22.02.2021 - 11:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Bildung in der Krise: Amberger Schüler fordern Neustart

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Die Corona-Pandemie hat den Unterrichtsalltag an den Schulen stark verändert. Schüler aus Amberg gehen noch einen Schritt weiter: Sie benennen, was sich ihrer Meinung nach grundsätzlich im Bereich Schule verändern sollte.

Home-Schooling: Die Coronapandemie machte plötzlich neue Unterrichtsmethoden erforderlich.

Von Benedikt Lueger

Rund elf Monate ist es her, seitdem Ministerpräsident Markus Söder die Schüler in den ersten Home-Schooling-Block schickte. Ein Jahr später sind die Schüler in ganz Deutschland bis auf wenige Ausnahmen zu Hause. Was macht diese Entwicklung mit den Kindern und Jugendlichen? Einige Schülerinnen und Schüler aus Amberg und Umgebung haben ganz klare Antworten auf diese Frage.

Während der Beginn der Online-Schooling-Phase häufig vor allem von technischen Schwierigkeiten mit der Lernplattform Mebis überschattet wurde oder Schüler über zu schlechtes Internet klagten, haben sich diese Probleme mittlerweile meist gelegt. Dennoch macht die Pandemie schonungslos auf ein Problem aufmerksam, dessen Ursprung weit vor Corona liegt: Der Digitalisierung wurde in den vergangenen Jahren in Schulen deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt, als in anderen Bereichen der Gesellschaft. Die Folgen: Es gibt immer noch Lehrer, die nicht in jedem Klassenzimmer auf gutes Internet zugreifen können oder keinen Weg finden, mit ihren Schülern unkompliziert digital in Kontakt zu treten, ohne gegen Datenschutz-Richtlinien zu verstoßen. Erst seit 2019 kann der Bund die Länder beim digitalen Aufrüsten unterstützen: Die Änderung des Grundgesetzes machte es möglich, dass der „Digitalpakt Schule“ ins Leben gerufen werden konnte, mit dem Länder finanzielle Unterstützung für neue Geräte oder Infrastruktur bekommen.

Gerade die Schulen müssen während der Pandemie einen Spagat schaffen

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"Es fehlt einfach das technische Know-how, vor allem bei den Lehrern. Es sollte mehr Fortbildungen geben, bei denen technisches Wissen vermittelt wird", findet Nina Ringer, Schülersprecherin am Max-Reger-Gymnasium (MRG). Corona lege nun Versäumnisse vergangener Jahre schonungslos offen. Vielerorts sind klassische Frontal-Unterrichtsmodelle nach wie vor Standard, Digitalisierung bedeutete manchmal nur, den Unterrichtsvortrag nicht mehr mit Grafiken vom Overhead-Projektor zu untermalen, sondern die Bilder mit dem Beamer an die Wand zu werfen.

Nina Ringer.

Nina Ringer könnte sich auch vorstellen, dass die Erfahrungen aus der Pandemie dazu führen, das Bewertungssystem zu überarbeiten. "Es sollte mehr Wert auf die Bemühungen jedes Schülers gelegt werden. Durch die schriftlichen Leistungsnachweise wird nur geprüft, wie viel man sich schnell merken kann und wie gut man mit Stress umgehen kann. Sie sagen aber nichts über die Intelligenz, das Können und den persönlichen Wert aus." Die Zehntklässlerin wünscht sich, dass mehr auf ein positives Lernumfeld geachtet wird und der Leistungsdruck nicht mehr an erster Stelle steht.

Was fehlt: "Wie mache ich meine Steuererklärung?"

"Ich finde, dass im deutschen Schulsystem wichtige Themen fehlen, wie zum Beispiel "Wie mache ich meine Steuererklärung?" oder "Worauf muss man bei einer Versicherung achten?", sagt Antonia Lueger (13), die die Montessori-Schule in Amberg besucht. "Meiner Meinung nach reicht es nicht, einen Schulabschluss zu haben, um nach seiner Schulzeit richtig loszulegen zu können. Man muss auch wissen, wie es für einen persönlich weitergehen soll. Welche Ausbildung ist die richtige? Welchen Weg gehe ich jetzt? In diesem Punkt, der Vorbereitung aufs Leben nach der Schule, finde ich unser Schulsystem sehr löchrig."

Antonia Lueger.

Mehr auf digitale Medien achten

Auch Paula Matthalm (13), besucht die Montessori-Schule. "Ich finde, dass in unserem Schulsystem mehr auf digitale Medien geachtet werden muss, in vielen Schulen fehlt auch die technische Ausstattung", sagt sie. Corona habe auch gezeigt, dass Plattformen wie Mebis besser werden müssen: "Immerhin konnten nicht alle Schüler am Unterricht teilnehmen, weil sie überhaupt nicht auf die Internetseite kamen." Die Schülerin freut sich auf das Ende der Pandemie: "Nach Covid-19 wird die Schule mehr Spaß machen, weil während dem Alleine-Lernen während des Lockdowns klar geworden ist, dass Lernen zusammen besser ist."

Paula Matthalm.

Wegen der Lernplattform Mebis gab es auch im Landtag Streit

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Wo bleibt der Klimawandel?

