02.05.2021 - 19:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Bayern-Premiere: Feuerwehr-Fahrer üben wie Piloten im Simulator

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Plötzlich schießt ein Pkw um die Ecke, direkt vors Feuerwehrauto: Dessen Fahrer steigt in die Eisen – das war knapp. Aber selbst wenn's gekracht hätte, wäre nichts passiert im Feuerwehr-Fahrsimulator: Bayern-Premiere in Neukirchen.

Kreisbrandmeister Marco Weiß (Feuerwehr Schnaittenbach) im neuen Einsatzfahrten-Simulator.
von Heike Unger Kontakt Profil

Erinnert ein bisschen an ein Videospiel. Irgendwie wie Grand Theft Auto mit Blaulicht. Aber nicht zum Spaß, sondern mit ganz ernstem Hintergrund. Den Umgang mit dem großen Einsatzfahrzeug, das Rangieren, Rückwärtsfahren, können die Fahrer in den Reihen der Feuerwehren, die Maschinisten, in der Praxis üben. Aber eine Einsatzfahrt unter Stress und mit anderen Verkehrsteilnehmern, die zur Gefahr werden, lässt sich im Alltag nicht trainieren. Dafür gibt es jetzt zwei neue Fahrsimulatoren in Bayern: Hier können Maschinisten üben, wie sie in kritischen Situationen richtig reagieren. Feuerwehren aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach sind gerade die Ersten, die das ausprobieren können: Das Gerätehaus der Feuerwehr Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg ist seit Donnerstag die erste Station für einen der beiden nagelneuen Fahrtrainings-Container auf Bayern-Tournee.

Sandra Reichert von der Staatlichen Feuerwehrschule Regensburg und ihr Kollege Reinhard Märkl sind zu Gast in Neukirchen, um hier Ausbilder aus verschiedenen Feuerwehren im Raum Amberg-Sulzbach in den Einsatzfahrten-Simulator einzuweisen. Danach können diese als Multiplikatoren ihre Kameraden schulen. Zwei solche modernen Geräte haben der Freistaat Bayern und die Versicherungskammer Bayern für jeweils rund 180.000 Euro angeschafft: Die Simulatoren gehen jetzt in Bayern auf Tournee, damit möglichst viele Feuerwehren dieses Training nutzen können. Aktive in Amberg und dem Landkreis Amberg-Sulzbach sind die Ersten, die hier zum Zug kommen: Drei Wochen lang können sie den Simulator nutzen, der in dieser Zeit nach der Premiere in Neukirchen auch noch in Schmidmühlen, Hohenburg und Freihung Station machen wird.

Wie ein Pilot

Die Anlage ist in einem speziellen Anhänger installiert. Auf der Ladefläche gibt es einen Computer-Arbeitsplatz, an dem der Trainer verschiedene Übungsprogramme einspeisen kann. Daneben steht der eigentliche Simulator: Ein Lkw-Fahrersitz vor einem Cockpit mit Lenkrad und weiteren Bedien-Elementen, die Maschinisten aus ihren Fahrzeugen kennen. Vor dem Fahrer und zu seinen beiden Seiten stehen große Bildschirme, die den Blick durchs Lkw-Fenster simulieren. Hier läuft während der rund zweiminütigen Übungsfahrt der vom Trainer ausgewählte Film ab, der den Fahrer verschiedene Gefahrensituationen erleben lässt: Ein Wildschwein, das bei der Überlandfahrt über die Straße läuft, ein unachtsamer Fußgänger, der plötzlich vor dem Feuerwehrauto auftaucht, oder ein Autofahrer, der auf einmal um die Ecke schießt. Und dann wären da auch noch Autofahrer, die vor dem Feuerwehrauto die Fahrspuren vor einer roten Ampel blockieren und nur unwillig Platz machen, als der Maschinist neben Blaulicht und Martinshorn auch die Lichthupe einsetzt.

Die Fahrer der großen Feuerwehrautos sollten solche kritischen Situationen üben – genauso, wie es beispielsweise auch Piloten im Flugsimulator tun, sagt Kreisbrandrat Fredi Weiß. Dass es dabei kracht, kommt vor. Ein Fußgänger ist schnell übersehen, die Breite des eigenen Fahrzeugs einfach mal unterschätzt. "Wenn es scheppert, hört man das auch", sagt Reinhard Märkl. Das ist in diesem Fall kein Problem, sondern ein gewünschter Lerneffekt. "Wenn es einen Unfall gibt, kostet das nichts – außer vielleicht eine Halbe für die Kameraden", erklärt Sandra Reichart den Vorteil solcher virtuellen Trainingsfahrten. Die gehen Trainer und Teilnehmer anschließend auch nochmal miteinander durch, besprechen anhand einer Aufzeichnung der Reaktionen des Fahrers, was der richtig oder falsch gemacht hat. Manch einer ist dabei überrascht, was er im Stress der Einsatzfahrt alles übersehen hat.

Fußgänger, Regen, Funkgeräusche

Tatsächlich muss der Maschinist mit vielen Unwägbarkeiten zurecht kommen: Das unberechenbare Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer, hohe Geschwindigkeiten, blockierte oder enge Straßen, und auch Lärm – der Simulator spielt neben dem Martinshorn auch den laufenden Funkverkehr ein, der die Konzentration stören kann. Wie im echten Leben behindern die großen Seitenspiegel am Feuerwehrauto die Sicht und auch der tote Winkel wird simuliert. Gewitter, Regen und Dunkelheit können ebenfalls mit eingespielt werden. Da fühlen sich zwei Minuten Fahrt schnell mal wie fünf Minuten an. "Und manche sind danach durchgeschwitzt", berichtet Märkl.

Weil die Simulatoren ganz neu sind, dienen die ersten Nutzer auch noch ein bisschen als Korrektiv für Nachjustierungen. Amberg-Sulzbach sei da für die Premiere bewusst ausgewählt worden, weil man die hiesigen Feuerwehren als sehr engagiert kenne, betont Florian Ramsl von der Versicherungskammer Bayern. Kreisbrandrat Fredi Weiß will, dass alle Inspektionsbereiche der Kreisfeuerwehren zum Zuge kommen. Auch die Amberger Kameraden sind mit dabei. Wenn der Simulator danach durch Bayern tourt, sollen möglichst viele Maschinisten damit trainieren können, betont Ramsl: "Jede Einsatzfahrt ist eine gefahrgeneigte Tätigkeit – und wir wollen ja, dass alle wieder gesund nach Hause kommen." Auch wenn die Simulation nicht hundertprozentig realistisch sein könne, habe es nach den Einsätzen der Vorgänger-Simulatoren öfter die Rückmeldung gegeben, dass ein Teilnehmer später im Einsatz tatsächlich eine kritische Situation erlebt hat, die er zuvor am Computer trainiert hatte – und entsprechend gut darauf vorbereitet war.

Feuerwehr Amberg-Sulzbach bildet Drohnen-Piloten aus

Kümmersbruck
Während ein Ausbildungs-Teilnehmer seine Einsatzfahrt übt, kann im Hintergrund ein Trainer auf einem eigenen Bildschirm mitverfolgen, was er vorne auf dem Fahrersitz macht – neben dem Übungsfilm sieht er hier auch die Geschwindikeit und wann der Fahrer bremst.

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