22.07.2021 - 10:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Ambergs Stadtmauer im Bau: Gut gerüstet für den Verteidigungsfall

Vermutlich ist der letzte Stein noch nicht gesetzt, als nach Erfindung des Schwarzpulvers Feuerwaffen in Mode kommen. Schnell planen die Konstrukteure um.

Amberg im 17. Jahrhundert: St. Georg (von links), Neutor, Schloss und Nabburger Tor. Im Hintergrund Ziegel- und Vilstor.

Die Vorgeschichte zum Bau der Stadtbefestigung der einst "festesten Fürstenstadt" wurde in der letzten Ausgabe der OWZ beschrieben (www.onetz.de/3275385). Begonnen beziehungsweise erstmals erwähnt wurde der Bau 1326. Man begann am Georgentor und zog die Mauer mitsamt Graben in Richtung Vilstor, dem heute ältesten bestehenden Stadttor. Bruchsteine wurden aufgeschichtet und davor ein Graben ausgehoben.

Im Inneren, in etwa 2,50 Meter Höhe, war ein Gang hinter der sich dort verjüngten Mauer. Hinter diesem konnte der Pfeil- und Bogen- oder Armbrustschütze bei der Verteidigung Deckung suchen. An verschiedenen Stellen legte man diesen Umgang auf Kragsteine. Etwa alle 30 Meter entstand ein rechteckiger Verteidigungsturm mit Zinnen bestückt. Weiter ging der Bau zum Vilstor, benannt nach der damals (bis 1935) daran vorbei fließenden Vils und weiter über das Nabburger und das Wingershofer Tor zum Georgentor. Das sogenannte "Ei" war geschlossen.

Scharten für die Schützen

Baumaterial waren überwiegend Bruchsteine, später vor allem Sandstein. Die Mauer, wie auch die Türme, waren mit Zinnen bekrönt. Je nach Stärke und strategischer Notwendigkeit befanden sich in der Mauer - meist in Mannshöhe - Schlüsselloch-, Steigbügel- oder Kreuzscharten. Es gibt eine Vielzahl von Formen. Um dem Schützen ein besseres Sichtfeld zu gewähren, öffneten sich diese nach Innen konisch. Auf den Wehrgängen lagerten schwere Steine. Stand der Feind unmittelbar vor der Mauer oder war gar bereits dabei, die Mauer über eine Leiter zu erklimmen, war der Bewurf mit Steinen eine Möglichkeit der Verteidigung.

Sicher war der letzte Stein noch nicht gesetzt, als nach Erfindung des Schwarzpulvers Feuerwaffen in Mode kamen. Es musste umgeplant werden. Statt eckiger Verteidigungstürme kamen nun runde. Hier konnten die Kugeln besser abprallen. Statt Pfeil- und Bogen und Armbrust kamen nun Gewehre und Hakenbüchsen. Für diese brauchte man größere, nun rechteckige Schießscharten, für Hakenbüchsen mit einem Prellholz an der Innenseite. Dieses verhinderte eine Verletzung des Schützen beim enormen Rückschlag der Büchse.

Verstärkung der Mauern und Türme

Keine Hundert Jahre vergingen und es drohte ernsthafte Gefahr: Die Hussiten begannen nach der Hinrichtung von Jan Hus mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Waffentechnik war inzwischen eine weitaus effizientere, es galt die Stadtbefestigung zu verstärken. Die Mauer und die Türme aus dem 14. Jahrhundert wurden erhöht, die Zinnen zugemauert, Maulscharten und runde Schießscharten angelegt. Damit das Schießpulver nicht nass wurde, musste der Wehrgang nun überdacht werden.

Vor das Hauptwerk kam der Zwinger und davor das Vorwerk, ebenfalls mit Türmen, nun meist halbrund, mittig versetzt zu den Türmen des Hauptwerkes und meist zum Hauptwerk hin offen. Sollte es dem Feind gelingen, den Stadtgraben und das Vorwerk zu überwinden, fand er in den offenen Türmen des Vorwerks keine Deckung. Er war eingezwängt, schutzlos den Verteidigern ausgeliefert. Wie die Türme vom Hauptwerk, dienten auch diese der seitlichen Verteidigung. Größere Bauwerke, Bastionen ragten in den Stadtgraben, dienten ebenfalls der seitlichen Verteidigung.

Vils-Wasser im Stadtgraben

Schließlich der Stadtgraben, links der Vils in einer Breite von sechs bis sieben Metern die Stadtmauer umschließend. Mit fließendem Wasser wurde er aus der Vils versorgt. Rechts der Vils waren der Höhenunterschiede wegen nur kurze Strecken des Grabens voll Wasser. Aus Sicherheitsgründen wurde hier die Mauer erhöht. Zeitgleich ließ Kurfürst Ludwig III. seine Residenz vom Eichenforst zum heutigen Standort verlegen – sie ist seitdem Teil der Stadtbefestigung. Die Stadtbrille, damals noch mit drei Bögen, bekam in etwa ihr heutiges Gesicht. Die Vils war (bis 1826) schiffbar, Endstation der Schifffahrt war an der Martinskirche. Die Brillenbögen mussten demnach gesichert werden. Die Führungsschienen für die Fallgitter befinden sich noch heute beidseitig der Bögen, doch über die Funktionsweise der Fallgitter herrscht Unklarheit. Einige Schritte weiter befindet sich das Tor über den einstmals tiefer liegenden Stadtgraben. Mit Hilfe einer Zugbrücke konnte man diesen überqueren.

Zugbrücken

Wirft man zwischen Stadtbrille und heutigem Basteisteg einen Blick hinter die Mauer, sind deutlich einstige Erdaufschüttungen zu erkennen. Das beim Aushub des Stadtgrabens anfallende Erdreich wurde jenseits der Mauer, also im Stadtinneren, abgelagert. So sollte vermieden werden, dem Feind hinter Erdaufschüttungen außerhalb der Stadt eine Deckung zu ermöglichen. Während der Graben vor den Stadttoren ursprünglich mit fest stehenden Brücken gequert wurde, begann man Endes des 15. Jahrhunderts diese durch Zugbrücken zu ersetzen. Etwa zwei Drittel der Brücke vom Land her war nun fest, der Rest als Zugbrücke gestaltet.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielten alle Stadttore vorgesetzte Befestigungsbauten aus Buckelquadern. Beim Vils-, Nabburger und Wingershofer Tor als Barbakanen unmittelbar an das Stadttor angebaut, beim Ziegel- und Georgentor war die Befestigung dem Stadtgraben vorgelagert. Im Zuge der Rekatholisierung wurde den Jesuiten das Areal um die Georgskirche zugesprochen - das Georgentor musste dem Klosterbau weichen. Auf Druck der Stadt errichteten die Jesuiten als Ersatz das Neutor. Schließlich erfolgten letzte Um- und Anbaumaßnahmen, vor allem vorgelagerte Schanzen während des 30-jährigen Krieges.

Amberg, die "festeste Fürstenstadt"

Amberg
Der Rest eines Turmes mit Schießscharte im Vorwerk in der Nähe des Vilstors.
Ein Stück Mauer bei St. Georg mit einem Wurferker und einer Steigbügelscharte.
Schlüsselloch- und Maulscharten am flankierenden Turm des Ziegeltores. Mit Erfindung der Hakenbüchsen kamen größere rechteckige (rechts des Turmes) und runde Maulscharten hinzu.

 

 

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