Es ist Zeit, den Lehrplan zu entstauben - das meinen Paulina Keppler und Celina Beyerlein, ebenfalls Schülersprecherinnen am MRG. "Es sollte auch an Gymnasien mehr Anwendungsfächer geben. So etwas wie Hauswirtschaft wäre meist im späteren Leben hilfreicher, als eine Kurvendiskussion führen zu können." Auch der Kampf gegen den Klimawandel kommt den Schülerinnen zu kurz. "Ein Fach wie Ökologisches Handeln, in welchem die aktuellen Problematiken und deren Lösungen diskutiert werden, wäre durchaus wichtig." Schülersprecher-Kollegin Amelie Nutz verweist auf weitere Chancen, die sich gerade ergeben: "Wir alle werden selbstständiger und flexibler sein, außerdem werden wir das gemeinsame Zusammensein und Lernen in der Schule deutlich mehr wertschätzen als zuvor."

Celina Beyerlein.
Amelie Nutz.
Paula Keppler.

Weg vom starren Bewertungssystem

Neue Weichenstellungen hält auch Gymnasiast Samuel Heider (13) für geboten: "Ein wichtiger Aspekt, der verbessert werden sollte, ist das eigenständige Arbeiten. Dies sollte in den Schulen mehr gefördert und gelehrt werden, weil es einfach wichtig ist für das spätere Leben." Heider wünscht sich, dass die Schulen weniger auf Abfragen oder Stehgreifaufgaben setzen, sondern mehr auf die Unterrichtsbeiträge. "Das kann Stress und Angst vor schlechten Noten nehmen." Der ständige Druck, der ist auch Thema von Hanna Smedseng (17), ehemalige Bezirksschülersprecherin der Oberpfalz. "Es gibt sehr viele wirklich intelligente Kinder, die sich durch den Notendruck nicht ihren Interessen zuwenden können. Es muss nicht jeder Bestnoten in allen Fächern haben, stattdessen sollte mehr Wert drauf gelegt werden, dass man die individuellen Interessen und Stärken fördert", erklärt sie. Das Lehrmodell „Lehrer vorne am Pult, Schüler sitzen im Klassenzimmer und hören zu“ sollte neu gedacht werden. "Mehr Lehrer und kleinere Klassen wären natürlich besser, um Schüler individuell zu fördern. Oft sind die Probleme der Schüler klein, aber da im Unterricht selten die Zeit bleibt, auf 30 kleine Probleme einzugehen, häufen sich die Wissenslücken und sind dann Ursachen für schlechte Noten." Auch das starre Bewertungssystem sieht die 17-Jährige kritisch. "Ich denke, dass die Noten in der Schule nur beweisen, wie gut jemand auswendig lernen kann oder wie sehr man in die Erwartungen des Lehrers passt. Ob das so zielführend ist bei der Bildung einer eigenständigen, selbstbewussten Generation, ist zu hinterfragen." Sie selber habe das meiste, was in der Schule gelehrt worden sei, im Alltag nicht konkret gebraucht. "Unter anderem sollte mehr Wert auf politische Bildung gelegt werden", findet sie.

Hanna Smedseng.

Wie Pädagogen die Herausforderungen der Krise sehen

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Jetzt die Weichen richtig stellen

Pandemie als Chance: In vielen Bereichen mag das nur für wenige Privilegierte gelten, die unbeschadet durch die Zeiten von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen gekommen sind – im Bereich Schule könnte sich der Slogan aber tatsächlich als tragfähig erweisen. Corona hat im Schulsystem so viel über den Haufen geworfen, wie in vielen Jahren zuvor nicht. Nachdem Schulentwicklung lange nur Nebensache war, zeigte sich plötzlich schonungslos, dass es jede Menge Nachholbedarf gibt. Wenn jetzt aber an den notgedrungenen Wandel in der Pandemie angeknüpft werden kann, könnte sich nach Corona tatsächlich etwas zum Besseren verändern: Mehr Digitalisierung, mehr Eigenverantwortung für Schüler, weniger Notendruck, neuer Lernalltag, weg von ewigen Frontalvorträgen des Lehrers. All das kann aber nur gelingen, wenn aktuelle Probleme angegangen werden. Denn längst nicht alle Schüler werden im Online-Unterricht erreicht, Schüler die schon vor der Pandemie Schwierigkeiten in der Schule hatten, sind jetzt noch weiter abgehängt. Auch die Situation zu Hause verstärkt bestehende Ungleichheiten: Alleine im Zimmer mit eigenem Laptop lernt es sich nun mal besser, als in einer kleinen Wohnung, in der man sich einen Laptop mit zwei Geschwistern teilen muss. Neue Geräte für Schüler, funktionierende Plattformen und engagierte Lehrkräfte begegnen diesen Problemen bereits. Das zeigt: Mit gemeinsamer Anstrengung kann aus der Pandemie tatsächlich ein gestärktes Bildungssystem hervorgehen.

Von Benedikt Lueger

Info:

Zum Autor

Der Autor Benedikt Lueger ist als freier Mitarbeiter für Oberpfalz-Medien tätig. Er ist 19 Jahre alt, hat 2020 Abitur am Erasmus-Gymnasium in Amberg gemacht und war davor Schülersprecher und Zweiter Bezirksschülersprecher der Oberpfalz.

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