02.11.2018 - 10:45 Uhr
AmbergOberpfalz

Aus Briefen im Ersten Weltkrieg: "Es ist kein Krieg mehr, es ist bloß ein Morden"

Zur Erntezeit überkommt ihn das Heimweh besonders stark. Doch wenn Hans Spieß aus Schäflohe auf die Kameraden schaut, die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs neben ihm kämpfen, hält er sich für einen Glückspilz. Bis zum 22. Oktober 1918.

von Markus Müller Kontakt Profil

Hans Spieß ist 1915 Bergmann, wie sein Vater, verdient also mit harter Arbeit seinen Lebensunterhalt. In den Krieg zieht es ihn trotzdem nicht. Freiwillig zur Armee melden, wie so viele kriegsbegeisterte Bürgersöhne? Nein! Am 15. Oktober 1915 wird er mit gerade einmal 19 Jahren trotzdem eingezogen. Die Militärbürokratie fackelt nicht lange; wenn die Front Menschenleben zu Tausenden verschlingt, holt sie einfach Nachschub aus der Heimat.

Zum Kriegshelden taugt Hans Spieß von seinem Äußeren her nicht. Seine Kriegsstammrolle (ein penibles Verzeichnis seiner Einheiten und Einsätze) gibt eine Körpergröße von gerade einmal 1,52 Meter bei "schlanker Gestalt" an. Doch die Infanterie hat Verwendung für den schmächtigen jungen Mann. Er wird zum Richtschützen am Maschinengewehr ausgebildet und ist ab Oktober 1916 "im Feld". "Stellungskämpfe im Ober-Elsaß" gibt die Stammrolle für die Zeit zwischen dieser Zeit und März 1918 an.

"Traurig anzusehen"

Die Briefe, die Hans Spieß (mit ungelenkem Satzbau sowie eigenwilliger Rechtschreibung) an seine Eltern und seine vier Geschwister nach Hause schickt, machen deutlich, was so ein dürrer Eintrag in einer Militär-Akte für einen Menschen in der Realität des Krieges bedeutet.

Etwa an dieser Stelle: "Ich glaubt es nicht was es ist im Mienenfeuer zu liegen die Franzmänner bringen Mienen herüber über 3 Ztr groß wenns so einen Unterstand erwischt da zermalt sie 10 Mann daß man kein Gliedmaß find es ist alles traurig so etwas anzusehn, die schönen Ortschaften ein Schuthaufen. In der vorigen Stellung lagen wir mit dem Gewehr in einer zerschossenen Kirche neben war ein Friedhof da haben wir so Artillerifeuer und sie schossen imer ihn den Friedhof daß uns die Gebeine in daß Gesicht flogen. Am allerbesten greift daß einen an wen es deinen besten Kameraden zerreist und mußt ihn bei dir liegen lassen bis es Finster wird und eingraben kanst."

Schon 1916 weiß der junge Schäfloher: "Es ist als kein Krieg mehr es ist bloß ein morden." Wobei er einmal betont, das Schlimmste dürfe er ja gar nicht schreiben, da die Briefe zuerst von Vorgesetzten gelesen würden, bevor man sie abschicke.

Große Freude lösen bei Hans Spieß jedes Mal die Pakete vom heimatlichen Bauernhof aus, die Verpflegung enthalten, denn damit steht es an Front nicht zum Besten, trotz der Strapazen, denen die Soldaten ausgesetzt sind: "Man soll es nicht glauben daß man so lang aushalten kann den so ein Essen hab ich mein Leben noch nicht gegessen in der Früh gekochtes Wasser Kaffe genannt Mittags hie und da kaum zu sehen ists Fleisch und sonst Fleischlos und andauernt gelbe und weiße Rüben aber schon so gekocht daß unsere Schweine Zuhause nicht fressen würden." Spieß macht mit, was fast alle seine Kameraden auch erlebt haben dürften: Hunger, Entkräftung, Lungenentzündung, Verwundung durch eine Handgranate, Todesangst. Doch er hängt am Leben; Hoffnung geben ihm die Aussicht auf Heimaturlaub und die Wunschvorstellung vom baldigen Kriegsende, nach dem er daheim wieder bei der Getreideernte mithelfen könnte.

Kochen im Kasino

Für Beruhigung dürfte bei den Eltern im Frühjahr 1917 auch die Nachricht gesorgt haben, dass ihr Sohn Offiziersbursche geworden ist. Er kümmert sich jetzt mehr um Pferde und das Kochen im Kasino als um die vorderste Font: "Und ist einmal was loß dann geh ich nicht soweit hin."

Am 31. Dezember 1917 - Spieß ist seit kurzem Gefreiter - berichtet er von den Gasgranaten, die jetzt verstärkt auftauchen, gibt aber gleichzeitig Entwarnung: "Seidt nur nicht bekümert um mich ich bin nicht so dum, wenns einmal gar unangenehm wird wird sich verrollt, und zwar im tiefsten Stollen, da wo uns der Heldendot nimer erreicht."

Er verzichte gerne auf Eiserne Kreuze, schreibt er am 12. Februar 1918 - "mir ist mein Leben lieber, aber leider muß ein jeder hin, und wehren tut man sich doch weils in der Gefangenschaft auch nichts ist".

Ein Drückeberger ist der junge Oberpfälzer bei allen Versicherungen an die Eltern, die Gefahr zu meiden, aber nicht: Im Juli 1918 - er kämpft inzwischen in einer Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung an der Marne, in der Champagne, bei Reims - wird er mit dem Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse mit Schwertern sowie dem Eisernen Kreuz 2. Klasse dekoriert. Die Stammrolle verzeichnet aber nicht, wofür er diese Auszeichnungen erhielt.

Schuss ins Herz

Im August wird der inzwischen 22-Jährige zum Unteroffizier befördert, doch das entfacht in ihm keine Euphorie. Der unablässige Rückzug, die immensen Verluste, die Gerüchte von den 80 000 Mann, die freiwillig die Waffen niedergelegt haben, machen ihm klar, dass der Krieg verloren ist. Wie gern würde er jetzt in Schäflohe mit dreschen. Stattdessen muss er mit ansehen, wie die nächsten Jahrgänge aus der Heimat an die Front getrieben werden: "Daß sind so die reinsten Kinder und müssen ins Feuer schreien sie Ihrer Mutter und weinen".

Den letzten Brief an die Eltern schreibt Hans Spieß am 21. Oktober 1918. Er ist kurz, es bleibt nur wenig Zeit zwischen den ständigen Kämpfen um die "Hermannstellung". In der Heimat sollen sie "nicht bekümmert" sein, steht drin, denn der Krieg könne nicht mehr lange dauern. Er hatte recht: 20 Tage später beendete ein Waffenstillstand das sinnlose Töten. Doch Hans Spieß erlebte das nicht mehr: Am 22. Oktober fiel er durch einen Herzschuss.

Hintergrund:

Gut 70 Briefe von Hans Spieß an seine Eltern und Geschwister in Schäflohe sind erhalten. Sie lagern mit der Signatur „Kriegsbriefe 340“ im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Die Stücke aus diesem Bestand wurden dem Archiv in der Regel als Schenkung überlassen. Einige der Briefe sind auszugsweise veröffentlicht in dem von Bernd Ulrich und Benjamin Ziemann herausgegebenen Buch “Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit” (Frankfurt/Main 1994), und zwar auf den Seiten 181 bis 187. (ll)

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