten sei.

In Amberg und Sulzbach-Rosenberg sind fast keine Intensivbetten mehr frei

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Das müssen Infizierte tun

  • Das Gesundheitsamt kann wegen Überlastung nicht mehr jeden Infizierten kontaktieren.
  • Positiv Getestete müssen sich deshalb sofort isolieren und in Quarantäne begeben - auch, wenn das Gesundheitsamt nicht oder erst verspätet Kontakt aufnimmt. Das gilt auch für Geimpfte.
  • Wer Symptome hat und auch im Home-Office nicht mehr arbeiten kann, soll sich schnell um eine ärztliche Krankschreibung bemühen und den Arbeitgeber informieren
  • Geimpfte können sich frühestens nach sieben Tagen aus der Quarantäne freitesten - wenn sie symptomfrei sind. Bei Ungeimpften beträgt die Frist mindestens 14 Tage.
  • Höchste Werte: Im Landkreis liegt die Inzidenz für Sechs- bis Elfjährige bei 723 und in Amberg für 16- bis 19-Jährige bei 1190 (Stand Freitag, 26. November)

"Es ist nicht leistbar, dass ein Gesundheitsamt jeden einzelnen Infizierten anruft. Die Pandemie hat eine Dimension erreicht, die weit über dem liegt, was wir aus den vorherigen Wellen kennen."

Dr. Roland Brey, Leiter des Gesundheitsamts

Dr. Roland Brey, Leiter des Gesundheitsamts

 

 

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