08.04.2021 - 16:08 Uhr
AmbergOberpfalz

Angeklagter mit 35 Vorstrafen bekommt Chance, sein Leben zu ändern

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Gibt es jetzt, nach langem Verdruss mit ihm, doch Hoffnung? Statt zu verhandeln, hat das Landgericht entschieden, einen Amberger (65) vorläufig dort zu belassen, wo er gerade ist. In einer sozialtherapeutischen Maßnahme.

Er ist offenbar gewillt, sein Leben zu ändern: Deshalb bekommt ein Amberger trotz seiner 35 Vorstrafen noch eine Chance. Im Sommer will die Justiz prüfen, ob er sie genutzt hat.
von Autor HWOProfil

Prozesse gegen einen heute 65-jährigen Amberger standen in den vergangenen Jahren nahezu regelmäßig im Terminkalender der Amberger Gerichte. Meist tauchten dann Polizeibeamte als Zeugen auf, die davon berichteten, wie sie den sturzbetrunkenen Frührentner stoppten, als er mit seinem Fahrrad des Weges kam. Es gab aber auch noch andere Begebenheiten, die ihn vor den Richter brachten. Zum Beispiel ein Trinkgelage am Grab eines verstorbenen Freundes und die Bedrohung von Leuten, die sich amüsiert hatten, als der 65-Jährige beim Hallenbad mit herausgesprungener Kette sein schon etwas angerostetes Bike zum Laufrad umfunktionierte.

Die regelmäßigen Treffen vor Gericht führten mit fortschreitender Zeit zu 35 Vorstrafen. Manchmal lösten sie ein paar Monate hinter Gittern aus, oft aber gab es Bewährung. Mit erbetener Milde war allerdings im November vergangenen Jahres wieder einmal Schluss. Vor einer Amtsrichterin standen fünf Delikte zur Debatte. Zwei von ihnen drehten sich um unsittliches Benehmen, das der Amberger in der Öffentlichkeit gezeigt hatte. Diese Verfahren wurden im Prozessverlauf eingestellt, weil sie sich nur schwierig hätten nachweisen lassen.

Slalomfahrt in der Innenstadt

Zurück blieben drei Trunkenheitsfahrten. Sie fielen Polizisten sofort auf und gingen mit merkwürdigen Umständen einher. Mal kurvte der 65-Jährige in Slalomlinien durch die Innenstadt, mal traf man ihn (der Ausdruck "stockbesoffen" wurde damals gebraucht) auf seinem Gefährt mit einer Rotweinflasche in der Hand an. Längst hatte sich zu dieser Zeit der Vergleich mit dem in Amberg legendären Rucksacksepp aufgedrängt. Der kam bei seinen Touren zwar auch meist über zwei Promille, doch brachte er es "nur" auf 31 Vorstrafen.

Nach zwei Verhandlungsterminen verhängte die Richterin zehn Monate Haft zum Absitzen und schrieb dem allein lebenden Mann nicht zum ersten Mal ins Stammbuch, er müsse etwas gegen seinen vom Alkohol begleiteten Lebenswandel tun. Zusammen mit Anwalt Jörg Jendricke ging der Frührentner in Berufung zum Landgericht. Auch schon deshalb, weil der Widerruf zweier noch offener Bewährungen drohte.

Die 35. Vorstrafe bedeutet jetzt auch Haft

Amberg

Hilflos aufgefunden

Nach dieser Verhandlung im November tat sich einiges. Erst wurde der Mann von Ordnungshütern in völlig hilflosem Zustand aufgefunden und zur Behandlung ins Bezirksklinikum gebracht. Danach wurde eine Entgiftungsmaßnahme eingeleitet. Das sorgte für eine Verzögerung des Berufungsprozesses vor dem Landgericht.

Als nun nach Monaten endlich ein neuer Termin gefunden war, stellte sich heraus: Der 65-Jährige absolviert gegenwärtg eine sozialtherapeutische Maßnahme, bekommt keinerlei Alkohol und scheint, zumindest nach eigenen Angaben, absolut gewillt, sein künftiges Leben in andere Bahnen zu lenken. Deswegen brach die 3. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Peter Hollweck das eben erst begonnene Verfahren ab, um ihm eine Chance zu geben. Im Sommer wird das Verfahren neu angesetzt. Dann soll sich zeigen, ob es Fortschritte gegeben hat. Nur angesichts hoffnungsvoller Prognosen, so signalisierte das Gericht, könne man über eine erneute Bewährung reden.

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