21.06.2021 - 17:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Ist es Brutalarchitektur oder sogar ein Beispiel für das Bauen der Zukunft?

Ist es hässliche Brutalarchitektur? Oder ein gelungenes Beispiel für das Urban Living der Zukunft? Die Ten-Brinke-Planungen für das Amberger Bürgerspitalareal werden sehr unterschiedlich gesehen. Je nachdem, was man sich davon erwartet.

Projektleiter Roland Seissler (von links) und die Regensburger Ten-Brinke-Niederlassungsleiterin Sandra Kainz sind überzeugt vom Projekt Leben AM Spitalgraben. Stadtheimatpflegerin Beate Wolters (rechts) hingegen hätte das alles gerne ein paar Nummern kleiner.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Die einen, das sind Sandra Kainz und Roland Seissler vom Investor Ten Brinke, reden von einem Musterbeispiel für das Urban Living. Sie sehen das Projekt auf dem Bürgerspitalareal als Referenz-Objekt für die Zukunft des innerstädtischen Bauens. Die andere, Stadtheimatpflegerin Beate Wolters, hätte das alles gerne ein gutes Stück kleiner und weniger wuchtig. Und sie bezweifelt, dass das Konzept mit einem großen Nahversorger in der Oststadt aufgehen wird. Vor Ort diskutieren beide Parteien über das, was hier ab dem Frühjahr 2022 entstehen soll.

Planung hat sich stark verändert

Vor sechs Jahren startete der Wettbewerb für die Bebauung des Bürgerspitalareals. Sechs Jahre, in denen das Thema Nachhaltigkeit das Baugewerbe eingeholt habe, sagt Sandra Kainz, die Leiterin der Ten-Brinke-Niederlassung in Regensburg. Fassadenbegrünung, ein grünes Dach, Urban Gardening auf den Freiflächen im Obergeschoss - das sind ihre Stichpunkte. "Wir wollen weniger Versiegelung und mehr Natur", ergänzt Projektleiter Roland Seissler. Entsprechend verändert präsentiere sich der ursprüngliche Ten-Brinke-Entwurf inzwischen, ohne aber die Grundvorgaben des Wettbewerbs zu vernachlässigen.

"Wir wollen weniger Versiegelung und mehr Natur."

Roland Seissler, Ten-Brinke-Projektleiter für das Bürgerspitalareal

Roland Seissler, Ten-Brinke-Projektleiter für das Bürgerspitalareal

Eine zentrale Forderung sei es damals wie heute gewesen, einen zusätzlichen Nahversorger in diesen Bereich der Altstadt zu bringen, sagen Seissler und Kainz unisono. Ein großer Anbieter, der noch nicht genannt werden will, habe inzwischen auch für mindestens 15 Jahre einen Vertrag unterschrieben. Wohl wissend, dass er in der verkleinerten Tiefgarage unter dem Gebäude keine Stellplätze zur Verfügung haben wird. Aber müssen es unbedingt die knapp 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche sein, die der Investor im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes eingeplant hat? Unbedingt, sagt Sandra Kainz, man benötige die Fläche, "damit das Einkaufen auch angenehm ist".

Stadtheimatpflegerin für kleinere Einheiten

Stadtheimatpflegerin Beate Wolters hingegen plädiert für eine kleinere Einheit. "Ich kann mir diese Größe überhaupt nicht vorstellen", sagt sie und begründet, warum der Nahversorger in ihren Augen eine "Totgeburt" sein wird. Denn die Menschen, die heute schon in den sanierten Wohnungen in der Altstadt wohnen, würden diesen Markt nicht brauchen. "Die kaufen im Bioladen, auf dem Marktplatz und den kleinen Geschäften in der Altstadt ein." Auf der anderen Seite leben laut Wolters in der Altstadt aber auch sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund. "Die sind aber bestens versorgt über ihre speziellen Läden, die kaufen hier auch nicht ein." Wer also, so fragte Beate Wolters, soll überhaupt hierher kommen?

"Die meisten Leute werden nicht oben über das Gebäude schweben können."

Stadtheimatpflegerin Beate Wolters dazu, dass ihr ein grünes Dache allein zu wenig Natur ist

Stadtheimatpflegerin Beate Wolters dazu, dass ihr ein grünes Dache allein zu wenig Natur ist

Nahversorger eine "Totgeburt"

Das sehen die Ten-Brinke-Leute naturgemäß völlig anders. Zumal sich der Lebensmittelhandel ja inzwischen durchaus auf die biologischen und regionalen Bedürfnisse seiner Kunden einstelle. "Dafür gibt es heute ganz spezielle Konzepte", sagt Roland Seissler. Das sei im Vorfeld auch noch einmal durch ein Gutachten untermauert worden. "Der Markt hier ist ganz anders aufgestellt, als beispielsweise der kleine Netto in der Georgenstraße." Auf der anderen Seite werde dieser Nahversorger selbstverständlich nicht in Konkurrenz zu den bestehenden Läden und dem Angebot der Markthändler treten, ergänzt Sandra Kainz.

Die Stadtheimatpflegerin denkt aber auch grundsätzlich in eine andere Richtung. Ein verkleinerter Nahversorger wäre ihrer Einschätzung nach nämlich die Chance, den Komplex in mehrere Einzelgebäude aufzuteilen. Um damit die Wuchtigkeit zu beseitigen, die das Ganze gerade im Erdgeschoss so monströs erscheinen lasse. Da schütteln Sandra Kainz und Roland Seissler aber nur die Köpfe. Am Grundgerüst darf nicht mehr gerüttelt werden, dafür werde ja an Fassade und Dach mit sehr viel Grün gearbeitet. Aber unten, dort wo die Menschen gehen und sich aufhalten, liege doch das Problem. Da müsse mehr Natur hin, entgegnet Beate Wolters. "Die meisten Leute werden nicht oben über das Gebäude schweben können", hebt sie auf das grüne Dach ab.

Projekt heißt jetzt "Leben AM Spitalgraben"

Einig ist man sich in der Diskussion, dass die ursprünglich in der Bahnhofstraße geplante Tiefgarageneinfahrt keine gute Idee gewesen ist. Damals habe aber auch noch die Absicht bestanden, das ehemalige Storggebäude gegenüber in der Bahnhofstraße ebenfalls darüber anzuschließen, sagt Roland Seissler. Letztendlich fehlten durch den Wegfall des zweiten Tiefgaragengeschosses aber heute nur knapp 30 Stellplätze, der Verlust sei also gut zu verschmerzen. "Obwohl es im ersten Augenblick schon ein Schock für uns gewesen ist", gibt Roland Seissler zu.

Das Projekt hat inzwischen übrigens auch einen Namen: "Leben AM Spitalgraben" – das AM in der Mitte wird grün geschrieben, um die naturnahe Planung zu unterstreichen. Denn für Ten Brinke ist der Bau auf dem Bürgerspitalareal laut Kainz und Seissler ein absolutes Pilot- und Vorzeigeobjekt für das innerstädtische Bauen in der Zukunft. Mit viel Grün und weiteren Veränderungen, wie sie ankündigen. So will Sandra Kainz den Platz zwischen Spitalkirche und Ten-Brinke-Bau mit einem Wasserspiel aufwerten, außerdem soll die ausgewiesene Freischankfläche vergrößert werden, um hier die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.

Unterschiedliche Auffassungen

Grundsätzlich sind die Vertreter von Ten Brinke überzeugt davon, an dieser Stelle in der Amberger Altstadt das Richtige zu bauen: Ein Gebäude, das sich harmonisch in die Altstadt einfügt, das die Zukunft urbanen Bauens vorwegnimmt, das neuen Wohnraum im Ei schafft und als Nahversorger für die Umgebung dient. Die Stadtheimatpflegerin hingegen sieht das alles doch erheblich anders: Zu groß, zu wuchtig, auch optisch nicht schön und mit einem Nahversorgungs-Konzept, das in ihren Augen nicht aufgehen kann. Doch im Gespräch sind beide Seiten.

Die IG Menschengerechte Stadt hat bereits rund 3000 Unterschriften gesammelt

Amberg
Hintergrund:

Ten-Brinke will im Frühjahr 2022 beginnen

  • Name: Leben AM Spitalgraben
  • Standort: Ehemaliges Bürgerspitalareal in der Bahnhofstraße
  • Ten Brinke plant auf rund 4000 Quadratmetern einen Gebäudekomplex mit einem großen Nahversorger (1000 Quadratmeter), rund 50 Wohnungen und Gewerbe (ingesamt 650 Quadratmeter) sowie 106 Tiefgaragenstellplätzen
  • Investitionssumme: Rund 25 Millionen Euro (Stand 2016)
  • Baubeginn: Frühjahr 2022, wenn bis dahin die Stadt Amberg die Baugenehmigung erteilt hat. Fertigstellung für 2024 geplant
  • Derzeit läuft noch das Aufstellungsverfahren für den vorhabenbezogenen Bebauungsplan
  • Gegen das Vorhaben läuft ein Bürgerbegehren der IG Menschengerechten Stadt
Kommentar:

Die Zeiten haben sich geändert

Wie sich die Zeiten doch ändern. Es ist noch gar nicht lange her, da reagierten die Vertreter von Ten Brinke in Regensburg auf Presseanfragen in Sachen Bürgerspitalareal entweder überhaupt nicht oder nur in dürren E-Mails. Doch seit einiger Zeit läuft die Charme-Offensive, Niederlassungsleiterin Sandra Kainz und Projektleiter Roland Seissler geben sich nun nahbar und kommunikativ.

Der Grund dafür ist mit Händen greifbar: Die IG Menschengerechte Stadt hat inzwischen rund 3000 Unterschriften für ihr Bürgerbegehren gegen das Ten-Brinke-Projekt gesammelt, ein Bürgerentscheid droht es zu kippen. Jetzt zählen die besseren Argumente - die Bürger werden sehr genau hinsehen, was ihnen da im Herzen der Stadt gebaut werden soll.

Das Objekt hat sich übrigens inzwischen stark gewandelt - nicht zuletzt Dank der zum Teil heftigen Kritik aus Öffentlichkeit und Stadtrat. Ten Brinke will nun mehr Grün wagen, will sogar ein Beispiel für das innerstädtische Wohnen und Leben der Zukunft schaffen. Hoffen wir, dass hier nicht nur grün gewaschen werden soll.

Von Andreas Ascherl

 

 

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